Dcera: Schattenfürst

Erschienen: 08/2009
Serie: Dcera
Teil der Serie: 1

Genre: Fantasy Romance

Location: Tschechien, Prag

Seitenanzahl: 216


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-93828-160-4
ebook: 978-3-86495-011-7

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Dcera: Schattenfürst


Inhaltsangabe

Prag, im frühen 19. Jahrhundert: Mit Einbruch der Dunkelheit kehrt die Angst in Prag ein, denn die Nächte der Stadt werden von blutgierigen Vampiren beherrscht - allen voran Graf Jiri, Anführer der Vampire. Auf seinen pompösen Bällen wählt er schöne junge Frauen als Beute für die Orgien der Vampire aus.
Ein Objekt seiner Begierde ist auch Karolina, eine junge Adelige. Auf der Flucht vor Graf Jiri wird sie von einem geheimnisvollen Mann gerettet: Fürst Dominik Karolyi. Vom ersten Moment an ist Karolina von dem düsteren Dominik fasziniert, nicht ahnend, dass auch er zu den Vampiren gehört und von Graf Jiri höchstpersönlich erschaffen wurde!
Einem Hilferuf ihrer Freundin Adela folgend, reist Karolina zum unheimlichen Schloss von Graf Jiris Mätresse, in dem Vampire ihr Unwesen treiben. Der Fluchtplan der Freundinnen scheitert, und Adela wird im Schloss gefangen gehalten. In ihrer Angst sieht Karolina keinen anderen Ausweg, als Dominik um Hilfe zu bitten. Der Fürst verspricht ihr zu helfen - aber er verlangt eine Gegenleistung von Karolina …

Über die Autorin

Kim Landers lebt in der Nähe von Hannover. Unter ihrem richtigen Namen veröffentlichte sie bereits mehrere Liebesromane und eine Vampirtrilogie. Als Kim Landers schreibt sie erfolgreich für verschiedene Verlage in den Genres Romantic Fantasy und erotische Fantasy.

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Weitere Teile der Dcera Serie

Leseprobe

Szene 1

Marek stoppte die Kutsche vor dem Dienstboteneingang.
„Danke.“ Karolina verließ die Kutsche. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Sie verharrte einen Moment und sah zur Spitze der imposanten Schlossmauern auf. Die schwarzen Fenster glotzten feindselig auf sie herab. Es herrschte Grabesstille. Jeder Laut schien von den massiven Mauern erstickt zu werden. Wein rankte sich zu ihrer Rechten bis ins höchste Stockwerk empor, blattlos, wie skelettierte Finger, die das Gebäude würgten. Selbst die kahlen Bäume schienen von Leblosigkeit zu zeugen, wie alles auf diesem Anwesen.
„Du kannst dir ruhig ein wenig Zerstreuung suchen“, gestattete sie dem jungen Kutscher und warf...

...ihm eine Münze zu. „Am Nachmittag gegen fünf fahren wir zurück. Ich werde hier auf dich warten. Sei pünktlich.“ Er nickte, schnalzte und das Pferd fiel in einen gemächlichen Trab.
Karolina pochte mit der Faust gegen die massive Eichentür. Es dauerte einen Moment, bis sich schlurfende Schritte näherten. Mit einem lauten Knarren öffnete sich die Tür, und ein hageres Mädchen mit schiefen Zähnen stand vor ihr. Sie knickste und fragte Karolina nach ihrem Wunsch. Ihr bleiches Gesicht ähnelte einer Toten.
„Ich bin Baroness von Kocian und möchte Adela besuchen. Ist sie nicht daheim?“
Karolina spähte über die Schulter der Hageren in den dahinter liegenden, schmalen Flur.
„Doch, Baroness. Ich bringe Euch zu ihr.“ Mit der Kerze in der Hand schritt sie voran.
„Wenn Ihr mir bitte folgen würdet.“
Das Kleid des Mädchens war über den Hüften zu weit, der Rock an vielen Stellen ausgebessert. Ein Teil des Spitzensaumes schleifte hinter ihr her. Daraus schloss Karolina auf Geiz bei der Gräfin.
Sie liefen einen langen, dunklen Korridor entlang, in dem es muffig roch. Es existierte kein Fenster, durch das Helligkeit hätte dringen können. Holzwürmer hatten sich durch die hölzernen Wände gefressen.
Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Stiege, deren Stufen ausgetreten waren. Ein kühler Hauch wehte ihnen entgegen. Irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigem Rhythmus auf Metall. Karolina konnte nicht glauben, dass Adela sich hier wohlfühlte.
Die Stufen knarrten unter ihren Füßen. Die drachenköpfigen Treppenknäufe wirkten im fahlen Licht der Kerze wie Boten einer anderen Welt.
Oben angekommen, bog die Hagere in einen Seitenflügel ab. Keine Stimmen, kein fröhliches Gelächter drangen zu Karolina. Es herrschte nur Stille. Wie anders war es da auf dem heimatlichen Gut. Selbst der steife Anton lachte, wenn die dicke Köchin Berta die Suppe versalzen hatte.
Die Hagere blieb vor einer Tür stehen und klopfte an.
„Adela, Besuch für dich!“
Sie drückte die Klinke hinunter und trat, gefolgt von Karolina, ein. Dieses Zimmer strahlte die gleiche düstere Stimmung wie die Korridore aus. An der Seite stand ein riesiges Himmelbett aus Ebenholz. Scharlachrote Bettwäsche im Kontrast zum schwarzen Bettgestell, auf dessen Kopfkissenbezug eine zusammengerollte Schlange prangte, erinnerten sie an den Kettenanhänger der Mutter.
Adela saß auf einem Hocker und malte bei Kerzenschein, eine ihrer Leidenschaften. Ihr Kopf fuhr hoch, als die beiden Frauen eintraten. Ein warmes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sofort legte sie den Pinsel beiseite und sprang auf, um die Freundin zu begrüßen. Der Blick der Hageren flog von einer zur anderen.
„Danke, Margareta“, sagte Adela zu ihr, woraufhin diese das Zimmer verließ.
„Ich glaube es nicht! Karolina, ich freue mich so, dich zu sehen!“ Wenn die beiden sich unbeobachtet wähnten, benutzten sie die vertrauliche Anrede. Adela presste Karolina an sich.
„Ich mich auch, Adela.“
„Es ist schrecklich hier. Während der letzten Tage zog sich die Gräfin wegen Migräne zurück und schickte mich auf mein Zimmer. Sie bedürfe meiner Dienste erst am Abend, sagte sie. Diese verdammte Warterei, noch dazu im Dunkeln. Den lieben langen Tag müssen die Vorhänge im ganzen Schloss geschlossen bleiben. Weil sich sonst durch das Tageslicht ihre Migräne verstärken könnte. So muss ich die Nacht zum Tag machen. Dabei kann ich am Tag nicht richtig schlafen.“ Adela seufzte.
„Aber du bist doch schon seit Wochen in ihrem Dienst. So lange hat doch niemand Migräne.“
„Das ist ja so seltsam.“
„Und dass du sogar um dein Leben fürchtest ... Was ist geschehen?“ Karolina sah der Freundin forschend ins Gesicht, auf deren Stirn sich Sorgenfalten bildeten. Das war bei einer Frohnatur wie Adela völlig ungewöhnlich.
Adela beugte sich zu Karolina vor.
„Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Schau selbst! Den ganzen Tag über müssen alle Fenster des Schlosses mit schwarzen Vorhängen zugezogen werden. Man fühlt sich wie in einer Gruft“, flüsterte sie.
„Um Himmels willen, weshalb denn das?“, rief Karolina erstaunt aus.
„Pst. Vielleicht belauscht uns jemand. Die Gräfin verlangt das. Ich selbst habe gesehen, wie sie eine Zofe grausam durch Peitschenhiebe bestrafen ließ, weil die Vorhänge einen Spaltbreit offen standen. Aber das ist noch nicht alles …“ Adela blickte sich unruhig um. Sie umklammerte Karolinas Arm.
„Jede Nacht erhält die Gräfin Besuch. Männer und Frauen, mit bleichen, starren Gesichtern. Niemand von uns darf dann den Salon betreten. Ist doch seltsam, wenn man bedenkt, dass die Gäste bedient werden müssen? Nur Margareta wurde es erlaubt. Jedes Mal schließe ich die Tür hinter mir ab, vor allem, seitdem sich mir einer der Herren, ein Baron von Drazice, ungebührlich näherte. Seine schwarzen Augen flößen mir Furcht ein.“
„Ja, aber das muss doch noch lange nicht …“
Weiter kam Karolina nicht, weil Adela sie unterbrach.
„Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, heimlich …“, stammelte Adela.
„Was hast du gesehen?“ Karolina trat einen Schritt auf die Freundin zu und umfasste ihre Schultern. Adela rang nach Worten.
„Was hast du gesehen?“, wiederholte Karolina lauter.
„Sie haben getanzt und …“
„Und dann?“
„Sie waren nackt! Alle! Eine Orgie!“ Adelas starrer Blick schien die Freundin zu durchbohren.
„Eine Orgie?“ Adela nickte.
„Die Gräfin rief mich spät nach unten in den großen Salon. Als ich die Tür öffnete, war es stockdunkel, und ich stolperte. Irgendjemand zündete eine Kerze an und da sah ich zu meinen Füßen ein nacktes Pärchen, das sich miteinander vergnügte. Überall Gestöhne. Ein junges Mädchen hatten sie an einen Stuhl gefesselt. Drazice verging sich an der Wehrlosen, bis ein weiterer Kerl ihm folgte und es ihm nachtat. Und die Gräfin hat bei alledem zugesehen und sich daran vergnügt. Als sie mich bemerkt hat, bedeutete sie mir mit einem Wink, zu ihr zu kommen. Sie befahl mir, einen metallenen Pokal aus dem Nebenraum zu holen. Ich tat, wie mir geheißen. Doch als ich das Blut darin roch, wurde mir ganz übel. Fast hätte ich den Pokal fallen gelassen, wenn nicht Drazice ihn mir mit dröhnendem Lachen abgenommen hätte. Dann hat er die Gefesselte gepackt … und auf den Tisch gelegt ...“, stammelte Adela.
Karolina schluckte hart. Was sie dann erfuhr, erschütterte, entsetzte sie, wie noch nichts zuvor in ihrem Leben. In ihren schlimmsten Alpträumen hätte sie nie an das gedacht, was die Freundin ihr schilderte.
„Er beugte sich über sie. Seine Zähne … seine Zähne … Und die Gräfin zwang mich zuzusehen!“ Adela schluchzte auf, ein Schütteln durchfuhr ihren Körper.
„Seine Zähne wurden so lang wie Messer. So etwas hab ich noch nie gesehen. Es war grauenhaft. Wieder hat er sie auf dem Tisch genommen. Vor meinen Augen. Dann senkten sich seine Zähne in ihren Hals. Das Blut schoss heraus, die Gräfin fing es mit dem Pokal auf. Alle nacheinander haben davon getrunken. Mir hat sich der Magen umgedreht. Es war grauenhaft. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen.“ Tränen rannen ihre Wangen hinab.
Adela begann zu husten und zu würgen. Sie presste die Hände an ihre geröteten Wangen, als könne sie damit das Würgen unterdrücken.
Auch Karolina begann zu zittern. Sie konnte verstehen, wie sehr das Erlebte die Freundin aufwühlte.
„Er ist ein Vampir! Anton von Drazice ist ein Vampir!“ Die letzten Worte klangen erstickt, als würde jemand Adela die Luftröhre zudrücken.
Karolina fühlte sich wie betäubt. Ekel beschlich sie und ließ ihren Magen rebellieren. Adela hatte noch nie gelogen, und der Schrecken saß ihr sichtbar in den Gliedern.
Die Gedanken überschlugen sich förmlich hinter Karolinas Stirn. Das alles passte zu dem, was sie im Palais des Grafen erlebt hatte. Doch wer alles zählte zu dem Kreis des Grafen? Wie viele Kreaturen der Nacht gab es denn schon? Es lief ihr nacheinander heiß und kalt den Rücken hinunter.
„Hast du ihn genau erkannt?“, flüsterte Karolina.
„Ja! Ja! Ich schwöre dir, er ist ein Vampir.“ Adela schniefte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen fort.
Es herrschte eine Weile bedrückende Stille, in der jede ihren eigenen Gedanken nachhing.
„Was soll ich tun?“, wisperte Adela.
„Du musst dieses Schloss verlassen. Sofort. Komm, lass uns verschwinden.“
Karolina fasste nach Adelas Arm und zog sie mit sich. Doch die Freundin wehrte sich.
„Das geht nicht. Sie würden es sofort bemerken. Und dann … dann bin ich vielleicht die Nächste!“ Panik ergriff Adela bei der Vorstellung, in einer Lache eigenen Blutes zu liegen.
„Deshalb musst du mitkommen.“ Als Karolina erneut nach dem Arm der Freundin griff, wich diese zurück und schüttelte den Kopf.
„Nein, ich kann nicht. Versteh mich. Wenn uns jemand entdeckt …“
„Bitte, Adela, hier bist du nicht sicher. Komm jetzt.“ Energisch zog Karolina sie am Arm in Richtung Tür. Adela wehrte sich, jammerte und schimpfte. Die Hysterie der Freundin steigerte sich, sodass Karolina ihr eine schallende Ohrfeige verpasste, um sie zur Vernunft zu bringen.
Adelas Abwehr erlahmte. Die Lider ihrer weit aufgerissenen Augen flatterten unruhig. Sie hob die Hand und rieb sich die gerötete Wange.
Wortlos folgte sie Karolina, die leise die Tür öffnete und auf den Flur spähte, ob sich jemand in der Nähe befand.
„Pack nur das Nötigste ein, und dann lass uns verschwinden“, raunte Karolina der bleichen Freundin zu. Wie in Trance lief Adela zum Schrank, riss ihre abgestoßene Reisetasche herunter und stopfte wahllos Kleidungsstücke hinein. Karolina beobachtete die zitternden Hände der Freundin. Auch sie versuchte, das Zittern in den Beinen und Händen zu kontrollieren.
Im Flur herrschte absolute Stille. Sie zogen beide ihre Schuhe aus und liefen auf Zehenspitzen übers Parkett. Immer wieder blickte Karolina hinter sich, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich niemand beobachtete.
Sie erreichten die Treppe und atmeten erleichtert auf. Keine von beiden wagte zu flüstern.
Karolina hoffte nur, dass Marek sich an die Abmachung hielt und draußen bereits auf sie wartete. Manchmal trödelte er gern bei einem Becher Wein und vergaß die Zeit.
Als sie den Dienstboteneingang erreichten, drückte Karolina die Klinke nach unten. Entsetzt stellte sie fest, dass diese verschlossen war.
„Was jetzt?“ Adelas Stimmer klang weinerlich.
„Dann müssen wir einen anderen Weg hinausfinden. Du kennst dich doch hier aus.“
„Nur durchs Hauptportal kommen wir raus. Aber da müssen wir durch die Galerie ...“
„Dann müssen wir das eben.“
Karolina machte auf dem Absatz kehrt und stieg die Treppe wieder hinauf.
„Dort können sie uns entdecken.“ Adelas Einwand wischte Karolina mit einer Handbewegung beiseite.
„Wir schaffen das schon. Wo bleibt dein Optimismus? Also los, wo lang?“
Sie stiegen die Treppe empor und liefen wieder lange, dunkle Gänge entlang.
Karolina verlor die Orientierung und verließ sich ganz auf die Freundin.
Als sie sich auf der Galerie oberhalb der Eingangshalle befanden, verharrten sie einen Moment und blickten über die gedrechselte Brüstung hinab.
Die Halle war leer, nur das Knistern des Feuers im Kamin durchbrach die Stille.
Ihre Augen suchten nach dem Eingangsportal. Es lag auf der gegenüberliegenden Seite, was bedeutete, dass die gesamte Halle zu durchqueren war. Das Risiko, entdeckt zu werden, war groß.
Adela tastete nach Karolinas Hand.
„Sie werden uns sehen.“
„Wir müssen es riskieren.“
Adela schluckte hart und nickte.
Stufe für Stufe schlichen sie die Treppe hinab, den Blick nach unten gerichtet.
Schließlich erreichten sie den Treppenabsatz und nickten sich zu.
Karolinas Herzschlag glich einem Trommelwirbel. Jetzt mussten sie nur noch an der ledernen Sitzgruppe vorbei, die einladend vor dem Kamin stand.
Sie lauschten. Nichts verriet, dass sich jemand in der Nähe befand und ihre Flucht hätte verhindern können.
Sie gewannen an Sicherheit und eilten durch die Halle.
Jetzt trennten sie nur noch wenige Schritte vom Portal, und Erleichterung machte sich bei ihnen breit.
Karolina streckte ihren Arm aus, um die Klinke hinunter zu drücken und erschrak, als ein Mann ihr unvermutet den Weg versperrte. Mit grimmiger Miene starrte er auf sie herab. Seine schwarzen Augen wetteiferten mit seiner schwarzen Kleidung.
Karolina wich einen Schritt zurück und stieß gegen die ohnmächtig gewordene Freundin, die auf dem steinernen Boden lag.
„Ihr habt uns vielleicht erschreckt!“ Karolina funkelte den Fremden empört an.
„Meine Freundin ist sogar in Ohnmacht gefallen.“
Sie drehte sich zur Freundin, hockte sich neben sie und tätschelte ihre Wange.
„Adela! Adela! Komm zu dir.“ Die Freundin schlug die Augen auf. Ihr Blick richtete sich auf den Mann, der den Weg zum Ausgang versperrte. Sie riss die Augen weit auf und fiel erneut in Ohnmacht.
„Wollt Ihr denn meiner Freundin nicht helfen?“ Karolina wirbelte wütend zu dem Fremden herum. Sie wusste selbst nicht, woher sie den Mut nahm, ihn anzuherrschen.
Das Glitzern in seinen Augen wirkte bedrohlich. Doch er hob Adela auf, als wäre sie leicht wie eine Feder und trug sie zu einem der Sessel vor dem Kamin.
Karolinas Hirn suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen. Wer war er und wie sollte sie ihre Anwesenheit erklären?
Sie sah zu ihm auf. Sein blondgelocktes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, erinnerte an einen Engel, aber einen düsteren Engel.
Er musterte sie von oben bis unten, seine Lippen verzogen sich zu einem gönnerhaften Lächeln.
„Wie schade, dass Ihr die Gastfreundschaft der Gräfin nicht länger genießen wollt. Ihr wart doch gerade dabei zu gehen, meine Teure, oder?“ Seine Stimme war tief und rau und besaß ein metallenes Timbre.
„Ich, äh … habe nur meine Freundin besucht … sie wollte mich gerade hinausbegleiten, als Ihr …“ Die eigene Stimme klang ihren Ohren fremd.
„Als ich hier auftauchte? Habt Ihr mich denn nicht gesehen, meine Schöne?“
Er deutete mit einer Kopfbewegung zu der Sitzgruppe vor dem Kamin.
Karolina schüttelte den Kopf. Die hohen Lehnen hatten seine Anwesenheit verborgen.
„Nein, sonst hätten wir Euch gegrüßt.“
„Ach, wirklich?“
Karolinas Herz klopfte bis zum Hals. Sie durfte diesem Kerl unter keinen Umständen zeigen, welche Furcht sie beherrschte. ‚Reiß dich zusammen, Karolina!? Sie ballte die Fäuste und zwang sich, seinen Blick zu erwidern.
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, was ihm ein diabolisches Aussehen verlieh.
„Ja, wie ich schon sagte, Ihr habt uns erschreckt.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Er straffte die Schultern und atmete geräuschvoll ein.
„Dann sind wir wohl quitt. Sobald meine Freundin wieder bei Sinnen ist, gehen wir.“
„Das glaube ich kaum.“ Der gebieterische Ton in seiner Stimme verriet, dass er keinen Widerspruch duldete.
„Was heißt das?“, krächzte sie.
„Wie ich es gesagt habe.“ Er beugte sich zu ihr vor und spitzte die Lippen. Karolina wich zurück, als sie das Begehren in seinen Augen erkannte. Furcht stieg in ihr auf und beherrschte ihre Gedanken. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren und hoffen, dass Adela endlich aufwachte. Doch diese saß zusammengesunken im Sessel und bekam von dem Geschehen nichts mit.
Ehe sich Karolina besinnen konnte, umspannten die Hände des Fremden ihre Taille.
„Lasst mich los!“
Er warf den Kopf zurück und lachte heiser.
Seine weiße Haut schimmerte im Schein des Kaminfeuers wie polierter Marmor.
Der Griff seiner Hand lockerte sich nur für einen kurzen Moment, um ihre kleinen, festen Brüste zu umspannen. Die grobe Berührung ließ Karolina empört aufschreien. Sie versuchte sich ihm zu entwinden, aber seine andere Hand presste sie an ihn.
Dann senkte er den Kopf und schnüffelte an ihr. Karolina fühlte sich machtlos und spürte, wie Tränen in ihre Augen traten. Zu genau erinnerte sie sich an die Szene in Prag.
„Bitte, lasst mich los. Ich weiß gar nicht, was Ihr von mir wollt ...“
Er antwortete nicht, sondern legte seine Wange an die ihre. Seine Haut fühlte sich kalt wie die eines Fisches an. Karolina zitterte am ganzen Körper. Damals gab es den Fürsten, der sie rettete. Jetzt war sie auf sich gestellt.
Seine Nase glitt an ihrer Wange hinab, übers Kinn bis zu ihrer Halsbeuge. Er schnüffelte an ihr wie ein Hund. Karolinas Magen zog sich vor Ekel zusammen, als ihr sein fauliger Atem entgegenschlug, den auch das süßlich duftende Parfüm, das er aufgetragen hatte, nicht übertünchte. Ihr Blick suchte nach seinen Vampirzähnen, aber sein Gebiss schien völlig normal zu sein.
Mit einem tiefen Knurren presste er sie so fest an seinen Körper, dass ihr die Luft wegblieb. Sein Blick schien ihre Gegenwehr zu erlahmen, weshalb sie wie eine wehrlose Puppe in seinen Armen hing.
Karolina schloss die Augen und betete, sie möge in Ohnmacht fallen, damit er von ihr abließ. Aber sie wurde nicht erhört und die Sekunden zogen sich endlos dahin. Sie spürte seine feuchte Zunge an ihrer Kehle. Warum konnte sie nicht auch ohnmächtig werden, so wie Adela?
Mit einem Ruck riss er das Schulterteil ihres Kleides herunter und entblößte eine ihrer Brüste. Karolina schrie leise auf, ihre Knie gaben nach. Doch er hielt sie eisern fest. Sein Atem beschleunigte sich.
Szene 2
„Fürst Karolyí?“ Ihre Stimme hallte in der Halle wie ein Echo. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. In der Ferne erklang ein Türknarren. Die Alte war neben sie getreten und zischte ihr zu: „Das werdet Ihr noch bereuen!“
Karolina ignorierte sie und starrte stattdessen auf die Treppe. Es war nicht nur Angst, die in ihr schwang, sondern auch eine gewisse Vorfreude, den Fürsten wiederzusehen, der ihre Träume beherrschte wie kein anderer. Ob die Alte recht hatte und er doch nicht hier war? Aber ihre Zweifel zerschlugen sich, als sie seinen festen Schritt vernahm. Sie hätte ihn unter Tausenden wiedererkannt, so sehr hatte sie sich jede Einzelheit von ihm in jener Nacht eingeprägt.
Er stand oben am Treppenabsatz, genauso schillernd und beeindruckend wie in Prag, ganz in Schwarz gekleidet. Die einzigen Farbkleckse in seinem Erscheinungsbild waren der goldene Saphirring an seiner linken Hand und die Augen.
Langsam schritt er die Stufen hinab, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
„Herr, sie hat mich überrannt! Bitte verzeiht!“ Die Alte neben ihr verbeugte sich tief.
„Schon gut, Zdenka, ich kümmere mich darum.“ Seine Stimme allein brachte ihre Sinne in Aufruhr. Die Alte wackelte davon.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Als er vor ihr stand, wirkte seine Größe noch beeindruckender, als sie diese in Erinnerung hatte.
Sie sah zu ihm auf; seine Augen glichen einem Eissee, in dem man versinken konnte. Ihr wurde schwindlig, als sein Blick auf ihr ruhte.
„Nun, was führt Euch zu mir, zu so später Stunde? Ganz allein, ohne männliche Begleitung? Aber ja, das scheint bei Euch Gewohnheit zu sein. In der Nacht in Prag ist es doch auch so gewesen? Wahrscheinlich liebt Ihr das Risiko mehr als Euren Ruf!“
Sie zuckte zusammen. Ihr impulsives Verhalten belustigte ihn anscheinend.
Sie musste auf ihn wie eine Dahergelaufene wirken, Kleid und Mantel waren durchnässt, und zu ihren Füßen bildete sich eine Pfütze. Ihre Pelzkappe hatte sie beim Sturz vom Kutschbock verloren, und die Haare klebten im Gesicht.
„Verzeiht, Fürst, aber dringende Umstände zwingen mich dazu, Eure Hilfe zu erbitten.“ Sie schluckte.
Der Fürst betrachtete sie aufmerksam.
„Wollt Ihr nicht erst einmal den Mantel ablegen? Ihr zittert vor Kälte.“
Schon nestelte er an ihrem Kragen, und als seine Finger ihren Nacken berührten, durchzuckte es sie wie ein Blitz. Er warf den Mantel achtlos über einen Hocker.
„Wie kann ich Euch helfen? Ihr seid erschöpft. Kommt, setzt Euch in den Sessel und berichtet.“ Er nahm sanft ihren Arm und zog sie zu einer Sitzgruppe am Fuße der Treppe. Der Anblick erinnerte sie an das Erlebnis auf dem Schloss der Gräfin und damit an die Gefahr, in der Adela schwebte. Er goss Wein aus einer Karaffe in ein Glas und reichte es ihr.
„Das wird Euch wärmen. Bitte setzt Euch.“
„Bitte verzeiht, aber ich mag mich jetzt nicht setzen. Es geht um Leben und Tod!“
„Um Leben und Tod?“ Er stellte abrupt das Weinglas ab. Karolina fragte sich in diesem Moment, ob sie nicht einen Anflug von Spott in seinen Augen erkannt hatte. Doch sie glaubte sich zu irren, denn ein warmes Lächeln huschte über sein Gesicht. Dennoch barg dieser Mann zwei Seiten in sich.
„Meine Freundin befindet sich in Gefahr.“ Dann sprudelte alles in einem Schwall aus ihr heraus, von Adelas Nachricht bis hin zu ihren Vermutungen. Der Fürst hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen.
„Dieser Baron, so seltsam es klingen mag, ist ein Vampir. Davon bin ich fest überzeugt.“ Sie bekräftigte ihre Worte mit einem Nicken.
„Wie kommt Ihr darauf? Ich selbst kenne den Baron. Glaubt Ihr, eine Unnatürlichkeit an ihm wäre mir nicht aufgefallen?“
„Meine Freundin erzählte mir, dass sie beobachtet hatte, wie der Baron eine Frau durch einen Biss getötet hat. Und ich glaube ihr. Wie gut kennt Ihr den Baron?“
Er runzelte die Stirn. „Ich möchte Euch und Eurer Freundin nicht zu nahe treten, aber bestimmt hat sie sich geirrt. Doch wie kann ich Euch helfen?“
„Meine Freundin wird von der Gräfin im Schloss gefangen gehalten. Ihr müsst mit der Gräfin sprechen und sie dazu bringen, Adela freizulassen. Sie wird bestimmt auf Euch hören. Ich flehe Euch an. Ihr seid ein wahrer Edelmann, habt dieses bereits unter Beweis gestellt, und nun bitte ich Euch verzweifelt noch einmal um Eure Hilfe.“
„Wie kommt Ihr darauf, die Gräfin würde mich erhören?“
„Weil ich glaube, dass Ihr alles erreichen könnt, was Ihr wollt.“
„Soso. Das glaubt Ihr also von mir! Das ehrt mich. Euch habe ich geholfen, aber was geht mich Eure Freundin an?“
„Fürst Karolyí, Ihr seid ein Ehrenmann, und ich bitte Euch inständig, uns zu helfen. Ich gebe Euch dafür, was Ihr wollt.“
„Seid Ihr mit diesem Versprechen nicht zu freigebig, Mademoiselle? Wenn ich mich schließlich nicht mehr als Ehrenmann erweisen sollte, was dann?“
„Ihr würdet nie die Lage einer verzweifelten Frau ausnutzen!“ Er lächelte.
„Ich danke Euch für Euer Vertrauen. Aber was ist, wenn meine Worte bei der Gräfin nicht fruchten?“
„Dann werde ich mir einen neuen Plan ausdenken. Doch ich bin davon überzeugt, dass Ihr es schaffen werdet.“
Sie umfasste mit beiden Händen einen seiner Arme. Er legte seine Hand unter ihr Kinn und strich zärtlich mit dem Daumen über ihre Unterlippe. Karolina erschauerte unter der sanften Berührung und starrte wie hypnotisiert in sein Gesicht. Sie öffnete ihre Lippen in Erwartung eines Kusses und schloss die Augen.
Dominik lächelte triumphierend. „Dafür müsst Ihr mir einen Gefallen erweisen, meine Schöne.“ Bei seinem Flüstern breitete sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper aus. Sie öffnete wieder die Augen und versank in seinem begehrlichen Blick. Ihre Glieder wurden schwer.
„Ja“, hauchte sie und war ein wenig enttäuscht darüber, dass er sie nicht geküsst hatte.
„Jeden?“
„Jeden.“
Wieder lächelte er zufrieden.
Szene 3
Nun kauerte sie in dem Versteck, um das Palais zu beobachten und, falls erforderlich, einzugreifen. Während Carlotta und Malvina auf einem Friedhof unterhalb der Prager Burg nach Vampirschlafplätzen suchten, traf sich Adela mit Jendrik in Carlottas Haus, um mehr über Jiri zu erfahren.
„Und wenn

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