Jameson Force Security Group: Codename: Hacker

Er­schie­nen: 05/2020
Serie: Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group
Teil der Serie: 4

Genre: Ro­man­tic Thrill
Zu­sätz­lich: Con­tem­pora­ry

Lo­ca­ti­on: USA

Sei­ten­an­zahl: 344


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-469-6
ebook: 978-3-86495-470-2

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Jameson Force Security Group: Codename: Hacker


In­halts­an­ga­be

Ich bin nicht mehr die Bebe Grims­haw von einst - die Frau, die jah­re­lang hin­ter den Git­tern eines Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis­ses ver­brach­te, weil sie im Auf­trag eines Ver­bre­cher­syn­di­kats Ab­schuss­codes für Atom­waf­fen ge­stoh­len hat. Aus heu­ti­ger Sicht be­reue ich weder, was ich getan habe, noch dass ich ge­schnappt wurde, und doch be­dau­re ich die Jahre, die ich nicht mit mei­nem Sohn Aaron ver­brin­gen konn­te. Mit­hil­fe von Kynan McGrath wurde ich früh­zei­tig ent­las­sen und trat sei­nem Team bei der Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group bei. Heute setze ich meine Fä­hig­kei­ten dazu ein, an­de­ren Men­schen zu hel­fen.

Ich ver­su­che nur, die ver­lo­re­ne Zeit wie­der­gut­zu­ma­chen, und kon­zen­trie­re mich auf meine Ar­beit bei Ja­me­son sowie dar­auf, Aaron groß­zu­zie­hen. So­lan­ge ich mei­nen Sohn und meine Kar­rie­re habe, bin ich zu­frie­den. Doch das Leben hat so seine Art, einem zu zei­gen, was man braucht, und als ein un­glaub­lich at­trak­ti­ver Frem­der na­mens Grif­fin sich im Park mit Aaron an­freun­det, muss ich mich mit dem Ge­dan­ken aus­ein­an­der­set­zen, dass mir etwas fehlt. Ein lei­den­schaft­li­cher Teil von mir, der vor lan­ger Zeit weg­ge­sperrt wurde, er­wacht zu neuem Leben, und ich be­trach­te Griff auf eine Weise, wie ich seit über zehn Jah­ren kei­nen Mann mehr an­ge­se­hen habe.

Ge­ra­de als ich glau­be, dass die Dinge sich zum Guten wen­den, wird mein Leben er­neut auf den Kopf ge­stellt. Wie sich her­aus­stellt, war die Be­geg­nung mit Griff kein Zu­fall, denn er ist der Mann, der ge­schickt wurde, um mich zu töten.

Über die Au­to­rin

Seit ihrem De­büt­ro­man im Jahr 2013 hat Sa­wy­er Ben­nett zahl­rei­che Bü­cher von New Adult bis Ero­tic Ro­mance ver­öf­fent­licht und es wie­der­holt auf die Best­sel­ler­lis­ten der New York Times und USA Today ge­schafft.
Sa­wy­er nutzt ihre Er­fah­run­gen als ehe­ma­li­ge Straf­ver­tei­di­ge­rin in...

Wei­te­re Teile der Ja­me­son Force Se­cu­ri­ty Group Serie

Le­se­pro­be

Ich bli­cke zu einer Park­bank, die sich di­rekt neben einem Be­ton­weg be­fin­det, der an der Gras­flä­che ent­lang­führt, und muss mich zu­sam­men­rei­ßen, damit mir nicht der Kie­fer her­un­ter­klappt. Einer der best­aus­se­hen­den Män­ner, die ich je in mei­nem Leben er­blickt habe, lässt sich dort ge­ra­de mit einem Buch nie­der.
Ich meine … er ist ver­mut­lich nicht für jede Frau, aber bei mir er­füllt er alle Kri­te­ri­en. Zu­nächst ein­mal ist er groß. Ob­wohl ich sehr klein bin, hat mir aus ir­gend­ei­nem Grund schon immer eine ein­schüch­tern­de Größe ge­fal­len. Er ist groß und hat mus­ku­lö­se Arme, die bis zu den Hand­ge­len­ken tä­to­wiert sind, und...

...​trägt ein enges, schwar­zes T-Shirt. Sein lan­ges Haar hat er im Na­cken zu einem tie­fen Pfer­de­schwanz zu­sam­men­ge­bun­den. Der Länge nach zu ur­tei­len reicht es ihm ver­mut­lich bis auf die Schul­tern. Das Beste von allem, er hat einen Bart, der or­dent­lich ge­stutzt ist, und volle, groß­zü­gi­ge Lip­pen.
Er streckt seine lan­gen Beine aus, die in einer aus­ge­wa­sche­nen Jeans und schwe­ren Mo­tor­rad­stie­feln ste­cken, und über­kreuzt sie an den Fuß­ge­len­ken. Dann lehnt er sich zu­rück und be­ginnt, ein di­ckes Ta­schen­buch zu lesen, was ihn nur noch at­trak­ti­ver er­schei­nen lässt.
»Mom!«, ruft Aaron. »Wirf den Ball!«
Ich schüt­te­le den Kopf und werde rot, als der Mann bei Aa­rons Stim­me den Kopf hebt. Ich drehe mich zu mei­nem Sohn um, igno­rie­re alles, was er mir so­eben er­klärt hat, und schleu­de­re ihm den Ball mit sol­cher Wucht ent­ge­gen, dass ich mir bei­na­he die Schul­ter aus­ren­ke.
Aaron fängt an zu la­chen, als der Ball über sei­nen Kopf se­gelt, dann läuft er ihm hin­ter­her. Ich wei­ge­re mich, mich noch ein­mal zu dem wun­der­ba­ren Mo­tor­rad­kerl um­zu­dre­hen, und hoffe in­stän­dig, dass sein Buch in­ter­es­san­ter ist als mein schreck­lich pein­li­cher Ver­such, mit mei­nem Kind Foot­ball zu spie­len.
In­ner­lich ver­set­ze ich mir einen Tritt, weil mir so etwas über­haupt wich­tig ist. Ein süßer – okay, phä­no­me­nal gut aus­se­hen­der – Mann ist für mich un­be­deu­tend. Ich habe eine zwei­te Chan­ce im Leben be­kom­men, des­halb muss ich meine En­er­gie und Kon­zen­tra­ti­on auf Aaron und meine Mut­ter rich­ten. Es ist der ein­zi­ge Weg, diese Chan­ce auch nur an­nä­hernd zu ver­die­nen.
Es ist bloß so, flüs­tert eine klei­ne Stim­me in mei­nem Hin­ter­kopf, du ver­dienst auch etwas für dich selbst.
Ich schie­be sie bei­sei­te, denn es stimmt nicht. Ich ver­die­ne nichts wei­ter als die Schön­heit mei­ner Fa­mi­lie, zu der ich dank­ba­rer­wei­se zu­rück­ge­kehrt bin.
Aaron hebt den Ball vom Boden auf, geht ei­ni­ge Meter nach links und holt mit dem Arm aus. Er wirft ihn ein klein wenig zu mei­ner rech­ten Seite, was mich dazu zwingt, ihm hin­ter­her­zu­ja­gen. Ich be­we­ge mich auf ihn zu, fest ent­schlos­sen, ihn nicht noch ein­mal auf den Boden fal­len zu las­sen. Lei­der ist alle Mühe ver­ge­bens. Ich komme nicht ein­mal in die Nähe, um den Ball zu fan­gen. Als er auf dem Gras auf­kommt, hüpft er schief zur Seite und rollt di­rekt auf den Mann zu.
»Schei­ße«, mur­me­le ich. Wäh­rend ich er­schro­cken zu­se­he, wird mir klar, dass der Mann uns be­ob­ach­tet hat, denn er bückt sich ohne Schwie­rig­kei­ten, um den Ball mit einer Hand auf­zu­he­ben, bevor er von sei­nem har­ten, stahl­kap­pen­be­setz­ten Stie­fel ab­sprin­gen kann.
Als ich wi­der­wil­lig in seine Rich­tung gehe, um den Ball ab­zu­ho­len, legt er sein Buch bei­sei­te und er­hebt sich. Aus der Nähe ist er we­sent­lich grö­ßer als ich dach­te und über­ragt mich um mehr als drei­ßig Zen­ti­me­ter. Seine Augen – und wow, die sind viel­leicht grün – glit­zern vor Be­lus­ti­gung. Er wirft mir nur einen kur­zen Blick zu, bevor er sich Aaron zu­wen­det und ihm wür­de­voll den Ball zu­wirft. Mit die­sem höchst per­fek­ten Zu­spiel trifft er Aaron genau vor der Brust.
»Tut mir leid«, mur­me­le ich, aber meine Worte sto­ßen auf taube Ohren. Zu mei­nem Ärger ist Aaron hoch­er­freut dar­über, je­man­den zu haben, der ihm den Ball tat­säch­lich zu­wer­fen kann. Ohne über­haupt zu fra­gen, ob es in Ord­nung ist, oder sich darum zu sor­gen, die Zeit die­ses Man­nes zu steh­len, wirft Aaron ihn di­rekt zu ihm zu­rück.
Als der Mann den leich­ten Wurf fängt, lä­chelt er und ruft: »Lo­cke­re dei­nen Griff ein wenig. Damit be­kommst du die Dre­hung bes­ser hin.«
»Okay«, ant­wor­tet Aaron eif­rig und war­tet dar­auf, dass der Mann den Ball zu­rück­wirft.
Ich stehe dort und werde voll­kom­men igno­riert, wäh­rend die­ser Frem­de mich dabei stört, Zeit mit mei­nem Sohn zu ver­brin­gen – und sich dabei weit­aus bes­ser an­stellt, als ich je­mals in der Lage wäre.
In­ner­lich koche ich, ob­wohl ich ver­su­che, mich ge­schmei­chelt zu füh­len, weil er mei­nem Sohn hilft. Er gibt ihm sogar gute Tipps für seine Tech­nik, etwas, das ich nie­mals könn­te.
»Ich bin üb­ri­gens Grif­fin«, sagt der Mann mit tie­fer, rum­peln­der Stim­me und klingt, als würde er mich lus­tig fin­den.
Die Lip­pen zu einem Lä­cheln ver­zo­gen be­trach­tet er mich.
»Ich kann dir eben­falls Un­ter­richt geben«, schlägt er vor. Und ver­dammt … ich igno­rie­re das Zit­tern, das sich bei die­sem un­ab­sicht­li­chen, voll­kom­men un­schul­di­gen und den­noch ir­gend­wie zwei­deu­ti­gen An­ge­bot mein Rück­grat hin­auf­be­wegt.
»Äh … nein danke«, mur­me­le ich.
Grif­fin zuckt mit den Schul­tern, fährt aber damit fort, sich mit mei­nem Kind den Ball wei­ter zu­zu­wer­fen.
»Hast du einen Namen?«, fragt er nach einem ganz be­son­ders spek­ta­ku­lä­ren Pass.
Bei der Frage zucke ich zu­sam­men und die Vor­sicht, die ich die letz­ten zehn Mi­nu­ten außer Acht ge­las­sen habe, über­kommt mich er­neut. Ich spre­che nicht mit Frem­den. Ich habe kein In­ter­es­se an Män­nern oder Ver­ab­re­dun­gen oder ir­gend­et­was, bei dem ich mich an­stren­gen muss, Ver­trau­en auf­zu­bau­en.
Trotz­dem höre ich, wie ich ant­wor­te: »Bebe.«
»Das ist ein in­ter­es­san­ter Name«, be­merkt er. »Und was ist mit dei­nem Sohn?«
»Aaron«, ent­geg­ne ich, aber er igno­riert mich be­reits wie­der, um neue An­wei­sun­gen zu brül­len. »Also, Aaron, jetzt möch­te ich, dass du ei­ni­ge Schrit­te läufst, nach links aus­schlägst und rich­tig loss­prin­test.«
»Ver­stan­den!«, ruft mein Sohn be­geis­tert. Ich be­ob­ach­te ihn er­staunt, wie er einem un­sicht­ba­ren Ge­gen­spie­ler aus­weicht, einen lin­ken Haken schlägt und dann auf sei­nen schlak­si­gen Bei­nen da­von­läuft. Als er über die Schul­ter blickt, kann er den Ball ohne Schwie­rig­kei­ten fan­gen. Aaron ju­belt vor Freu­de, rammt den Ball in den Boden und führt den En­ten­tanz auf.
Ich fange laut an zu la­chen, lege den Kopf in den Na­cken und halte mir mit den Hän­den den Bauch.
Grif­fin stellt sich neben mich und ich er­schau­de­re, als er sagt: »Das ist ein wun­der­ba­res La­chen.«
So­fort werde ich wie­der nüch­tern. »Flir­test du mit mir?«
»Wie es aus­sieht, bin ich darin nicht sehr gut, wenn du nach­fra­gen musst«, ant­wor­tet er au­gen­zwin­kernd.
Und ver­dammt … ich bin fas­zi­niert. Ich bin gleich­zei­tig sauer, weil es in mir den Wunsch er­weckt, mit ihm reden zu wol­len. Ich werfe ihm einen bösen Blick zu, den ich nicht so meine, und frage ge­reizt: »Also dann … bist du so etwas wie ein Foot­ball-Star, der ein­fach nur in Parks rum­hängt und war­tet, bis eine Frau auf­taucht, um dein Kön­nen zu de­mons­trie­ren?«
Grif­fin lacht und es ist tief, schal­lend und an­ste­ckend. Ich kann nicht an­ders, ich muss lä­cheln.
»Also, das ist lus­tig«, sagt er gut ge­launt. »Und um deine Frage zu be­ant­wor­ten, ich habe an der High­school Foot­ball ge­spielt und war ganz gut darin. Und weil das Wet­ter heute fan­tas­tisch ist, habe ich zum Spaß mein Mo­tor­rad raus­ge­holt. Dann bin ich zum Park ge­fah­ren, um ein wenig zu lesen.«
Mo­tor­rad?
Ich suche den Park­platz auf der an­de­ren Seite des Weges ab und er­bli­cke eine sexy Har­ley-Da­vid­son in einem mat­ten Schwarz.
Ver­dammt. Und noch ein Kri­te­ri­um er­füllt.
»Also, vie­len Dank, dass du dir die Zeit ge­nom­men hast, Aaron ei­ni­ge An­wei­sun­gen zu geben«, fühle ich mich ge­nö­tigt zu sagen. »Er hat schon bald ein Pro­be­trai­ning für die au­ßer­schu­li­sche Mann­schaft und ich habe nicht dein Kön­nen, um ihm zu hel­fen. Das hier war also super.«
»Klar«, ant­wor­tet er läs­sig. Aaron wirft ihm den Ball zu und ich werde von den zu­cken­den Mus­keln in sei­nem Arm über­mä­ßig ab­ge­lenkt, als er ihn fängt.
Grif­fin schaut mich mit ernst­haft hoff­nungs­vol­lem Ge­sichts­aus­druck an. »Dürf­te ich dich und Aaron auf ein Eis ein­la­den, wenn wir damit fer­tig sind, uns den Ball zu­zu­wer­fen?«
Vor Scham er­rö­te ich am ge­sam­ten Kör­per, als mir klar wird, dass ich nach einer Ver­ab­re­dung ge­fragt wurde. Si­cher, er hat Aaron mit ein­be­zo­gen, aber an sei­nem ta­xie­ren­den Blick er­ken­ne ich, dass es ei­gent­lich um mich geht.
Es ge­fällt mir und gleich­zei­tig hasse ich es, weil ich seit mehr als zehn Jah­ren nicht mehr um eine Ver­ab­re­dung ge­be­ten wurde. Sie­ben die­ser zehn Jahre saß ich im Ge­fäng­nis. Die drei Jahre vor­her war ich damit be­schäf­tigt, Mut­ter und Meis­ter­ver­bre­che­rin zu sein.
»Meine Mut­ter macht für uns das Abend­es­sen. Wir müs­sen schon bald los, damit wir nicht zu spät kom­men.« Dann be­schlie­ße ich, ihn ab­zu­wei­sen, weil ich denke, es ist der beste Weg, damit er das In­ter­es­se ver­liert. »Wir woh­nen näm­lich mit mei­ner Mut­ter zu­sam­men.«
Sein Ge­sichts­aus­druck wird weich. »Das ist wun­der­bar. Ich liebe meine Mut­ter über alles und wünsch­te, ich würde näher bei ihr leben.«
Mist.
»Hier ist ein an­de­rer Vor­schlag«, fährt er fort. »Wie wäre es, wenn du Aaron heute Abend von dei­ner Mut­ter be­ko­chen lässt und ich dich zum Essen ein­la­de?«
Okay, viel­leicht war das, was er mir zuvor an­ge­bo­ten hat, gar keine Ver­ab­re­dung ge­we­sen, aber das hier würde dann ganz si­cher eine wer­den.
»Äh … also«, stam­me­le ich. »Heute ist äh … Spa­ghet­ti-Abend. Meine Mut­ter hat sehr viel Ar­beit und es ist meine Lieb­lings­spei­se.«
Er zö­gert, bevor er mir kurz ver­ständ­nis­voll zu­nickt. »Ich ver­ste­he, dass dir das wich­tig ist. Und weil du mich nicht gut genug kennst, um mich zu dir nach Hause zu einem selbst ge­koch­ten Mahl ein­zu­la­den, wie wäre es, wenn ich dich mor­gen Abend zum Essen aus­füh­re?«
Oh Mann … warum muss er so char­mant und gleich­zei­tig so un­fass­bar toll sein? »Äh … sieh mal … das Pro­blem liegt darin, dass –«
»Hey«, ruft Aaron, wäh­rend er auf uns zu­läuft. Mein Ge­sicht brennt mit dem Wis­sen, dass wir ihn die ge­sam­te Zeit igno­riert haben. »Wirfst du mir den Ball noch mal zu?«
Grif­fin lä­chelt mein Kind an und streckt ihm zur Be­grü­ßung die Hand hin. »Ich bin üb­ri­gens Grif­fin. Du bist ein Na­tur­ta­lent, Klei­ner.«
»Danke«, ant­wor­tet Aaron und wird tief­rot. Er schüt­telt Grif­fins Hand wie ein Mann und mir wird klar, dass mein Sohn vor mei­nen Augen ge­ra­de ein wenig er­wach­se­ner ge­wor­den ist.
Ich nutze die­sen Mo­ment, um auf­zu­bre­chen. »Schatz … du musst dich bei Grif­fin be­dan­ken –«
»Ei­gent­lich Griff«, un­ter­bricht er mich. »Alle meine Freun­de nen­nen mich Griff.«
Ich igno­rie­re die spit­ze Be­mer­kung, die mir mit­teilt, dass er sehr gern mein Freund sein möch­te, auch wenn ich wet­ten würde, dass er von einer Art spricht, die nicht in einer Freund­schaft ver­wur­zelt ist. Ich hasse es, dass ich davon Schmet­ter­lin­ge im Bauch be­kom­me.
Ich lege den Kopf schief und wende meine Auf­merk­sam­keit Aaron zu. »Be­dank dich bei Griff, dass er dir ge­hol­fen hat, aber wir müs­sen jetzt wirk­lich nach Hause fah­ren. Oma wird schon bald mit dem Essen auf uns war­ten.«
»Danke Griff«, sagt Aaron mit einem brei­ten Grin­sen. »Das war toll.«
»Ich würde dir gern ir­gend­wann wie­der hel­fen, Klei­ner.«
»Mor­gen?«, platzt Aaron her­aus.
»Nein … warte«, rufe ich, denn mir wird klar, wenn ich diese Sache jetzt nicht un­ter­bin­de, wird die­ser Mann in un­se­rem Leben blei­ben. Das will ich wirk­lich nicht.
»Na klar«, ant­wor­tet Griff und grinst mich wohl­ge­meint von der Seite an. »Wie wäre es mit zehn Uhr? Deine Mom kann ihren hüb­schen Hin­tern auf die Bank da drü­ben pflan­zen und ein Buch lesen. Und ich werde mir mit dir den Ball ein wenig zu­wer­fen.«
Oh nein, auf gar kei­nen Fall, Freund­chen. Ich werde nicht zu­las­sen, dass du mich zu etwas zwingst, das ich nicht tun will.
»Oma kann dich brin­gen, denn ich muss ar­bei­ten«, sage ich zu Aaron, was zwar nicht stimmt, aber ich werde mich von Griff nicht über­rum­peln las­sen. Ich werfe Griff ein al­ber­nes Lä­cheln zu und sage: »Ich bin mir si­cher, ihr beide wer­det auch ohne mich viel Spaß haben, und meine Mut­ter schaut Aaron gern beim Spie­len zu.«
In Griffs Augen blitzt es her­aus­for­dernd auf und in mei­nem Bauch haben die Schmet­ter­lin­ge wie­der ihre drol­li­gen fünf Mi­nu­ten.
Griff beugt sich ein klein wenig zu mei­nem Sohn her­über. »Ich weiß, dei­ner Mut­ter wird das ver­mut­lich nicht ge­fal­len, weil sie sich sehr an­strengt, mir zu wi­der­ste­hen, aber ich habe zu­fäl­lig drei Ein­tritts­kar­ten für das Stee­lers-Spiel am Sonn­tag­nach­mit­tag. Möch­test du mich mit dei­ner Mom be­glei­ten?«
Bei sei­ner Dreis­tig­keit be­kom­me ich große Augen, auch wenn ich nur ent­fernt höre, wie Aaron an­ge­sichts die­ses Vor­schlags ju­belt und kreischt und vor Auf­re­gung wie ein Ver­rück­ter auf und ab hüpft. Griff wirft mir einen tri­um­phie­ren­den Blick zu.
»Das war unter der Gür­tel­li­nie«, zi­sche ich, aber ich kann nichts gegen das klei­ne Lä­cheln tun, das droht sich auf mei­nem Ge­sicht aus­zu­brei­ten. Das war ein guter Spiel­zug und ich würde es nie­mals übers Herz brin­gen, mei­nem Sohn die Ge­le­gen­heit zu neh­men, ein pro­fes­sio­nel­les Foot­ball­spiel zu sehen. Er war noch nie­mals zuvor bei einem und als wir hier­her um­ge­zo­gen sind, hat er die Stee­lers zu sei­ner Lieb­lings­mann­schaft er­ko­ren.
»Wir tref­fen uns am Sta­di­on«, sage ich und un­ter­bin­de jeg­li­chen Ver­such, den er ma­chen könn­te, um uns ab­zu­ho­len.
»In Ord­nung«, sagt Griff, dann wirft er Aaron den Ball zu. Er klopft ihm leicht auf die Schul­ter, beugt sich nach unten und schaut ihm in die Augen. »Du warst heute wirk­lich klas­se. Mor­gen zeige ich dir ein paar neue Sa­chen, okay?«
»Ja!«, ruft Aaron und seine Augen glän­zen vor Freu­de. »Das wäre toll, Griff.«
Griff lä­chelt ihn ein letz­tes Mal an, bevor er mir zu­zwin­kert. »Bis Sonn­tag, Bebe.«
Ich fun­ke­le ihn an. In­ner­lich gebe ich je­doch zu, dass ich ein klein wenig lä­che­le. 

Grif­fin

Ein pro­fes­sio­nel­les Foot­ball­spiel im Stee­lers Sta­di­on zu be­su­chen ist eine Er­fah­rung, die ich de­fi­ni­tiv nicht be­reu­en werde. Ich selbst bin ein Fan der Buf­fa­lo Bills, hatte aber immer schon gro­ßen Re­spekt für die Stee­lers. Das Spiel ist zwar groß­ar­tig, doch noch bes­ser ist es, einen Zehn­jäh­ri­gen zu be­ob­ach­ten, der vor Auf­re­gung voll­kom­men aus dem Häus­chen ist. Aaron springt auf sei­nem Platz immer wie­der auf und ab und brach­te sogar einen Zu­schau­er ei­ni­ge Rei­hen wei­ter hin­ten dazu, ihn an­zu­brül­len, er solle sich hin­set­zen. Ich dreh­te mich in die all­ge­mei­ne Rich­tung, schau­te mich su­chend nach die­sem Voll­idio­ten um, der es wagen würde, einem klei­nen Kind den Spaß zu ver­der­ben, und ließ einen mör­de­ri­schen Blick über die Men­schen­men­ge schwei­fen. Da­nach sagte kei­ner mehr auch nur ein Wort.
Auf der Uhr ti­cken die letz­ten Se­kun­den der ers­ten Hälf­te her­un­ter und ein Horn er­tönt, um das Ende des Spiels zu ver­kün­den. Ich öffne mein Porte­mon­naie, nehme vier­zig Dol­lar her­aus und rei­che sie Aaron, der zwi­schen Bebe und mir sitzt. »Geh und hol uns etwas zu essen und zu trin­ken, Klei­ner.«
Aaron nimmt mir das Geld aus der Hand, dann schiebt er sich an sei­ner Mut­ter vor­bei. Ich packe ihn am Kra­gen sei­nes T-Shirts und ziehe ihn ver­spielt zu­rück. »Hey … frag deine Mom zu­erst, was sie haben will.«
Aaron grinst mich ver­le­gen an, dann schaut er auf sie her­un­ter. »Was willst du?«
»Einen Hot Dog«, ant­wor­tet sie. »Und eine Cola Light.«
»Geht klar.« Aaron geht an sei­ner Mut­ter vor­bei. Dann blickt er sich über die Schul­ter um. »Was willst du, Griff?«
»Das Glei­che. Und selbst­ver­ständ­lich kannst du dir kau­fen, was immer du willst.«
»Danke«, ruft er, bevor er sich in den Gang stürzt, auf­ge­regt auf­grund der Frei­heit, sich im Sta­di­on ganz al­lein auf seine ei­ge­ne Mis­si­on be­ge­ben zu dür­fen.
Bebe sieht ihm nach, als er mit der Menge die Be­ton­stu­fen hin­auf­geht, die zur Haupt­hal­le füh­ren, wo die Im­biss­bu­den an­ge­sie­delt sind. Ich rut­sche rüber und nehme auf dem Sitz Platz, den Aaron so­eben frei­ge­macht hat, denn seine Plat­zie­rung dort war stra­te­gisch ge­we­sen. Weil sie es schwer mach­te, wäh­rend des Spiels mit ihr zu reden, denke ich, habe ich nun etwa fünf­zehn bis zwan­zig Mi­nu­ten Zeit, wäh­rend Aaron uns etwas zu essen holt.
»Amü­sierst du dich?«, frage ich.
Sie wirft Aaron einen letz­ten »be­sorg­ten Mut­ter­blick« hin­ter­her, bevor sie mich an­sieht. Ihr Lä­cheln ist auf­rich­tig. »Selbst­ver­ständ­lich tue ich das, aber was noch viel wich­ti­ger ist … Aaron hat so viel Spaß wie noch nie in sei­nem Leben. Ich kann dir wirk­lich nicht genug dan­ken.«
»Er ist ein gutes Kind«, sage ich wahr­heits­ge­mäß. Ich bin gern so ehr­lich, wie ich es sein kann, wenn die Mög­lich­keit dazu be­steht, und ohne Zwei­fel … ihr Sohn ist wirk­lich eine tolle Be­glei­tung. »Und er hat Ta­lent.«
»Wirk­lich?«, fragt sie hoff­nungs­voll, wäh­rend ihr Ge­sichts­aus­druck weich und sehn­süch­tig wird. »Das Pro­be­trai­ning macht ihn ner­vös.«
»Er wird sich toll schla­gen«, ver­si­che­re ich ihr. Sie schaut mich nicht wei­ter an. Statt­des­sen senkt sie den Blick auf ihren Schoß, wo sie sich ner­vös die Fin­ger kne­tet.
Ich mache sie un­ru­hig … das merke ich.
»Was machst du ei­gent­lich be­ruf­lich, Bebe?«, frage ich, um sie zum Reden zu brin­gen. Ich muss so viel wie mög­lich über sie her­aus­fin­den, denn für Ana­t­o­lys For­de­rung läuft die Zeit ab.
Sie er­starrt und schaut schnell in einem Ver­hal­ten zu mir, das ich als Panik ein­ord­ne, aber dann ent­spannt sich ihr Ge­sicht ge­nau­so schnell wie­der. »Ich ar­bei­te in IT.«
»Com­pu­ter, was?« Ich schen­ke ihr ein er­mu­ti­gen­des Lä­cheln, damit sie wei­ter­spricht. Ich würde zu gern her­aus­fin­den, was sie in die­sem ver­las­se­nen La­ger­haus tut.
»Ei­gent­lich mehr ein­fa­che­re Com­pu­ter-Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten«, er­wi­dert sie mit einem ner­vö­sen La­chen. »Du weißt schon, in einem Com­pu­ter­la­den in einer Ein­kaufs­stra­ße.«
Nein, ich weiß es nicht, Bebe. Das ist de­fi­ni­tiv eine Lüge, denn ich weiß, dass du nicht in einer Ein­kaufs­stra­ße ar­bei­test.
»Was ist mit dir?«, fragt sie.
Meine Lüge kommt mir leich­ter über die Lip­pen, weil ich län­ger dar­über nach­ge­dacht habe. Ich muss so harm­los wie mög­lich wir­ken. »Ich bin Lei­tungs­mon­teur für eine Elek­tri­zi­täts­fir­ma. Ich bin erst vor etwas mehr als einem Monat nach Cran­ber­ry ge­zo­gen.«
»Warum Cran­ber­ry?«, fragt sie. Auch wenn ich die Auf­merk­sam­keit lie­ber auf ihr als auf mir hätte, weiß ich den­noch, dass sie sich mir am ein­fachs­ten öff­nen wird, wenn sie sich wohl­fühlt.
»Ich stam­me ei­gent­lich aus Up­sta­te New York«, spre­che ich eine wei­te­re Wahr­heit aus. Es ist immer am bes­ten, so nahe wie mög­lich an der Wahr­heit zu blei­ben. »Meine El­tern hat­ten einen klei­nen Milch­be­trieb. Ich bin kein wirk­li­cher Stadt­mensch. Ich dach­te mir, dass Cran­ber­ry nahe genug an Pitts­burgh liegt, damit ich ar­bei­ten kann, aber es gibt mir trotz­dem das Ge­fühl, auf dem Land zu leben.«
»Ich weiß genau, was du meinst«, mur­melt sie.
»Dann küm­mert sich Aa­rons Dad also nicht um ihn?« Dar­auf bin ich wirk­lich neu­gie­rig ge­we­sen. In den Zei­tungs­ar­ti­keln, die ich ge­le­sen habe, hatte ich nichts fin­den kön­nen, aber es gab auch nicht viele Er­wäh­nun­gen dar­über, dass Bebe über­haupt ein Kind hat. Ich denke, im Ver­gleich mit den Ver­bre­chen, für die sie ver­ur­teilt wurde, war diese Tat­sa­che wohl keine Nach­richt wert.
Bebe schüt­telt den Kopf. »Das hat er noch nie. Es war immer nur ich da und nun ja … meine Mut­ter hat so viel für Aaron getan. Für uns beide.«
Ja … sie hat dein Kind sie­ben Jahre lang groß­ge­zo­gen, wäh­rend du im Ge­fäng­nis warst.
Und selbst als mir die­ser Ge­dan­ke durch den Kopf geht, wird mir klar, dass ich Bebe in kei­ner Weise ne­ga­tiv be­ur­tei­le. Bei dem We­ni­gen, das ich von ihr ken­nen­ge­lernt und an ihr be­ob­ach­tet habe, habe ich fast schon Mit­leid mit dem, was sie getan hat. Ich habe keine Ah­nung, was Men­schen dazu bringt, ge­wis­se Ver­bre­chen zu be­ge­hen, aber in Bebes Fall habe ich fast schon das Ge­fühl, dass sie naiv war und ver­mut­lich in eine schlim­me Si­tua­ti­on hin­ein­ge­lockt wurde.
Gut, dafür habe ich keine Be­wei­se. Viel­leicht ist das der Grund, warum mir der Rest mei­nes Ge­wis­sens sagt, ich solle ihr einen Ver­trau­ens­bo­nus aus­spre­chen.
Nicht dass es einen Un­ter­schied ma­chen wird bei dem, wie diese Sache aus­ge­hen wird, aber trotz­dem … ir­gend­et­was an ihr macht mich sehr neu­gie­rig und ich möch­te über sie weit­aus mehr er­fah­ren als die Dinge, die ich für Ana­t­o­lys Auf­trag be­nö­ti­ge.
»Wenn du mich fragst«, sage ich auf­rich­tig, »ich finde, du hast einen tol­len Job ge­macht, dei­nen Jun­gen ganz al­lei­ne groß­zu­zie­hen.«
Wie­der senkt sie den Blick auf ihren Schoß. »Meine Mut­ter hat mir sehr viel ge­hol­fen.«
»Trotz­dem.« Ich halte inne und zwin­ge sie, mich an­zu­se­hen. »Er ist ein gutes Kind, das seine Mut­ter ganz of­fen­sicht­lich ver­göt­tert. Das will was hei­ßen.«
Bebe er­rö­tet und schaut auf das Spiel­feld, das mit Aus­nah­me der Me­di­en­ver­tre­ter an der Sei­ten­li­nie leer ist.
»Ich frage mich, was ich tun muss, damit du dich von mir zum Abend­es­sen ein­la­den lässt.« Wie­der blickt sie ab­rupt zu mir auf. Sie öff­net den Mund und ein klei­ner Seuf­zer ent­weicht, als wäre sie von mei­ner An­fra­ge voll­kom­men scho­ckiert.
Ich muss mich fra­gen, wie naiv sie ist, denn ich habe ge­lernt, dass sie kein Dumm­chen ist. Bebe ist un­heim­lich klug, jeg­li­che Ver­wir­rung ih­rer­seits muss also daher stam­men, dass sie schon so lange keine Ver­ab­re­dung mehr hatte.
Ich nutze mei­nen Vor­teil. »Komm schon, Bebe. Lass mich nicht län­ger zap­peln. Ich würde mich sehr freu­en, wenn du eine ein­fa­che Ein­la­dung zum Abend­es­sen an­neh­men wür­dest.«
»Aber … aber … ich kenne nicht ein­mal dei­nen Nach­na­men.«
»Stoltz«, sage ich. Noch eine Lüge.
»Aber –«
»Sag ein­fach Ja«, er­mu­ti­ge ich sie mit tie­fer Stim­me. »Wenn du nicht möch­test, dass ich dich von zu Hause ab­ho­le, kön­nen wir uns auch in einem Re­stau­rant tref­fen.«
»Aber«, sagt sie noch ein­mal, also be­schlie­ße ich, wei­ter Druck auf sie aus­zu­üben. Doch sie lenkt so­fort ein. »Warte … weißt du was?«, fragt sie außer Atem und schüt­telt schein­bar ent­setzt über sich selbst den Kopf. Sie sieht mir in die Augen, klar und ent­schlos­sen. »Ja … ich werde mit dir Abend­es­sen gehen. Aber ich würde mich gern mit dir im Re­stau­rant tref­fen.«
»Mor­gen Abend?« Ich will ihr keine Zeit geben, es sich noch ein­mal an­ders zu über­le­gen.
»Si­cher«, ant­wor­tet sie. »Ich muss nur dafür sor­gen, dass Aaron fer­tig für die Nacht ist und seine Haus­auf­ga­ben ge­macht hat. Aber nach neun­zehn Uhr kann ich mich zu jeder Zeit mit dir tref­fen.«
Ich lehne mich an sie und ver­set­ze ihrer Schul­ter einen klei­nen Stoß. »Also, das macht mich jetzt sehr glück­lich, Bebe ›ich-ken­ne-nicht-ein­mal-dei­nen-Nach­na­men‹.«
Noch eine Lüge. Ich kenne ihn sehr gut.
Sie lacht. »Grims­haw. Ich heiße Bebe Grims­haw.«
Grin­send ziehe ich sie auf. »Ver­rätst du mir, wofür Bebe steht?«
»Nicht bis ich weiß, wie sehr ich dich nach die­ser ers­ten Ver­ab­re­dung mag«, ent­geg­net sie mit einem ver­spiel­ten Blick.

Als Ana­t­o­ly mir zwei Wo­chen gab, um mich um die­ses Pro­blem zu küm­mern, mie­te­te ich mir rasch ein mö­blier­tes Apart­ment in Cran­ber­ry. Zu dem Zeit­punkt hatte ich ja keine Ah­nung, ob ich diese De­ckung brau­chen würde, aber es war ein guter prä­ven­ti­ver Zug.
Es han­delt sich um eine klei­ne, voll­stän­dig mö­blier­te Ein­zim­mer­woh­nung. Ich habe zwar weder Pläne noch die Hoff­nung, dass Bebe je­mals hier­her­kom­men wird, kann aber das Feh­len von per­sön­li­chen Ge­gen­stän­den damit er­klä­ren, dass ich ge­ra­de erst her­ge­zo­gen bin und meine gan­zen Sa­chen erst noch aus­pa­cken muss.
Für den Mo­ment ist es ge­nau­so ge­müt­lich wie das Hotel, in dem ich ge­wohnt habe, und Ana­t­o­ly scheut sich nie, meine Aus­ga­ben zu be­zah­len. Es könn­te zwar sein, dass er ver­stimmt ist, weil ich um zu­sätz­li­che Zeit ge­be­ten habe, sei­nen Auf­trag aus­zu­füh­ren, den­noch weiß er, dass ich immer schon ver­trau­ens­wür­dig war und nicht um un­nö­ti­ge Dinge bitte. Wenn Bebe be­schließt, mich unter die Lupe zu neh­men – und seien wir doch mal ehr­lich, sie hat die Mög­lich­kei­ten dazu –, möch­te ich si­cher­ge­hen, dass ich sau­ber er­schei­ne.
Ich schlie­ße die Tür zu mei­nem neuen Apart­ment auf, wäh­rend ich eine Ein­kaufs­tü­te unter dem Arm trage. Nach dem Foot­ball­spiel ver­ab­schie­de­te ich mich von Aaron und Bebe, spei­cher­te ihre Num­mer in mei­nem Te­le­fon ein und ver­sprach ihr, sie an­zu­ru­fen, um un­se­re Ver­ab­re­dung zum Abend­es­sen zu ar­ran­gie­ren. Dann habe ich ei­ni­ge Er­le­di­gun­gen ge­macht, die nicht nur einen Be­such beim Su­per­markt be­inhal­te­ten, son­dern auch einen Zwi­schen­stopp bei der Au­to­ver­mie­tung, um mei­nen Ver­trag um zwei Wo­chen zu ver­län­gern, für den un­wahr­schein­li­chen Fall, dass ich Bebe er­neut heim­lich fol­gen muss. Mein Mo­tor­rad hat sie be­reits ge­se­hen.
Zu­letzt ging ich ins Ein­kaufs­zen­trum und gab für das mor­gi­ge Abend­es­sen etwas Geld für hüb­sche­re Klei­dung aus. Ich habe zwar die leise Ver­mu­tung, dass Bebe sich nicht für die äu­ße­re Auf­ma­chung eines Men­schen in­ter­es­siert, bin aber den­noch der Mei­nung, ich soll­te es ver­su­chen, für den Fall, dass ich fal­schlie­ge. Hüb­sche­re Klei­dung be­deu­tet für mich Jeans, die nicht ganz so aus­ge­wa­schen und dünn sind, sowie ein adret­tes, schwar­zes Hemd im Ge­gen­satz zu mei­nem nor­ma­len T-Shirt oder lan­gär­me­li­gen Hemd, das ich aus Be­quem­lich­keit für ge­wöhn­lich trage.
Ich be­tre­te das Apart­ment und ver­rie­ge­le die Tür hin­ter mir. Nach­dem ich die Le­bens­mit­tel aus­ge­packt habe, gehe ich in das klei­ne Wohn­zim­mer.
Ich be­schlie­ße, dem un­ver­meid­ba­ren Anruf zu­vor­zu­kom­men, der schon bald fäl­lig sein wird, und rufe Ana­t­o­ly an, um ihn auf den neu­es­ten Stand zu brin­gen. Es be­ru­higt immer seine Ner­ven, wenn ich ihm In­for­ma­tio­nen lie­fe­re, bevor er da­nach fragt.
Er ant­wor­tet nach dem zwei­ten Klin­geln. »Schieß los, Griff.«
»Ich habe heute Nach­mit­tag etwas Zeit mit Bebe Grims­haw ver­bracht«, sage ich.
»Hast du tat­säch­lich mit ihr ge­spro­chen«, fragt er un­gläu­big, »oder hast du sie um­ge­bracht?«
»Mit ihr ge­spro­chen«, kläre ich ihn auf und igno­rie­re sein ent­täusch­tes Grun­zen.
»Und was hast du her­aus­ge­fun­den?«
»Bis jetzt nicht viel. Sie ist etwas ver­schlos­sen. Ich gehe mor­gen Abend mit ihr essen.«
Ana­t­o­ly stößt ein bel­len­des La­chen aus. »Abend­es­sen? Sag mal, willst du mich ver­ar­schen?«
»Ent­spann dich«, ent­geg­ne ich mit tie­fer Stim­me. »Wenn man alles her­aus­fin­den will, was einem mög­lich ist, muss man es so an­stel­len.«
»Ich kann nicht fas­sen, dass du dich mit der ver­damm­ten Ziel­per­son ver­ab­re­dest«, mur­melt er ge­reizt. »Ich will nicht, dass es sich hin­zieht.«
Ich rolle mit den Augen. Ob­wohl Ana­t­o­ly der An­füh­rer eines rie­si­gen kri­mi­nel­len Un­ter­neh­mens ist, ver­hält er sich den­noch manch­mal wie ein klei­nes Kind. »Hab ein­fach Ge­duld. Sie hat sich hier ein neues Leben auf­ge­baut. Sie wird nicht ein­fach ver­schwin­den. So wie ich es be­ur­tei­len kann, hat sie einen sehr un­schein­ba­ren Job in einer Ein­kaufs­stra­ße. Mein Bauch­ge­fühl sagt mir, dass sie ein­fach über­haupt nicht auf­fal­len und bloß ein fried­li­ches Leben füh­ren will.«
Ich bin mir nicht si­cher, warum ich das Be­dürf­nis ver­spü­re, das zu sagen, oder warum ich un­ver­hoh­len über ihren Ar­beits­platz ge­lo­gen habe. Ich weiß, es gibt nichts, was ich je­mals sagen könn­te, um Ana­t­o­ly davon zu über­zeu­gen, mei­nen Auf­trag ab­zu­bla­sen.
»Sie fühlt sich si­cher in ihrem Leben«, fahre ich fort. Eine wei­te­re Lüge, aber ich bin ge­schickt darin, sie mir aus­zu­den­ken, wenn es nötig ist. »Sie schaut nicht über die Schul­ter. Ver­hält sich ein­fach nur un­auf­fäl­lig, fährt zur Ar­beit und wie­der nach Hause.«
»Was ist mit ihrem Kind?«, fragt Ana­t­o­ly und ich zucke zu­sam­men. »Ich er­in­ne­re mich, dass sie ein Kind hat, nicht wahr?«
Ich muss vor­sich­tig sein, dass ich die In­for­ma­tio­nen, die ich über Bebe her­aus­ge­fun­den habe, nicht in aller Voll­stän­dig­keit preis­ge­be. Ana­t­o­ly teilt mir mit, was ich wis­sen muss, und er er­war­tet von mir, dass ich sei­nen Auf­trag aus­füh­re, ohne wei­te­re Fra­gen zu stel­len.
Ich stel­le mich dumm. »Bis jetzt habe ich noch kein Kind ge­se­hen. Sie hat keins er­wähnt. Ich werde es aber raus­fin­den.«
»Tu das«, ant­wor­tet er und sein bös­ar­ti­ger Ton ist nicht zu über­hö­ren. Wenn er Aaron aus ir­gend­ei­nem Grund tot sehen will, gehe ich davon aus, dass er mich bit­ten wird, mich eben­falls darum zu küm­mern.
Für den Au­gen­blick sagt er aber bloß: »Halt mich auf dem Lau­fen­den.«
Ana­t­o­ly kappt die Ver­bin­dung und ich lehne mich seuf­zend auf dem Sofa zu­rück. Das hier wird de­fi­ni­tiv kom­pli­zier­ter wer­den, als ich am An­fang ge­dacht habe.

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