Pittsburgh Titans: Baden

Originaltitel: Baden: A Pittsburgh Titans Novel
Übersetzer: Lisa Blume

Erschienen: 04/2023
Serie: Pittsburgh Titans
Teil der Serie: 1

Genre: Contemporary Romance, Sport Romance

Location: USA, Pittsburgh


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-614-0
ebook: 978-3-86495-615-7

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Pittsburgh Titans: Baden


Inhaltsangabe

Nach einer schrecklichen Verletzung, die seine Karriere zu beenden droht, muss Baden Oulett lernen, dass ein Neuanfang manchmal genau das ist, was der Arzt verordnet.

Ich habe mein ganzes Leben lang auf ein einziges Ziel hingearbeitet: Profi-Eishockeyspieler zu sein. Als Mitglied des Arizona Vengeance-Teams lebte ich meinen Traum, bis die Entscheidung, eine Frau zu retten, in Sekundenbruchteilen alles zunichte gemacht hat. Anstatt meine Schlittschuhe zu schnüren und aufs Eis zu gehen, verbrachte ich meine Tage in der Reha und Physiotherapie, damit ich wieder laufen konnte. Als sich mir nach dem Leidensweg die Möglichkeit bietet, als Trainer bei den Pittsburgh Titans zu arbeiten, finde ich eine Karrierechance vor, die ich nie in Betracht gezogen hatte, die es mir aber ermöglicht, weiterhin Teil des Sports zu sein, den ich liebe.

Während meine Verletzungen körperlicher Natur sind, kann man das von der Frau, der ich das Leben gerettet habe, nicht behaupten. Sophie Winters leidet an unsichtbaren Wunden, und hat sich aus Angst und Schuldgefühlen von der Welt zurückgezogen. Ich kannte Sophie vor jener schicksalhaften Nacht nicht, aber ich weigere mich, sie mit ihren Dämonen allein zu lassen. Entschlossen, Sophie ein Freund zu sein, unterstütze ich sie auf die einzige Art, die ich kenne: indem ich einfach da bin.

Durch unser gemeinsames Trauma kommen wir uns immer näher, und was als Freundschaft begann, wird immer leidenschaftlicher. Aber kann eine Liebe, die aus Angst geboren wurde, Bestand haben?

Über die Autorin

Seit ihrem Debütroman im Jahr 2013 hat Sawyer Bennett zahlreiche Bücher von New Adult bis Erotic Romance veröffentlicht und es wiederholt auf die Bestsellerlisten der New York Times und USA Today geschafft.
Sawyer nutzt ihre Erfahrungen als ehemalige Strafverteidigerin in...

Weitere Teile der Pittsburgh Titans Serie

Leseprobe

Sophie

Meine Wohnzimmercouch wird mir allzu bequem. Ich richte mich wieder auf und lehne mich ans Kissen, nachdem ich mich zuvor herrlich ihrer Flauschigkeit ergeben habe und darin versunken bin. Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass ich als Arbeitslose nicht zu behäbig werden darf. Dazu gehört auch, meine Jobsuche eingekuschelt auf meiner Couch vor einem im Kamin prasselnden Feuer durchzuführen. Den Nachrichtenkanal des Fernsehers habe ich leise gestellt, damit er mich nicht ablenkt, während ich meinen Laptop auf den Knien balanciere und mein LinkedIn-Profil aktualisiere.
Heute früh habe ich von John eine E-Mail erhalten, in der er...

...meine Kündigung bestätigte. Die E-Mail enthielt auch ein Abfindungsangebot, falls ich mich entschließen sollte, selbst die Kündigung auszusprechen. Das Angebot ist nicht schlecht, und es wäre sogar mehr als das, was ich in den nächsten Wochen als Arbeitslosenunterstützung bekäme. Mir gefällt aber nicht, dass es so wirkt, als würden sie sich freikaufen. Ich bin keineswegs verärgert darüber, dass sie mich gefeuert haben. Schließlich haben sie mich monatelang in einem für mich sicheren und vertrauten Umfeld arbeiten lassen. Dafür bin ich dankbar. Es gibt nicht viele Firmen, die mir diese Möglichkeit eingeräumt hätten. Ich weiß auch, dass sie mich gern wieder in meinem alten Job gesehen hätten. In dem bin ich nämlich verdammt gut gewesen.
Gutes und fähiges Schulungspersonal zu finden, ist nicht einfach. Es ist nicht leicht, einem Laien ohne jedwede medizinische Vorbildung beizubringen, wie man Ärzte darin schult, neue Gerätschaften zu bedienen. Die Person muss intelligent und anpassungsfähig sein und vor allem an sich und ihre Fähigkeiten glauben. Offensichtlich hatten sie es satt, weiter darauf zu warten, dass ich wieder zu mir selbst finde.
All das sollte bei einem Zoom-Meeting besprochen werden. Ich bin davon ausgegangen, dass sie mir eine Frist setzen würden, auf die ich hinarbeiten könnte. Stattdessen hat James von mir erwartet, noch gestern in ein Flugzeug zu steigen, um nach Chicago zu fliegen. Auf gar keinen Fall hätte meine noch immer schwer traumatisierte Psyche so eine Reise verkraftet. Selbst wenn ich es irgendwie bis nach Chicago geschafft hätte, hätte ich wegen meines angeschlagenen Selbstvertrauens spätestens bei der Schulung absolut versagt. Auch wenn ich nicht sauer auf sie bin, so finde ich es dennoch traurig, dass sie sich dessen nicht bewusst sind. Schon aus Prinzip werde ich den Aufhebungsvertrag nicht unterschreiben und ihr Abfindungspaket ablehnen.
Ich war sehr gut in meinem Job, und um wieder daran anknüpfen zu können, brauche ich mehr Zeit. Ich habe hart an mir gearbeitet, habe mich in Therapie begeben und Medikamente eingenommen. Ich habe Fortschritte gemacht. Aber unter dem Strich ist es ein großer Konzern und ich bin nur ein kleines, leicht zu ersetzendes Rädchen im Getriebe. Wahrscheinlich werde ich es noch bereuen, das Abfindungspaket abgelehnt zu haben. Spätestens, wenn der Gerichtsvollzieher vor meiner Tür steht. Dennoch muss ich einfach an mich glauben und weiterhin fest davon überzeugt sein, dass ich einen anderen Job finden werde und dass sich spätestens dann alles zum Guten wenden wird.
Ich nehme hier und da noch ein paar Änderungen an meinem LinkedIn-Profil vor und aktualisiere dann meinen Lebenslauf im Textverarbeitungsprogramm. Nachdem auch das erledigt ist, stelle ich den Laptop auf meinem Beistelltisch ab und kuschele mich wider besseres Wissen in meine Kissen. Ich greife zur Fernbedienung und richte sie auf den Fernseher, um die Lautstärke zu erhöhen und mir die Fünf-Uhr-Nachrichten anzusehen.
Ich schaffe es, bis zu den Verkehrsnachrichten – für mich nicht von Bedeutung – aufmerksam zuzuschauen, bevor meine Gedanken abschweifen. Die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, ist eine häufige Begleiterscheinung bei Angststörungen. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass es mich heute erwischt, zumal ich ja gestern nicht nur meinen finanziellen Rückhalt verloren habe, sondern zusätzlich auch noch zur Wache fahren und versuchen musste, anhand von Fotos einen der Täter zu identifizieren. Jedoch war das einzige Resultat dieses Ausfluges, dass die Traumata jenes Abends vor sieben Monaten wieder zum Leben erweckt wurden.
Ich bin ein absoluter Versager, und war das sogar schon vor diesem verhängnisvollen Abend. Ich habe nicht darauf geachtet, wo ich mein Auto abstellte, und bin so in einer Gegend gelandet, die viel zu weit weg vom Eingang des Einkaufszentrums lag. Ich hatte immer so weit weg wie möglich entfernt geparkt, um mein tägliches Schrittpensum zu erreichen. An eine potenzielle Gefahr für mich habe ich dabei nie gedacht.
Als ich dann angegriffen wurde, habe ich mich nicht einmal gewehrt. So konnten sie mich wie eine Puppe herumwirbeln. Wäre Baden nicht eingeschritten, wer weiß, was sie noch mit mir angestellt hätten.
Ich habe nicht einmal versucht, Baden zu helfen. Ich bin einfach so schnell ich konnte davongelaufen und habe dabei einzig und allein an meine Sicherheit gedacht. Ich habe ihn im Stich gelassen.
Und nicht einmal jetzt bin ich von Nutzen, wo es darum geht, die Polizei dabei zu unterstützen, diese widerlichen Kerle zu fassen, die Badens Leben ruiniert haben. Schon bei der ersten Gegenüberstellung konnte ich niemanden identifizieren, und gestern war ich auch nicht in der Lage, auch nur einen der Angreifer zu erkennen.
Sie hatten zwei Verdächtige, also musste ich auch an zwei Gegenüberstellungen mit Fotos teilnehmen. Jedes Set enthielt sechs Fotos, eines vom mutmaßlichen Angreifer und fünf weitere von Männern mit ähnlicher Statur und ähnlichem Aussehen, aber niemand stach heraus. Sie alle sahen gemeingefährlich aus und jeder dieser Männer hätte einer der Täter sein können. Alles, was ich aussagen konnte, war, dass die Täter weiß waren – und nicht einmal diesbezüglich war ich mir absolut sicher.
So viel also zu meinem Beitrag zur Suche nach Gerechtigkeit für Baden.
Ich bemerke, wie ich in eine depressive Stimmung abdrifte. Beim bloßen Gedanken daran, wieder angegriffen zu werden, fühle ich mich wie paralysiert. Doch mein größtes Trauma liegt in dem begründet, was Baden aufgrund seines heldenhaften Einsatzes widerfahren ist. Er hat mich gerettet. Wenn ich es nicht schaffe, an etwas anderes zu denken, als dass ich sein Leben ruiniert habe, laufe ich Gefahr, mich zu weit zurückzuziehen, und oft ist es sehr schwer, da wieder herauszukommen.
Aber wie schon gesagt, ich habe fleißig an mir gearbeitet. Ich erkenne, was gerade mit mir passiert, und so zwinge ich mich dazu, von der Couch aufzustehen. Ich weiß, dass ich mich jetzt mit etwas beschäftigen muss, was mir Freude bereitet.
Ich liebe es zu kochen, aber gerade gibt es nichts zu kochen, da bereits ein Chili auf meinem Herd köchelt. Spazieren gehen wäre schön, wenn es draußen nicht so dunkel und eisig kalt wäre, und natürlich bin ich so oder so viel zu ängstlich, um allein spazieren zu gehen.
Ich überlege, ob ich mir eine romantische Komödie anschauen soll. Gerade als ich mich dazu durchgerungen habe, meldet sich der Bewegungsmelder meiner Haustür und es klingelt. Für einen Moment verfalle ich in Panik, die ich sofort verdränge. Das Alarmsystem sichert mich ab. Ich mache mir nicht die Mühe, in meiner Sicherheits-App nachzusehen, und gehe stattdessen zur Eingangstür, um durch den Spion zu schauen.
Ich kann nicht glauben, was ich da sehe.
Durch die Fischaugen-Linse ist das Bild verzerrt, aber ich kann ganz genau erkennen, dass Baden Oulett auf meiner Veranda vor meiner Tür steht. Er ist attraktiv, hat dunkles Haar und hellbraune Augen. Sein Gesicht ist wunderschön – trotz der dünnen roten Narbe, die sich von seiner rechten Schläfe sein Gesicht entlang zieht und dann in einem Dreitagebart, der ihm sehr gut steht, verschwindet.
Was mich jedoch am meisten überrascht … er steht auf seinen eigenen Beinen. Keine Lähmung zu sehen. Kein Rollstuhl. Keine Krücken. Kein unsicherer Stand. Er sieht vollkommen gesund und normal aus. Ich muss blinzeln, nur um ganz sicherzugehen, dass ich nicht träume.
Es klingelt erneut. Erschrocken weiche ich zurück und lege die Hände auf meine Brust. Mein Herz pocht wild vor Fassungslosigkeit, dass Baden wohlbehalten vor meiner Tür steht. Ich schaue noch mal durch den Spion. Baden steht wirklich da. Die Hände lässig in den Jackentaschen, betrachtet er interessiert den Vorgarten meines Nachbarn.
Erst als er stirnrunzelnd einen flüchtigen Blick auf seine Uhr wirft, erwache ich aus meiner Schockstarre. Er ist im Begriff, sich umzudrehen und zu gehen. Wahrscheinlich denkt er, ich wäre nicht zu Hause. Ich werde aktiv, schiebe den Riegel zurück und öffne die Tür.
Unglücklicherweise habe ich vergessen, das Sicherheitssystem zu deaktivieren, und in dem Moment, in dem der Kontakt der Sensoren unterbrochen wird, schrillt mein Alarm los. Die fürsorglichen Jungs von Jameson Force Security haben mich überzeugt, ein Systempaket zu installieren, bei dem neben dem ohrenbetäubend kreischenden Lärm auch noch eine tiefe männliche Stimme dermaßen laut aus dem Lautsprecher ertönt, dass man sie noch einen Block entfernt hören kann.
„Einbrecheralarm! Achtung! Gehen Sie vom Haus weg. Die Polizei ist informiert.“
Baden weicht vor Schreck einen Schritt nach hinten und wäre beinahe die Stufen heruntergestolpert. Er schafft es aber noch, sich am Geländer festzuhalten.
„Scheiße!“, rufe ich und eile zum Bedienpanel der Alarmanlage. Wie wild hämmere ich den Sicherheitscode in die Tasten und drücke auf Enter, aber nichts passiert.
„Scheiße!“, rufe ich wieder und versuche es noch einmal.
Der Alarm verstummt, aber ich kann mich noch nicht auf Baden konzentrieren. Ich haste um die Couch herum, um zu meinem Telefon zu gelangen, und wie aufs Stichwort ruft die Sicherheitsfirma wegen des ausgelösten Alarms an.
Ich werfe einen Blick Richtung Tür und sehe, dass Baden zögerlich auf der Schwelle steht. Ich nehme den Anruf an.
„Hallo, hier ist Cindy von Ihrer Sicherheitsfirma“, meldet sich eine weibliche Stimme ohne Umschweife. „Wir wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass Ihr Alarm aktiviert wurde. Ich rufe an, um nachzufragen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist. Können Sie mir Ihr Sicherheitspasswort nennen?“
Dieses ganze peinliche Fiasko treibt mir die Schamesröte ins Gesicht und ich wende meinen Blick von Baden ab und flüstere „Scrappy Doo“ ins Telefon.
Die Dame bestätigt die Richtigkeit meines Passwortes und fragt noch einmal nach, ob ich mich in Sicherheit befinde.
„Ja“, versichere ich ihr. „Ich habe versehentlich meine Tür geöffnet, ohne den Alarm vorher auszuschalten.“
„Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigt mich die Frau. „Das passiert ständig. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
Ich beende das Gespräch, werfe mein Telefon auf die Couch und atme frustriert und laut hörbar aus.
Als ich mich zur offenen Tür umdrehe, weht kalte, nach Schnee riechende Luft herein, und ich merke, dass ich meine Manieren völlig vergessen habe.
„Komm doch bitte rein.“ Ich winke Baden herein und stolpere ihm entgegen.
Lächelnd kommt er herein und ich schließe die Tür hinter ihm. Noch bevor ich ihn ordentlich begrüße und ohne mir dessen bewusst zu sein, sondern eher aus der Gewohnheit heraus, aktiviere ich den Alarm erneut.
Ich kenne diesen Mann nicht einmal. Wir sind uns erst zweimal begegnet. Einmal auf einem dunklen Parkplatz, als er mein Leben gerettet hat, und einmal, als er gelähmt in seinem Krankenzimmer auf der Reha-Station lag. Trotzdem öffne ich ihm Tür und Tor. Ich kenne diesen Mann nicht. Aber ich vertraue blindlings darauf, dass er mir nichts antun wird, weil er mich schon einmal vor großem Schaden bewahrt hat.
„Du kannst laufen“, begrüße ich ihn dümmlich, wobei dümmlich noch maßlos untertrieben ist.
„Ich kann laufen“, bestätigt er mir lächelnd und breitet seine Arme aus.
„Was führt dich hierher?“ Auch wenn es für meine Ohren unhöflich klingt, muss ich doch erst verarbeiten, dass er wahrhaftig in meinem Wohnzimmer steht.
Baden schiebt seine Hände in seine Taschen. „Man wird es wahrscheinlich heute in den Nachrichten bringen. Ich habe eine Stelle als Goalie-Trainer bei den Pittsburgh Titans angenommen. Ich bin erst heute früh angekommen und wollte sehen, wie es dir geht.“
Ich schwöre, dass irgendjemand da oben einen ziemlich schrägen Sinn für Humor haben muss, denn just in diesem Moment erscheint der örtliche Sportreporter mit einem Bericht über die Pittsburgh Titans auf dem Bildschirm. Wir drehen uns beide um, und ich starre entgeistert auf den Fernseher, während Chuck Holderness berichtet, wie hart die Titans daran arbeiten, wieder ein Team aufzubauen. Er stellt das neue Trainerteam und auch die neuen Geschäftsführer vor. Fotos von jedem neuen Mitglied flackern über den Bildschirm.
Selbstverständlich auch eines von Baden.
Dem neuen Goalie-Trainer der Titans.
Während alle anderen Trainer auf ihren Fotos Poloshirts oder Anzugjacken tragen, verwenden sie von Baden ein Bild, auf dem er sein Arizona-Vengeance-Trikot trägt. Wahrscheinlich ist es das aktuellste professionell aufgenommene Foto von ihm. Mir fällt vor Schock die Kinnlade runter, und obwohl es gerade in den Nachrichten gezeigt wird, schaue ich Baden nach Bestätigung suchend an.
Meine Überraschung bemerkend, nickt er. „Ja, es stimmt.“
Der Reporter fährt mit seinem Bericht fort. Als er den Namen Gray Brannon erwähnt, horche ich erneut auf. Auch wenn ich mit Leib und Seele Titans-Fan bin, bin ich über die anderen Teams ebenfalls sehr gut im Bilde, insbesondere, wenn sie eine interessante Geschichte haben. Gray Brannon ist zum Beispiel die Geschäftsführerin der Carolina Cold Fury – die erste und bisher auch die einzige weibliche Geschäftsführerin der Liga.
Chuck Holderness lehnt sich, einen Unterarm auf dem Tisch abgelegt, schmierig grinsend vornüber und spricht direkt in die Kamera. „Es sieht ganz so aus, als hätte Gray Brannon die inzwischen einzige Eigentümerin der Pittsburgh Titans, Brienne Norcross, kontaktiert und ihr angeboten, sie bei der Neuorganisation und bei der Rückkehr der Titans auf das Spielfeld zu unterstützen. Ms. Brannon hat bei einer Pressekonferenz heute Nachmittag sämtliche Teameigentümer dazu aufgerufen, den Punktestand der aktuellen Tabelle einzufrieren. Falls Sie es noch nicht wussten, der Eigentümer der Carolina Cold Fury ist kein Geringerer als Brian Brannon, Grays Vater.“
Die Kamera zoomt von Holderness weg, und die zuvor aufgezeichnete Pressekonferenz, bei der Gray auf einem Podium mit dem Emblem der Carolina Cold Fury zu sehen ist, wird eingeblendet. Sie ist eine schöne Frau, aber ich bewundere sie hauptsächlich für das, was sie im Leben erreicht hat. Gray Brannon hat die Eishockeywelt auf den Kopf gestellt. Sie hat nicht nur das Team der Cold Fury übernommen, sondern sie hat es auch in zwei aufeinanderfolgenden Saisons zu Stanley-Cup-Siegern gemacht.
Sie sieht direkt in die Kamera. „Mein Vater und ich sind fest davon überzeugt, dass wir in der Pflicht stehen, die Liga zu schützen und den hervorragenden Ruf, den sie genießt, zu erhalten. Fakt ist: Zum Zeitpunkt des Flugzeugabsturzes waren die Pittsburgh Titans mit erstaunlichen acht Punkten Vorsprung an der Spitze ihrer Conference. Ich habe mit Brienne Norcross gesprochen, die unermüdlich daran arbeitet, das Team der Titans wieder aufzubauen, und sie brauchen mindestens noch eine Woche, bis sie so weit sind, an den regulären Saisonspielen teilzunehmen. In seiner Funktion als CEO der Carolina Cold Fury ruft mein Vater alle Teameigentümer der Liga dazu auf, sich uns anzuschließen und eine Resolution zu verabschieden, nach der rückwirkend zum Datum des Flugzeugunglücks der Titans eine Punktesperre in Kraft tritt. Die Punktesperre wird bis zum Ende der nächsten Woche bestehen bleiben und dann wieder aufgehoben. Wir sehen dies als den einzigen Weg an, die Unverfälschtheit der Tabelle zu gewährleisten und Pittsburgh eine faire Chance zu gegeben, wieder in den Wettbewerb einzusteigen.“
Als Chuck Holderness wieder eingeblendet wird, sehe ich Baden an. Erstarrt vor Schock starrt er auf den Bildschirm. Anscheinend wusste er auch nichts davon.
„Sieh einer an“, murmelt er erstaunt.
„Meinst du, es wird verabschiedet?“, frage ich neugierig. „Das Abkommen?“
Er sieht mir in die Augen, und ich bin erstaunt, wie hypnotisierend seine Augen sind. Sie sind beinahe goldfarben und voller Wärme. Bei meinem Besuch im Krankenhaus ist mir das nicht aufgefallen. Er trägt sein dunkles Haar nun länger. Er trägt sein dunkles Haar oben lang, an den Seiten kürzer, aber nach hinten gekämmt. Sein Bart, den Konturen seines Gesichtes entsprechend getrimmt, betont seine vollen Lippen. An nichts von alledem kann ich mich erinnern. Ich muss auch gestehen, dass ich an dem Tag im Krankenhaus nicht wirklich auf sein Äußeres geachtet habe. Ich habe stattdessen auf seine leblosen Beine unter der Krankenhausdecke gestarrt.
Achselzuckend gibt Baden zu: „Ich hatte nicht die geringste Ahnung, aber ich finde es beeindruckend, dass Gray Brannon dazu aufruft. Sie ist eine Pionierin und eine Regelbrecherin vor dem Herrn.“
Und plötzlich fühlt es sich irgendwie seltsam an, hier zu stehen und über Eishockey zu reden. Für mich ist es, als hätten wir etwas ganz Erhebliches außer Acht gelassen – nämlich wie es kommt, dass er wieder laufen kann. Wann ist denn dieses Wunder passiert?
In meiner Erinnerung ist er ein gebrochener Mann gewesen. In eine Decke gehüllt in seinem Rollstuhl sitzend und sich vielleicht sogar in eine Depression trinkend. Ich habe es absichtlich vermieden, mich über ihn zu informieren, weil es mir das Herz gebrochen hätte, wenn sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet hätten. In Anbetracht der Schwere seiner Verletzungen konnte ich nur vom Schlimmsten ausgehen. Mein Gehirn hat sich schlichtweg geweigert, sich das bestmögliche Szenario auszumalen, und so ist es nun mehr als befremdlich, ihn so gesund vor mir stehen zu sehen.
„Können wir uns setzen?“, fragt er zögerlich und deutet ins Wohnzimmer.
Verdammt, ich bin so verdammt unhöflich. „Ja, natürlich. Du musst dich bestimmt erst einmal setzen.“
„Nein“, antwortet er, zwar nicht wirklich schroff, aber dennoch blicke ich ihn überrascht an. Sein Gesichtsausdruck wird wieder weicher. „Ich muss mich nicht setzen. Ich würde es einfach nur gern.“
„Entschuldige bitte.“ Während meine Entschuldigung eher wie ein klägliches Stöhnen herauskommt, wird mir bewusst, dass ich jede Menge Mutmaßungen über ihn anstelle. „Ich bin nur … Es ist nur …“
„Ganz schön viel auf einmal?“
Tränen schießen mir in die Augen. „Ich wusste nicht, dass du wieder laufen kannst. Ich hatte angenommen, du wärst für den Rest deines Lebens gelähmt.“
Baden verzieht das Gesicht, sagt aber nichts. Sicherlich hält er mich für ein riesiges Arschloch, weil ich mich nicht nach ihm erkundigt habe und nichts Näheres über seinen Zustand wusste. Ich bin wie erstarrt, gefangen in einer Hölle aus selbst auferlegter Schuld, und unfähig, das Richtige zu sagen. Vielleicht liegt es an meinem Reh-im-Scheinwerferlicht-Gesichtsausdruck oder dem Tränenschleier in meinen Augen, aber Baden wird galanter. Ich gehe davon aus, dass dies einfach seinem Naturell entspricht.
„Entschuldige bitte, dass ich hier einfach so unangemeldet auftauche. Ich habe Detective Gilmore angerufen und er hat mir deine Adresse gegeben. Sei aber bitte nicht wütend auf ihn. Ich habe ihn mit Tickets für Vengeance-Spiele bestochen. Ich weiß, dass deine Daten nicht herausgegeben werden dürfen, aber ich musste dich einfach sehen.“
„Ich bin nicht wütend“, versichere ich ihm. „Immerhin bin ich ja auch einfach unangemeldet bei dir im Krankenhaus aufgetaucht, und das war absolut unangebracht. Also vermute ich mal, dass wir jetzt quitt sind.“
Baden lacht in sich hinein und nickt in Richtung Wohnzimmermöbel. „Darf ich?“
„Verdammt“, fluche ich wegen meiner andauernden Unhöflichkeit. Ich gehe ums andere Ende der Couch herum und deute auf einen der Sessel. „Selbstverständlich. Es tut mir leid. Ich bin absolut verwirrt.“
Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass seine Bewegungen etwas holprig und kalkuliert wirken, als er sich auf einem der Sessel niederlässt.
„Möchtest du etwas trinken?“, frage ich.
Er schüttelt den Kopf. „Danke, ich brauche nichts.“
„Oh, okay.“
Baden schaut mich eindringlich an. „Willst du dich nicht auch setzen?“
Scheiße, ich bin total von der Rolle.
Ich haste zum gegenüberliegenden, am weitesten von ihm entfernten Ende der Couch, schnappe mir die Fernbedienung und stelle den Ton des Fernsehers ab. Ungelenk lasse ich mich auf die Couch fallen.
Baden schenkt mir ein verständnisvolles Lächeln. „Möchtest du hören, wie es mir in den vergangenen sieben Monaten ergangen ist?“
Ich nicke.
„Gut, denn auf deine Geschichte bin ich ebenfalls sehr gespannt.“