Das fünfte Pergament

Erschienen: 05/2018

Genre: Romantic Thrill
Zusätzlich: Contemporary, Krimi, Mystery Romance

Location: Süd-Frankreich, Razès, Rennes-le-Château

Seitenanzahl: 356


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-354-5
ebook: 978-3-86495-355-2

Preis:
Print: 13,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Das fünfte Pergament


Inhaltsangabe

In einer alten Chronik des Klosters von Landévennec stößt der Architekt Pierre LeBreton auf ein bisher unbekanntes Pergament der Templer. Ihr letzter Großmeister – Jacques de Molay - vertraut darin wenige Tage vor seiner Verhaftung im Oktober 1307 einem gewissen Herrn von Blanchefort einen Großteil des Templerschatzes an. Da kommt Pierre die Geschichtswissenschaftlerin Beatrix Greifenberg, die mit ihrem Auto seinen Gartenzaun zu Schrott fährt, gerade recht! 

Gemeinsam machen Beatrix und Pierre sich auf ins Razès, zum Stammsitz derer von Blanchefort. In den alten Stollen unter Rennes-le-Château stoßen sie auf ein ungeheuerliches Geheimnis und werden in einen Strudel abenteuerlicher Ereignisse gezogen, die die beiden auf der Suche nach dem Templerschatz quer durch Frankreich führen ...

Ein Mystery Südfrankreich-Krimi.

 
Hinweis: Der Roman ist 2011 bereits unter dem Titel "Lustnächte" erschienen. Für die hier vorliegende Neuausgabe wurde der Roman vollständig umgeschrieben, erweitert und der Fokus auf die Mystery-Geschichte gelegt. Die Erotikelemente wurden reduziert.

Über die Autorin

Barbara Mansion, Jahrgang 1961, lebt mit ihrem Mann und etlichen Haustieren in einem kleinen Dorf unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze. Kreatives Schreiben lernte sie an einer Hamburger Akademie. Nach mehreren historischen Kriminalromanen wagt sie mit „Das fünfte Pergament“ einen ersten...

Leseprobe

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Leseprobe 1

„Alles Touristenkram“, knurrte Pierre, als er mit Beatrix an der Hand von der Grand Rue in die kleine, enge Gasse abbog, an deren Ende der Eingang zu Sainte-Marie-Madeleine lag.

Tatsächlich musste Beatrix ihm diesmal beipflichten. Die schmale Gasse war gesäumt von Hinweisschildern in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch, obwohl sie so überschaubar war, dass es keines Wegweisers bedurft hätte. Geradeaus endete sie an dem geschnitzten Portal von Sainte-Marie-Madeleine, rechts gab es ein grün gestrichenes schmiedeeisernes Tor, das auf den örtlichen Friedhof führte, das aber mit einer Eisenkette verschlossen war, um die...

...Touristen fernzuhalten. Links hinter einem Torbogen befand sich der Eingang zum Museum, das im ehemaligen Pfarrhaus untergebracht war, sowie dem Tour Magdala und dem Park Saunières.

„Und die Bilder mit den Pfeilen sind für die Analphabeten, damit die auch wissen, wo sie ihren Eintritt bezahlen sollen.“

„Ach komm, Pierre! So viele Touristen sind gar nicht da. Und für die Besichtigung der Kirche dürfen sie keinen Eintritt nehmen.“

„Stimmt“, murmelte er, und sein Blick ging demonstrativ zu dem Tischchen direkt hinter der einladend offenen stehenden Eingangstür, auf dem es – von aufwendigen Andenkenkerzen mit dem Bildnis Saunières bis hin zu einfachen Teelichtern, die man für sein Seelenheil anzünden konnte – alles gab. Natürlich gegen eine entsprechende Spende.

„Vergiss es, alter Griesgram. Sie nutzen nur die kargen Möglichkeiten, die der Tourismus hier bietet.“

„Karge Möglichkeiten? Im Sommer überrennen Tausende diesen Ort. Da nehmen die paar Einwohner hier genug ein, um gut über den Winter zu kommen.“

 „Schau lieber nach oben. Da siehst du die Inschriften, die Saunière bei seinen Renovierungsarbeiten hat einmeißeln lassen.“

Gehorsam lenkte Pierre seinen Blick zu den zwei gelben Kachelreihen, die Saunière seinerzeit am Vordach hatte ergänzen lassen. Sie trafen sich an der Spitze zu einem Sacré-Coeur, dem Heiligen Herzen, das in der christlichen Symbolik für die Liebe Christi zu den Menschen steht. Beide Reihen wurden jeweils von einer steinernen Taube abgeschlossen und waren in acht Segmente unterteilt. Direkt über dem Eingang waren die besagten Inschriften zu sehen.

„Kannst du die übersetzen?“, fragte Pierre.

„Hm, ja.“

„Und?“

Hic domus dei est et porta coelis heißt: Dies ist das Haus Gottes und das Tor zum Himmel. Die zweite Inschrift lautet: Domus mea domus orationis vocabitur, was so viel heißt wie: Mein Haus wird das Haus der Gebete genannt. Dann geht es hier weiter mit: Terribilis est locus iste, dieser Ort ist schrecklich. Ganz unten steht: Lumen in coelo, das Licht ist im Himmel.“

Pierre starrte noch immer nach oben. „Interessant“, murmelte er.

„Die dritte Inschrift ist eigentlich ein Teil der ersten. Das Zitat stammt aus der Genesis und heißt vollständig: Dieser Ort ist schrecklich, es ist das Haus Gottes, das Tor zum Himmel“, erklärte Beatrix. „Die zweite Inschrift ist unvollständig. Normalerweise lautet dieser Satz: Mein Haus wird das Haus der Gebete genannt, ihr aber habt einen Ort der Gauner daraus gemacht.“

„Also, entweder war Saunière ein sehr vorausschauender Mann, der in einer Zukunftsvision gesehen haben muss, wie man heute die Touristen hier abzockt, oder aber …“

„Oder aber … was?“

„Oder aber Saunière war nicht unbedingt der frömmste Christ. Mach ein ordentliches Foto davon. Wir schicken es an Jean-Luc. Gewiss hat der Herr Professor auch eine Meinung dazu.“

Zumindest war Jean-Luc damit weiterhin beschäftigt und kam nicht auf dumme Ideen. Zum Beispiel auf die, Rennes-le-Château einen Besuch abzustatten.

Trotz des noch immer warmen Wetters war nicht viel los im Ort. An der Kasse des Museums standen nur vereinzelte Touristen mit Rucksäcken und Wanderschuhen, und die kleine Kirche war ebenfalls fast menschenleer. Während Beatrix die Statue des Dämons Asmodeus links hinter dem Eingang studierte, ließ Pierre seinen Blick durch das Kirchenschiff schweifen. Wider Willen war er beeindruckt. Hier waren weiß Gott keine Stümper am Werk gewesen. War der Beichtstuhl im Eingangsbereich schon das Werk eines Künstlers, so war das dreidimensionale Wandbild mit der Seligpreisung, das sich fast über die gesamte Breite des Raumes erstreckte, von solch einer Eleganz und Grazie, wie man sie niemals in einer Dorfkirche wie dieser vermuten würde. Den Weg zum Altar säumten rechts und links der Sitzreihen Statuen der Heiligen Ste. Germaine, Ste. Madeleine, St. Antoin de Padoue, St. Antoine Ermite und St. Roch, dazwischen hingen die vierzehn Kreuzwegstationen. Der Altarraum war der Heiligen Familie vorbehalten. Josef stand auf der linken, Maria auf der rechten Seite und beide hielten je ein Kind auf dem Arm. Zwei Kinder! Gerade wollte er Beatrix darauf aufmerksam machen, als sie ihm ein Zeichen machte, zu einer der Kreuzwegstationen zu kommen.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber schau dir mal die Kreuzwegstationen an. Etwas stimmt damit nicht. So wie hier so einiges nicht mit der Bibel übereinstimmt. Und dann: Sieh dir die Heilige Familie an. Sie haben zwei Kinder. Aber laut der Evangelien hatten sie nur Jesus.“

„Darauf wollte ich dich ebenfalls gerade aufmerksam machen. Allerdings muss es nicht unbedingt stimmen, dass Jesus ein Einzelkind war. Obwohl es weitaus mehr gab, werden in der Bibel überhaupt nur vier Evangelisten zitiert, und von denen auch nur, was der Kirche in den Kram passt. Mangels brauchbarer Verhütungsmittel wird es bei den beiden wohl kaum bei einem einzigen Kind geblieben sein.“

„Pierre! Bitte bleib ernst. Wenn wir uns genau umschauen, fallen uns gewiss noch mehr Absonderlichkeiten in der Ausstattung dieser Kirche auf. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Abbé Saunière der Nachwelt dadurch einen Hinweis geben wollte.“

Pierre räusperte sich.

„Was ist?“

„Ich widerspreche dir ungern, Liebes. Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Saunière hier etwas ganz Außergewöhnliches geschaffen hat. Wir sind uns auch einig darin, dass allein die Renovierung dieser Kirche ungeheuer viel Geld gekostet haben muss, denn jedes Detail ist ein Kunstwerk für sich. Und solch hervorragende Künstler haben früher wie heute nicht umsonst gearbeitet. Die Frage bleibt bestehen: Woher hatte ein armer Landpfarrer das Geld, um all dies hier zu verwirklichen? Bestimmt nicht vom Messen lesen, wie Madame Junot glaubt. Und ich glaube auch nicht wirklich, dass diese Geldüberweisungen, von denen Jean-Luc sprach, für das alles ausgereicht haben sollen. Da ist ja nicht nur all der Pomp in dieser Kirche, sondern die Villa Béthania war zu ihrer Zeit ebenfalls ein Prachtbau. Dann der Wall, der Bibliotheksturm, die Orangerie, die neue Wasserleitung und nicht zu vergessen die befestigte Straße von Couiza herauf, da, wo vorher nichts als ein besserer Trampelpfad war. Aber jetzt noch eine Frage an deinen klaren Menschenverstand: Warum hätte der gute Abbé in seiner Kirche Hinweise auf seinen Schatz hinterlassen sollen? Er hätte das Versteck dann gleich in der Zeitung veröffentlichen oder sonntags von der Kanzel herunter verbreiten können. Oder?“

„Vielleicht“, räumte Beatrix ein.

„Ganz sicher sogar. Und bevor du vollends mit deinen Spekulationen dorthin gelangst, wo schon Hunderte vor dir gescheitert sind, lass uns bitte andere Wege gehen. Sieh dir noch mal all die Heiligenfiguren an, und sag mir, warum sie alle, ausnahmslos, auf dich starren.“

„Auf mich?“ Beatrix drehte sich einmal um sich selbst und betrachtete genau die lebensgroßen Figuren.

„Und? Hab ich recht?“ Er blickte sie schmunzelnd an, ließ sich dann aber doch zu einer Erklärung herab. „Sie schauen alle auf die Grabplatte der Ritter.“ Als sie noch immer nicht zu verstehen schien, setzte er hinzu: „Du stehst drauf. Zumindest an der Stelle, an der sie sich vor der Renovierung der Kirche befunden haben soll. Sie lag mit der Reliefseite nach unten, direkt vor dem Altar. Und sie ist für mich der erste ernst zu nehmende Hinweis bei der Lösung des Rätsels.“

„Oh!“

„Ja, oh. Wir sehen uns später das Original drüben im Museum an. Die Platte stammt angeblich aus dem achten Jahrhundert und zeigt das Abbild von zwei Rittern. Wenn diese Datierung stimmt, ist sie sehr viel älter als die Kirche hier, die laut Madame Junots Aussage 1059 geweiht wurde. Und sie hat Recht, wenn sie sagt, dass hier ursprünglich schon eine andere Kirche gestanden hat, nämlich eine Kapelle, die auf das achte oder neunte Jahrhundert zurückgeht und den Herren von Rennes gehörte. Und diese Herren werden wohl, wie das seinerzeit gang und gäbe war, in ihrer Kapelle beerdigt worden sein. Daher ist anzunehmen, dass es eine Krypta unter dieser älteren Kapelle gab. Sind wir uns darin einig?“

„Äh …“

„Gut, wir sind uns also einig. Weiter im Text: Es wird angenommen, dass die Grabplatte der Ritter den Eingang zu einer unterirdischen Krypta markierte, von der heute allerdings niemand mehr weiß, wo genau sie ist. Das scheint mir aber weniger von Bedeutung als das Gefäß mit den Goldstücken, das Saunière unter der besagten Grabplatte entdeckt haben soll und von dem man sagt, dass einer seiner Vorgänger, der Curé Antoine Bigou, es dort versteckt haben soll. Natürlich könnte – könnte! – der Abbé diese Goldstücke tatsächlich unter der Grabplatte entdeckt haben. Er könnte sie aber auch ein bisschen tiefer darunter in der alten Gruft gefunden haben. Es wäre durchaus denkbar, dass diese zur Zeit der Renovierung durch Saunière noch zugänglich war und dass er es war, der den Eingang später unkenntlich gemacht hat. Wobei wir uns fragen müssen, zu welchem Zweck.“

„Woher weißt du das alles?“

„Aus dem Internet. Ich habe mich gestern Nacht still beschäftigt während du angesäuselt in Morpheus Armen geschlummert hast.“

„Ich habe was?“

„Entschuldige! Falsche Wortwahl. Gestern Nacht, als du wie ein Engel geschlummert hast, erschöpft von all der frischen Luft hier oben. So, jetzt aber zurück zum Thema: Was sagt dir der Name Bigou?“ Er stellte sich vor sie, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und sah sie an.

„Du sagtest gerade, dass er einer der Pfarrer von Rennes-le-Château war.“

„Genau! Und Bigou war der Beichtvater jener Marie de Nègre. Mit vollständigem Namen: Marie de Nègre d’Ablès, Dame d´Hautpoul, de Blanchefort, de Niort et de Roquefeuil“, dozierte er.

„Die Letzte aus der Ahnenreihe der Blancheforts. Die, deren Grabstein in de Sèdes Buch abgebildet ist.“

„So ist es“, bestätigte Pierre. „Also wären wir schon wieder bei den Blancheforts und ihrer Gruft. Ich denke, dort waren nicht nur diese Goldstücke versteckt, sondern etwas, womit der Abbé weitaus mehr anfangen konnte. Was das war, weiß ich noch nicht. Wir werden es herausfinden. Aber zuerst muss ich jetzt etwas essen. Lass uns gehen. Den Rest sehen wir uns später an.“

Er forderte sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Ausgang auf, sich ihm anzuschließen, und setzte sich in Bewegung. Allerdings steuerte er nicht das Restaurant Le Jardin de Marie im Pfarrgarten an, sondern das Amarante, das sich zwar „Restaurant traditionnel“ nannte, aber eher an eine Dorfkneipe erinnerte.

Entschlossen hielt er auf die Theke zu, schwang sich auf einen Hocker, strahlte den rotgesichtigen Wirt an und fragte artig, ob sie wohl etwas zu essen haben könnten.

„Natürlich weiß ich, dass keine Essenszeit ist, aber meine Frau ist schwanger und es wird ihr gleich übel werden, falls sie nichts in den Magen bekommt. Sie ist ein wenig zart, Sie verstehen …“

An einem Zusammenbruch von Beatrix wollte der Wirt offensichtlich nicht die Schuld tragen, denn er eilte umgehend in die Küche.

Sie saß mit verschränkten Armen und zusammengebissenen Zähnen auf ihrem Hocker. „Nun, ich höre.“

„Eine klitzekleine Notlüge. Anders bekommst du in Frankreich vormittags kein Essen.“

Es blieb Beatrix keine Zeit für eingehende Meinungsäußerungen. Der Wirt kam zurück mit zwei großzügig beladenen Holzbrettern, auf denen sich Brot und Schinken stapelten.

Pierre bedankte sich überschwänglich. Auf die Frage des Wirtes antwortete er, dass seine Frau natürlich auch ein Gläschen Rotwein trinke. „Das kann dem Baby kaum schaden. Meine Frau ist es gewöhnt, zu trinken.“

Beatrix riss erstaunt die Augen auf, sagte aber kein Wort. Nun war sie also noch eine notorische Trinkerin. Ein schönes Bild, das er den Einwohnern von Rennes-le-Château von ihr übermittelte. Na warte, Pierre LeBreton! Beatrix entfernte den Schinken von ihrem Brot und begann wütend zu essen. Elender Mistkerl.

Pierre dagegen stopfte fröhlich mampfend Brot und Schinken in sich hinein und lobte überschwänglich den mittelmäßigen Rotwein. Beatrix hoffte inständig, dass der Wirt sich nicht näher nach der Verwandtschaft vor Ort erkundigen würde, von der Pierre so ausführlich erzählte. Dass ihm all diese Lügen so leicht von den Lippen kamen, wunderte sie weniger als die Tatsache, dass der sonst so verwöhnte Pierre sich mit diesem miserablen Essen zufriedengab.

Warum er das tat, leuchtete ihr ein, als er wie beiläufig das Gespräch auf Abbé Saunière und seinen Schatz brachte. Er wollte den Wirt aushorchen.

Das sei alles ziemlicher Blödsinn, verkündete der rigoros, worauf Pierre sich sichtlich genötigt sah, noch ein bisschen Freundlichkeit zuzulegen, und ihn einlud, auf seine Kosten mitzutrinken. Beatrix beschränkte sich aufs Zuhören und nippte nur ab und zu an ihrem Glas. Zum einen wollte sie einen klaren Kopf bewahren, um Pierre später ausgiebig die Meinung zu sagen. Zum anderen wollte sie um nichts in der Welt schon am Vormittag betrunken aus dem Wirtshaus torkeln, was dem Wirt nur Pierres Aussagen über ihre Trinkgewohnheiten bestätigt hätte.

Zum Glück war Pierre, was den Rotweinkonsum anging, ziemlich hart im Nehmen, denn der Wirt brauchte einiges, bis er redselig wurde. „Also, wenn ich es recht bedenke, hat nicht einer von der Priesterclique seinerzeit ein gutes Ende genommen“, sagte er gerade.

„Nein?“ Pierre beugte sich neugierig über die Theke zu ihm hinüber.

„Nein“, flüsterte der Wirt jetzt verschwörerisch, genehmigte sich ein weiteres Glas auf Pierres Kosten und zählte an seinen dicken Fingern ab, wer im Einzelnen kein gutes Ende genommen hatte. „Da sind zum einen Gélis und Boudet, ebenfalls Pfarrer und gute Bekannte von Saunière, die weniger Glück hatten als er. Antoine Gélis war Pfarrer in Coustaussa. An Allerheiligen 1897 wurde er im Wohnzimmer seines Pfarrhauses von einem Unbekannten erschlagen. Mit einem stumpfen Gegenstand. War sofort mausetot. Den Täter hat man nie gefasst.“ Enttäuscht schüttelte er den Kopf, und Pierre nutzte die Pause, um auf die französische Kriminalpolizei und ihre Unfähigkeit zu schimpfen.

„Ja!“, ereiferte sich der Wirt. „Und man stelle sich vor: Der Täter hatte sein ganzes Haus auf den Kopf gestellt. Das unterste zu oberst gekehrt. Alles durcheinandergeworfen, die Schubladen herausgezerrt, seine sämtlichen Unterlagen auf dem Boden verstreut. Seine Mörder haben alles durchsucht, vom Keller bis zum Dachboden. Und wissen Sie was?“

„Was?“ Pierre schenkte ihm abermals nach.

„Saunière soll ihm ein paar Tage zuvor eine Aktentasche mit Papieren ausgehändigt haben. Die war nach dem Mord verschwunden. Und nur diese Mappe. Seine gesamten Ersparnisse waren alle noch da. Nicht einen Sou haben seine Mörder mitgenommen. Man munkelte damals, dass Abbé Saunière in dieser Nacht dort gesehen worden sei. In Coustaussa. Hatte dann aber ein Alibi für diese Nacht. Seine Haushälterin, Sie wissen schon …“ Verschwörerisch nickte er ihnen zu.

„Und was war mit dem anderen? Boudet?“

„Der war Pfarrer in Rennes-les-Bains. Er wurde auf Betreiben der Diözese 1914 zum Rücktritt gezwungen. Keiner weiß, warum. Daraufhin zog er sich nach Axat zurück. Sein Nachfolger, Rescanières, versuchte wohl zu intensiv, Licht in die Angelegenheit zu bringen, derentwegen Boudet gehen musste. Jedenfalls wurde er in der Silvesternacht 1915 von einem Scharfschützen durch das geschlossene Fenster seines Arbeitszimmers erschossen. Peng! Und als Boudet drei Monate später an den Bischof schrieb, er könne die Sache aufklären, hat es den auch erwischt. Als die Gesandten des Bischofs eintrafen, war er schon tot. Nachbarn haben gesehen, dass er in der Nacht vorher Besuch von zwei Männern hatte. Einer davon soll Saunière gewesen sein.“

„Unglaublich! Wurde er denn auch erschlagen? Boudet meine ich.“

„Nicht erschlagen. Er lag einfach tot in seinem Bett. Als sei nichts gewesen. Aber mein Großonkel Gérard, der Schreiner und Totengräber in Rennes-les-Bains war und den Leichnam in Axat abholte, schwor zeitlebens, dass ihr alter Pfarrer vergiftet worden sei. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Wollte ja keiner, dass sie ihren alten Pfarrer wieder ausgraben und auseinanderschneiden, um die Todesursache festzustellen. Hätte ja nichts mehr geändert. Tot ist tot, oder?“ Inzwischen lallte der Wirt merklich.

Pierre hingegen hielt sich immer noch bewundernswert gerade auf seinem Hocker. Fragte sich nur, wer hier der Säufer war. Beatrix knabberte an ihrem harten Brot und hörte aufmerksam zu, was der Wirt zu berichten hatte.

„Saunière war wohl der Einzige, der eines natürlichen Todes gestorben ist, wie ich höre“, stachelte Pierre den Wirt von Neuem an.

Geheimniskrämerisch beugte der Wirt sich noch weiter über seine Theke. „Das weiß niemand so genau. Seine Haushälterin fand ihn leblos vor dem Tour Magdala. Zwei Tage später starb er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Äußerlich war er wohl unverletzt, aber …“

Was dieses „aber“ war, überließ er ihrer Fantasie.

„Damit ist die Todesserie aber noch nicht zu Ende“, fuhr er fort und Beatrix horchte auf. „Die Haushälterin starb angeblich an einem Schlaganfall.“

Keiner von ihnen machte sich die Mühe, darauf hinzuweisen, dass Marie Dénarnaud zum Zeitpunkt ihres Todes fünfundachtzig Jahre alt gewesen war. Ihr Dahinscheiden hatte wohl kaum künstlicher Nachhilfe bedurft.

„Ihr Besitz und vor allem Saunières Aufzeichnungen gingen an Noël Corbu über, an den sie Jahre vorher auch das Haus und einige Grundstücke verkauft hatte.“ Der Wirt schüttelte traurig den Kopf und fuhr fort: „Corbu kam einige Jahre später bei einem Autounfall ums Leben. War sofort tot. Er starb noch an der Unfallstelle. Ein Laster ist frontal in seinen Wagen gefahren.“

„Wie schrecklich“, warf Pierre ein aber der Wirt winkte ab.

„War nicht von hier. Aber trotzdem: Das war kein Unfall“, lallte der Wirt, wobei er das Wort ‚Unfall‘ ganz besonders betonte. Die Erklärung lieferte er gleich nach: „Corbu hat nur einen Tag vor seinem Tod im Kreis einiger Vertrauter verlauten lassen, er kenne jetzt Saunières Geheimnis und werde in kurzer Zeit ein reicher Mann sein. Übrigens: Ich heiße Nicolas!“

„Pierre! Trinken wir noch ein Gläschen auf uns!“ Beatrix hatten sie offenbar vergessen. „Weißt du, wer diese Vertrauten waren, mit denen er vor seinem Unfall gesprochen hat?“

„Keine Ahnung. Zu dem Zeitpunkt war er ja schon lange nicht mehr hier.“

„Aha?“

„Ja. Nachdem er das ganze Anwesen und wer weiß was noch von der alten Marie geerbt hatte – oder auch zum Teil gekauft, die Ansichten darüber gehen auseinander. Die Marie ist wohl nie so recht damit rausgerückt. Also, auf jeden Fall hat er ein Hotel mit Restaurant aus dem Anwesen gemacht. War aber nichts los. Zu wenig Touristen. Und dann hat er zwei Broschüren herausgegeben: Der Schatz von Rennes-le-Château und Das Geheimnis des Abbé Saunière. Und – na ja, was soll ich sagen? Obwohl er es mit seinem Gekritzel nur bis in die Provinzzeitung geschafft hat, sind die Leute drauf angesprungen. Es kamen nicht nur Touristen, sondern vor allem Schatzsucher. Die haben ganz schön was veranstaltet hier. Haben auch Sprengungen gemacht. Du kannst dir vorstellen, dass Corbu und seine Machenschaften bei den Einwohnern hier nicht gerade großen Anklang fanden.“

„Ist er deshalb weggezogen?“, hakte Pierre nach.

„Der Spinner ist weggezogen, als einer dieser von ihm angelockten Schatzsucher fast das halbe Dorf in die Luft gesprengt hätte. Sagen wir es so: Man war in Rennes-le-Château ein wenig …aufgebracht… deswegen. Das war 1965. Den Autounfall hatte er aber erst 1968. Da, als er behauptete, endgültige Beweise für sein Geschwätz vorlegen zu können.“

„Dann hat er wohl auch nach seinem Weggang von hier weiter nach dem Schatz geforscht.“

Antoine grinste hämisch. „Der konnte nie verwinden, dass die alte Marie ihm versprochen hatte den Fundort des Schatzes vor ihrem Tod zu verraten und es dann doch nicht getan hat. Hat ihn ganz schön an der Nase herumgeführt, das alte Mädchen.“

„Und sein Anwesen hier? Hat Corbu es verkauft als er wegzog?“

„Ja, an einen Monsieur Buthion. Der hat das Hotel fast dreißig Jahre lang betrieben. Bis Mitte der Neunziger. Ruhiger Mann, aber genauso ein Spinner. Glaubte an Ufos. Als er dann die Tour Magdala um ein Haar zum Einsturz gebracht hätte, als er einen acht Meter tiefen Schacht innen drin grub, entschied die Gemeinde, das Anwesen aufzukaufen, um es ein für alle Mal vor solchen Zerstörern zu schützen.“

„Er suchte also auch nach dem Schatz?“

„Was denn sonst?“

„Ich glaube, ich brauche jetzt ein bisschen frische Luft“, stöhnte Pierre sichtlich mitgenommen, als er mit Beatrix wenig später durch die pinkfarbene Tür des Wirtshauses auf die Grand Rue hinaustrat.

„Zu viel Rotwein, was? Ich bin nur froh, dass mir als notorische Säuferin das nichts ausmacht.“

„Der Zweck heiligt die Mittel“, entgegnete er dickfellig. „Und das Ergebnis ist doch wohl richtig zufriedenstellend. Es gibt jetzt einiges, worüber wir nachdenken können.“

„Über meine unverhoffte Schwangerschaft vielleicht?“ Beatrix funkelte ihn an.

Was hatte sie nur? Vielleicht sollte er gleich ihre Meinung zu den Neuigkeiten, die sie über den Schatz herausgefunden hatten, einholen. Das würde ihr ein Gefühl für die Wichtigkeit ihrer Mitarbeit geben und ihr gesträubtes Fell wieder glätten.

Tatsächlich ließ Beatrix sich unschwer in eine Diskussion über Saunière und dessen Kollegen hineinziehen, während Pierre seine Schritte zielstrebig in Richtung des Parks lenkte in der Hoffnung, ein ruhiges Plätzchen zu finden. Irgendwie war ihm doch ziemlich schummrig. Die drei Flaschen Rotwein, die er mit dem redseligen Wirt geleert hatte, konnten daran doch wohl kaum schuld sein! Oder doch?

Zurück in der Rue de l’Église bogen sie vor dem Eingangsportal der Kirche links ab und gingen unter dem gemauerten Torbogen hindurch. Im ehemaligen Hof des Pfarrhauses hatte man eine Art Wintergarten angebaut, der als Kasse für das Museum sowie für Saunières Park mit Orangerie und Bibliotheksturm diente. Wie sein neuer Kumpel Nicolas gerade gesagt hatte: Die Gemeinde hatte das frühere Anwesen des Pfarrers an sich gezogen und verlangte nun Eintritt für das gesamte Terrain.

Pierre zog den Geldbeutel aus der Gesäßtasche und zahlte das Eintrittsgeld, während Beatrix sich in dem kleinen, aber proppenvollen Andenkenladen umsah. Das Angebot reichte von Büchern und Broschüren über Wein und Sekt bis hin zu Rosenkränzen, die man während jeder Messe in Sainte-Marie-Madeleine weihen lassen konnte.

„Sie nehmen tatsächlich sogar für den Park Eintritt“, stellte Beatrix unnötigerweise fest.

 „Ja, sie vermarkten sich schlitzohrig. Obwohl ihnen die Touristen lästig sind, versäumen sie es nicht, sich an ihnen zu bereichern.“

Die Broschüre, die man ihm mit dem Wechselgeld gegeben hatte, reichte er unbesehen an Beatrix weiter, die sie unverzüglich studierte.

„Oh, sieh mal! Abbé Saunière wurde vom Dorffriedhof in ein Grab im Park umgebettet.“

„Ich sagte doch, sie sind geschäftstüchtig“, entgegnete er. „Sein Grab ist einer ihrer Touristenmagneten. Gegenüber auf dem örtlichen Friedhof können sie keinen Eintritt verlangen. Hier schon. Aus dem gleichen Grund sind wohl auch die Öffnungszeiten der Kirche eingeschränkt. So leiten sie den Touristenstrom zu den kostenpflichtigen Sehenswürdigkeiten um.“

Heute allerdings floss dieser Strom eher spärlich. Pierre und Beatrix entschlossen sich, sich das Museum für später aufzuheben und sich erst einmal das Freigelände anzusehen. Über eine Treppe in der Mitte des Walles, den Saunière seinerzeit als Aussichtspunkt hatte anlegen lassen, erreichten sie den Tour Magdala, Saunières ehemalige Bibliothek. Auch wenn jetzt keine Bücher mehr dort aufbewahrt wurden, zeugten deckenhohe, geschnitzte Schränke noch immer von dieser Bestimmung. Ein schmaler Aufgang führte über eine Wendeltreppe hinaus auf die Aussichtsplattform. Gegenüber der Bibliothek, auf der anderen Seite des Walles, lag Saunières Orangerie, in der er seinerzeit exotische Pflanzen kultiviert und fremdländische Fische und Vögel gehalten hatte. Heute war sie vollkommen leer. Auch auf dem Wall selbst zeugten nur noch unbewachsene Pergolen von der einstigen verschwenderischen Gartenkunst des Abbés. Aber die Aussicht auf die Umgebung war noch immer die gleiche. Und sie war atemberaubend.

„Mein Gott! Er hat ein Paradies hier erschaffen“, flüsterte Beatrix. „Kannst du dir vorstellen, wie es früher hier ausgesehen haben muss? Mit all den exotischen Pflanzen und Tieren, die man hier gar nicht kannte. Mit dem Park und den Springbrunnen.“

„Wenn ich mich nicht täusche, besaß er auch zwei Affen.“

„Davon steht aber nichts hier in der Broschüre.“

„Und die Pflanzen auf seinem Grab sind ebenfalls eher einheimischer Natur.“ Tatsächlich sah man von der Orangerie aus auf Saunières Grab, das abgelegen in einer Ecke des Parks lag. Und was Pierre mit einheimischen Pflanzen meinte, war auch von hier aus zu sehen. Unkraut!

Sie stiegen die gewundene Steintreppe in den Park hinunter und gingen zu Saunières letzter Ruhestätte, die wirklich nicht viel hergab. Nicht einmal aus touristischer Sicht. Ein aus dem rot-grauen Marmor der Gegend hergestellter Sarkophag stand in der Mitte einer ebensolchen Umrandung auf von Unkraut überwucherten weißen Kieseln. Am Kopfende des Grabes gab es einen aus Natursteinen gemauerten Rundbogen mit einem einfachen Kreuz aus Messing, und zu Füßen des Priesters verkündete eine unscheinbare Tafel: Abbé François Bérenger Saunière, 11. April 1852 bis 22. Januar 1917.

Auf dem Rückweg fanden sie nach ihrem Rundgang durch den kleinen, aber sehr romantischen Park eine freie Bank zwischen blau blühendem Hibiskus. Der betörende Duft der auch so spät im Jahr noch in voller Blüte stehenden Rosen entlang von Saunières Wall drang bis hierher.

Pierre legte Beatrix den Arm um die Taille und zog sie nah zu sich heran. Es war schön, sie so dicht bei sich zu spüren. „Nun, was denkst du?“

„Worüber genau?“

„Darüber, was wir über Saunière und seine Umgebung bisher erfahren haben“, konkretisierte er die Frage. „Wir sollten alles noch einmal Revue passieren lassen, was wir bis jetzt haben.“

"Gut. Fangen wir zu der Zeit an, als Saunière als Pfarrer nach Rennes-le-Château kam. Erst renoviert er allein an seiner Kirche und hat ursprünglich nur den Plan, das Nötigste instand zu setzen. So kostengünstig, wie möglich, denn die Gemeinde ist arm, er selbst hat nur ein geringes hohes Einkommen, das ihm keine große Sprünge gestattet, und er hat auch keine reichen Gönner, die für seine Ideen zahlen könnten. Es ist lediglich geplant, das Dach abzudichten und hier und da ein paar dringende Reparaturen zu machen, damit die Kirche nicht ganz in sich zusammenbricht. Was das Pfarrhaus angeht, ist es in keinem besseren Zustand als die Kirche. Er kann nicht dort wohnen, weil es baufällig ist. Es ist so, wie man es in einem vergessenen Bergdorf um die vorletzte Jahrhundertwende erwarten könnte. Doch dann passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt. Von einem Tag zum anderen gibt Saunière richtig Geld aus. Zuerst einmal nur für seine Kirche. Er stellt einen Prachtbau hin, für den er renommierte Künstler anheuert. Also muss er zu dieser Zeit zu Geld gekommen sein. Und zwar zu sehr viel Geld, das er zu Beginn der Renovierungsarbeiten noch nicht hatte. Was hältst du davon?“

„Ich möchte wissen, was du darüber denkst“, erwiderte er und streichelte leicht über ihre Schulter.

„Wenn du so weitermachst, denke ich bald überhaupt nicht mehr."

 

Leseprobe 2

Das Gelände fiel steil ab und bestand fast nur aus nacktem Fels. Wiederholt hörte sie, wie Steine nach unten kullerten, die Pierre lostrat, und beinahe erwartete sie, zu hören, wie er in die Tiefe stürzte. Doch stattdessen tauchte er unverhofft vor ihr auf, auf dem Gesicht ein siegessicheres Grinsen.

„Ich hab den Eingang gefunden“, verkündete er. „Los, komm. Es ist nicht so steil, wie es von oben aussieht. Nimm meine Hand.“

„Pierre, ich …“

„Doch feige?“

Ja, allerdings. Aber um nichts in der Welt würde sie einen Rückzieher machen. Sie würde ihm dieses überhebliche Grinsen aus dem Gesicht fegen. Sie würde … Sie würde … Ach, verdammt! Er war ja auch runter- und unbeschadet wieder heraufgekommen. Was sollte es. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was passieren konnte, wenn sie wider besseres Wissen dort hinunterstieg. Beatrix fühlte noch immer seinen provozierenden Blick auf sich. Nein, Pierre LeBreton. Feige wirst du mich nicht sehen. Also reichte sie ihm die Hand und kletterte über die Böschung.

Schon im nächsten Augenblick wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie stand auf einem etwa dreißig Zentimeter schmalen Überhang, von dem ein nur wenig breiterer Rand am Abgrund entlang steil nach unten führte.

„Sieh nicht runter. Bleib einfach ganz dicht hinter mir. Es ist nicht weit.“

„Na toll.“ Vorsichtig setzte Beatrix einen Fuß vor den anderen, den Blick immer starr auf Pierres Rücken geheftet. Und tatsächlich erreichten sie nach einigen Schritten einen kaum einen dreiviertel mal anderthalb Meter großen Eingang, versteckt hinter wild wucherndem Gestrüpp, das sich in den fast nackten Fels krallte.

Pierre zwängte sich in den Schacht, der steil nach unten führte.

„Komm, gib mir deine Hand. Hier drin ist es nicht mehr ganz so eng.“

Mit zitternden Knien und zusammengebissenen Zähnen kletterte Beatrix hinter ihm her.

Der Mann im schwarzen Anzug ließ sein Fernglas sinken. Er fischte das Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer seines Auftraggebers. Der Alte würde sich freuen, zu hören, dass dieser LeBreton genau das tat, was er vorausgesagt hatte. Die Frau allerdings stellte eine nicht zu unterbewertende Schwierigkeit dar. Was hätte der Bretone getan, wenn sie ihm nicht dort hinuntergefolgt wäre? Hätte er die Sache abgeblasen? Vielleicht sollte man das Mädchen aus dem Verkehr ziehen. Auf der anderen Seite der Leitung meldete sich eine brüchige, heisere Stimme.

„Treppenstufen“, keuchte Beatrix, als Pierre mit seiner Taschenlampe in den Schacht leuchtete.

„Ja, erstaunlich“, murmelte er und zog seinen Plan aus der Hosentasche. Keine Treppenstufen. Er hatte auch keine in Erinnerung. Aber das war kein Wunder nach fast fünfzehn Jahren. Und außerdem hatte er der Führung seines Professors damals nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bestimmt hatte er seinerzeit nur vergessen, die Stufen auf dem Plan einzuzeichnen.

„Kannst du dich etwa nicht mehr daran erinnern?“

Hörte er da so etwas wie Misstrauen in ihrer Stimme? „Natürlich kann ich mich erinnern. Hier, nimm die andere Taschenlampe, ma chérie. Wir müssen erst einmal da hinunter.“

Wohin auch sonst? Es gab keine Alternative. Der Gang war so niedrig, dass er den Kopf einziehen musste, und gerade mal so breit, dass man die steinernen Wände mit den Ellbogen berühren konnte. Einige Schritte weiter vorn hatte sich eine Baumwurzel durch die poröse Decke gebohrt. Erdreich und lose Steine lagen auf den ausgetretenen, unregelmäßigen Stufen. Pierre kletterte darüber hinweg und zog Beatrix mit sich.

„Zitterst du etwa?“

„Nein.“

Natürlich hatte sie Angst, das fühlte er. Aber sie gab es nicht zu. Er fragte sich, wie weit sie gehen würde, bevor sie zu lamentieren begann und sie umkehren müssten. Enge Luftschächte führten senkrecht an manchen Stellen nach oben und immer wieder versperrte heruntergefallenes Erdreich den Weg. Laut seinem Plan hätten sie längst die beiden eingezeichneten Querstollen erreichen müssen. Sie waren nicht da.

Dann machte der Gang eine Biegung nach links und mündete unvermittelt in einem kleinen Raum mit gewölbter Decke. Auf dem Boden war ein ehemals schwarz-weißes Mosaik zu erkennen, das unter einer dichten Schmutzschicht fast verschwand. Eine morsche, zweiflügelige Tür hing schief in verrosteten Angeln.

„Was ist das denn?“, hauchte Beatrix hinter ihm.

Täuschte er sich oder hatte sie aufgehört zu zittern? Ihre unbezähmbare Neugier hatte wohl die Angst besiegt. Er war inzwischen vollkommen sicher, dass dies nicht die alte Mine war, die er damals besichtigt hatte. Aber sollte er das zugeben und Beatrix erneut in Angst und Schrecken versetzen? Lieber nicht.

Also setzte er eine selbstsichere Miene auf und erklärte: „Das ist ein Vorraum. Sehen wir mal nach, ob dahinter noch alles so ist, wie ich es in Erinnerung habe.“

Pierre zerrte vehement er an einem der schief hängenden Türflügel. Unvermittelt brachen die rostigen Scharniere aus dem morschen Rahmen und die schwere Tür donnerte zu Boden. Splitter und Staub füllten augenblicklich den kleinen Raum. Mit einem beherzten Sprung brachte er sich und Beatrix in Sicherheit.

„Alles ein bisschen heruntergekommen in letzter Zeit“, krächzte er und rappelte sich auf, griff Beatrix unter die Arme und stellte sie wieder auf die Füße.

„Ich … ich … kriege keine Luft.“ Beatrix rang nach Atem, hustete, keuchte, würgte.

„Hey, keine Panik. Ist bloß Staub. Der legt sich gleich wieder. Sieh nur.“

Tatsächlich befand sich hinter der zerstörten Tür eine weitaus größere Kammer. Auch hier setzte sich das schwarz-weiße Mosaik auf dem Boden fort. Die aus Naturstein gemauerten Wände führten etwa vier Meter senkrecht in die Höhe und gingen dann in ein Tonnengewölbe über.

„Oh mein Gott“ keuchte Beatrix. „Was ist das?“

Für einen kurzen Moment war auch Pierre sprachlos. „Ich nehme an, wir haben den Ort gefunden, den Bertrand de Blanchefort von den deutschen Bergleuten hat anlegen lassen.“

 „Was heißt das? Du nimmst an? Ich denke, du kennst dich hier aus. Hast du mich etwa schon wieder belogen?“

 Er verschwendete keinen Gedanken daran, sich zerknirscht zu zeigen. Ein ungeheures Hochgefühl hatte ihn erfasst. Mit keinem Wort ging er auf Beatrix’ Vorwurf ein. „Erinnert mich an Provins, südlich von Paris. Im Mittelalter ein bedeutender Ort, und ebenfalls eng mit den Templern verbunden.“

„Lenk nicht ab, Pierre LeBreton. Warst du nun schon einmal hier oder nicht?“

„Na ja, vielleicht nicht genau hier.“

„Aha.“ Beatrix Stimme war ein einziger Vorwurf.

„Dieser Berg ist von einem dichten Netz von Stollen, Höhlen und Gängen durchzogen. Wir waren wohl nur an einer anderen Stelle dieses unterirdischen Labyrinths.“ Er sollte lieber schnell davon ablenken, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wo sie sich befanden.

Zu spät. Beatrix liefen zwei dicke Tränen über das Gesicht.

„Du hast schon wieder gelogen“, schimpfte sie. „Und ich habe mich sicher gefühlt, weil du behauptet hast, du kennst dich hier aus. Du bist ein Scheusal.“

Dieser Aussage folgten Beschimpfungen der wüstesten Art. Pierre hob erstaunt die Augenbrauen. Beatrix fluchte wie ein Gassenjunge. Aber irgendwie lehrreich. Die meisten ihrer Ausdrücke hatte selbst er noch nicht gekannt.

Er machte einen Schritt auf sie zu – vorsichtig, denn in dieser Stimmung war sie ohne weiteres fähig, ihm ihre Taschenlampe überzuziehen – und zog sie in seine Arme. Eine Maßnahme, die sich immer bewährte.

Tatsächlich hörte Beatrix auf zu schluchzen. Beruhigend streichelte er ihren Rücken.

„Bist du wieder okay? Hast du Angst? Willst du wieder nach oben gehen?“, fragte er mit samtweicher Stimme.

„Ja, ich habe Angst. Und nein, ich will nicht wieder nach oben gehen“, kam es starrsinnig zurück. Beatrix schniefte. „Lass es uns genauer ansehen.“

„Ja. Das ist mein mutiges Mädchen.“ Er klopfte ihr so begeistert auf den Rücken, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. „Sehen wir es uns an.“

Mit zwei Schritten war er an der gegenüberliegenden Wand und vollkommen in seinem Element.

„Sieh mal hier.“ Er deutete auf die Graffiti, die in den Fels geritzt waren. Eines zeigte das Siegel der Templer: zwei Männer auf einem Pferd. „Dieses Siegel ist für mich eine eindeutige Aussage. Diese Anlage ist ein Werk der Templer. Kein Zweifel. Die zwei Männer auf einem Pferd stellen die beiden Orden dar, aus denen der Templerorden sich zusammenfügt. Der Orden von Sion und der eigentliche Templerorden.“

„Die offizielle Deutung lautet ganz anders“, entgegnete Beatrix bissig.

„Ich weiß. Eine Theorie lautet, dass einer der Reiter einen Krieger, der andere einen Mönch darstellt. Eine andere will wissen, dass es das Armutsgelübde darstellen soll, dem ein Templer sich unterwarf, wenn er in den Orden eintrat, und wieder eine andere Theorie wurde bei der Anklage der Templer aufgestellt: nämlich dass dieses Zeichen für die Homosexualität im Orden steht. In meinen Augen ist das aber alles Blödsinn.“

„Natürlich. Du hast ja immer recht.“

Also, heute war sie wirklich ein wenig nachtragend. Doch etwas anderes drängte sich in seine Gedanken: die Grabplatte der Ritter aus der Kirche in Rennes-le-Château, die sie im Museum gesehen hatten.

„Béatrice?“

„Was ist?“

„Die Grabplatte der Ritter. Sie stammt aus dem Jahr 771, nicht wahr? Und sie zeigt zwei Männer auf einem Pferd. Richtig?“

„Richtig.“

„Also muss ich Recht haben. Die Templer gründeten sich erst 1119. Sie haben in ihrem Siegel ein Bildnis übernommen, das es schon vorher gab. Die Grabplatte beweist es. Sie gehört zum Orden von Sion, der viel älter ist“, sagte er mit Nachdruck.

„Dann ist deine Annahme von vorhin aber nicht ganz richtig. Die zwei Reiter können nicht die beiden Orden darstellen, denn im Jahr 771 konnte man noch nicht wissen, dass sich ein Vierteljahrtausend später ein neuer Orden gründen würde.“ Beatrix blieb skeptisch.

„Stimmt! Aber die neun Ritter, die den Templerorden gründeten, waren vielleicht Mitglieder des Ordens von Sion und haben dieses Siegel von dort übernommen. Welche Bedeutung die beiden Reiter auch immer vorher gehabt haben mögen, ab da könnten sie sinnbildlich für die beiden Orden stehen.“

„Wenn es tatsächlich so ist, wie du denkst und es wirklich das alte Siegel des Ordens von Sion ist, könnten die beiden Reiter auch den alten jüdischen und den neuen christlichen Glauben der Mitglieder darstellen.“

„Auch möglich. Hier, sieh mal: der heilige Christopherus. Und hier: Georg, der Drachentöter.“

Seine Begeisterung war ungebrochen. Aufmerksam folgte Beatrix dem Strahl seiner Taschenlampe.

 „Das hier sind eindeutig die zwölf Apostel. Aber was um alles in der Welt soll das hier darstellen?“ Er leuchtete auf ein weiteres Bild, das einen nackten Mann auf einem Scheiterhaufen zeigte.

„Sicher irgendein Märtyrer“, mutmaßte Beatrix. Bedächtig fuhr sie mit dem Zeigefinger die Linien der Zeichnung nach.

„Oder Jacques de Molay, der auf dem Scheiterhaufen stirbt“, sagte Pierre. „Die Templer waren groß darin, überall Graffiti in die Wände zu ritzen. Sie teilten sich so anderen mit, die vielleicht nicht lesen und schreiben konnten. Ich habe das auch in Provins gesehen, als ich dort war. Und dieser Künstler hier wollte der Nachwelt vielleicht mitteilen, dass ihr letzter Großmeister hingerichtet worden war. Das müsste also nach 1314 gewesen sein und würde heißen, es gab hier sehr wohl noch Mitglieder des Ordens, obwohl der eigentliche Templerorden seit Jahren aufgelöst war.“

Beatrix hatte ihre Angst mittlerweile genug unter Kontrolle, um ihren Fund gebührend zu würdigen. Wenn das hier tatsächlich der Raum war, den die Templer mit Hilfe der deutschen Bergleute angelegt hatten, war die Tatsache nicht von der Hand zu weisen, dass es genau der Ort war, von dem Jacques de Molay in seinem Schreiben sprach. Und er hatte in diesem Zusammenhang von dreißig Truhen mit Dokumenten, Goldschätzen und unbezahlbaren Reliquien gesprochen. Konnten sie möglicherweise noch immer hier sein?

Gerade wollte Beatrix eine dahin gehende Bemerkung machen, als Pierre den Durchgang fand. An der Stirnseite der Kammer gab es mehrere Einbuchtungen, deren Zweck ihr nicht ganz klar war. In einer davon, dicht über dem schwarz-weißen Boden, hatte Pierre einen losen Stein ausgemacht. Einmal entfernt, ließen sich weitere herausnehmen, sodass ein schmaler Durchlass entstand. Pierre leuchtete hinein.

„Da drüben ist noch ein Raum“, verkündete er und zwängte sich hindurch. „Mein Gott. Komm her und sieh dir das an.“

Seine Stimme hallte gedämpft zu ihr. Beatrix schloss die Augen und atmete durch. Die Angst drohte zurückzukommen.

„Wo bleibst du?“

„Ich kann es. Ich will es. Es wird mir nichts passieren. Pierre ist dort. Er wird auf mich aufpassen“, flüsterte sie sich Mut zu. Dann holte sie tief Luft, sank auf die Knie und kletterte zittrig durch den schmalen Durchlass.

„Na? Sprachlos?“ Der Triumph in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Tatsächlich befanden sie sich in einem weiteren Raum der unterirdischen Anlage. Doch im Gegensatz zu dem vorherigen handelte es sich eindeutig um eine Art Kapelle. Beatrix sah hohe Säulen mit Kapitellen, die der meterhohen Decke entgegenstrebten. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein gemauerter Altar. Fresken schmückten die Wände. Selbst unter dem Staub der Jahrhunderte konnte man die leuchtenden Farben noch ausmachen. Sie zeigten den Leidensweg Jesu von der Verurteilung bis zu seinem Grab. Deutlich war auf einem der Bilder Maria Magdalena zu erkennen, die mit einigen anderen Frauen gekommen war, um den Toten zu waschen und zu salben. Ebenso war sie auf dem nächsten Bildnis zu sehen, wie sie mit den Frauen auf einem Boot übers Meer fuhr. Das war fantastisch!

Die Historikerin in Beatrix gewann augenblicklich die Oberhand. Beeindruckt studierte sie die Fresken.

„Kennst du die Geschichte von Maria Magdalena?“, fragte Pierre aufgekratzt.

„So, wie sie in der Bibel steht, ja“, antwortete sie. „Und dieses letzte Fresko, das zeigt, wie sie im Boot übers Meer fährt, spielt wahrscheinlich auf die Legende an, die erzählt, dass Maria Magdalena hierher nach Südfrankreich kam.“

„Ja, allerdings. Diese Legende besagt, dass sie von den Römern in einem segel- und steuerlosen Boot auf dem Meer ausgesetzt wurde und bei Marseille an Land trieb. Sie soll dort ein Kloster errichtet haben, wo sie mit circa dreißig gleich gesinnten Frauen fortan gelebt haben soll. Aber sieh dir das Bild genauer an. Auf ihrem Schoß hat sie einen Schädel. Und dann dieser Sack hier unten, was glaubst du, was das ist?“

„Ihr Reisegepäck?“

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und jetzt betrachte einmal dieses Fresko hier genau.“ Pierre leuchtete mit der Taschenlampe auf das vorherige Bild.

„Es zeigt die Auferstehung.“

„Es zeigt keineswegs die Auferstehung“, erwiderte Pierre.

Sie betrachtete es noch einmal eingehend.

„Nein“, sagte er nachdrücklich. „Du nimmst das nur an, weil die Kirche es uns seit jeher so glauben macht. Dieses Bild zeigt das Grab und die Frauen, die gekommen sind, den Leichnam zu salben, wie es üblich war. Aber jetzt schau genau hierhin.“ Er lenkte den Strahl der Taschenlampe auf einen Punkt im Hintergrund. „Dort liegt noch immer der Leichnam Jesu. Keineswegs auferstanden und verschwunden, wie die Kirche es darstellt. Das gibt zu denken, nicht wahr? Haben die Templer nur ihre ketzerischen Ansichten auf diesem Fresko verewigt oder hatten sie Beweise? Und irgendwie erinnert es mich noch an etwas anderes, das wir kürzlich gesehen haben müssen. Ich komme allerdings im Moment nicht darauf, was es ist. Du vielleicht?“

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