Hexentöchter
von Mona Vara

Erschienen: 01/2010

Genre: Fantasy Romance

Location: England, London

Seitenanzahl: 220 (Übergröße)

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Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-93828-145-1
ebook: 978-3-93828-181-9

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Hexentöchter


Inhaltsangabe

Charlie reist nach London, um ihren Bruder zu finden, der zum Vampir geworden ist. Dort wohnt sie bei ihrer Tante, der Hexe Haga, die ein Bordell unterhält.

Der ebenso herrische wie mysteriöse Cyrill Veilbrook, den selbst die Vampire fürchten, bietet Haga viel Geld, wenn Charlie ihm exklusiv zur Verfügung steht. Denn laut einer Legende soll die erste Liebesnacht mit einer Succuba die ultimative Lust erzeugen ...

Charlie ist empört, doch als ihr Bruder in Gefahr gerät, hilft Cyrill ihnen nur unter der Bedingung, dass Charlie seine Mätresse wird. Allerdings gibt es noch mehr Wesen, die an Charlie interessiert sind: Dunkle Kreaturen wollen sich in London etablieren und die Macht an sich reißen! Der einzige, der ihnen Einhalt gebieten kann, ist Veilbrook. Doch dieser ist vollauf mit der Verführung seiner Hexe beschäftigt …

 

Über die Autorin

Mona Vara schrieb jahrelang erfolgreich erotische Liebesromane. Das  Wichtigste beim Schreiben war für sie, Figuren zum Leben zu erwecken, ihnen ganz spezifische Eigenschaften und Charaktere zu geben und ihre Gefühle und Erlebnisse auf eine Art auszudrücken, die sie nicht nur...

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Leseprobe

Szene 1

Cyrill musterte die Succuba ebenfalls eingehend, als sie hocherhobenen Hauptes auf ihn zukam, und eine leise Enttäuschung machte sich breit. Er hätte am Vorabend schwören mögen, dass sie blond war. Ihr Haar hatte im Schein der Lampen und des mickrigen Feuers in dieser Straße sogar weißblond geleuchtet. Bei Tageslicht besehen war es jedoch braun. Haselnussbraun, um genau zu sein, und ihre Augen waren hellgrau. Keine sehr spektakuläre Mischung. Entweder hatte sie am Vortag eine Perücke getragen oder irgendeines dieser Kräutermittelchen angewandt, mit denen Hexen ihre Haarfarbe so schnell ändern konnten wie andere ihre Kleidungsstücke.
Sie blieb vier Schritte vor...

...ihm stehen, den Rücken durchgestreckt, die Schultern straff. Fast wie ein Soldat auf dem Exerzierplatz. Oder wie eine Gouvernante. Allerdings eine mit rosigen Wangen und sehr weichen, jungen Zügen, die den strengen Ausdruck in ihrem Gesicht Lügen straften.
„Ich freue mich, Sie zu sehen, Lord Veilbrook. „Ich fürchte, ich habe mich gestern nicht angemessen für Ihre Hilfe und Begleitung bedankt.“
Cyrill verzog den Mund zu einem schmalen, nichtssagenden Lächeln. Er hatte sich seinen Dank schon geholt, auch wenn sie sich nicht an den Kuss erinnern konnte. Und sehr bald würde er ihr noch ausreichend Gelegenheit geben, ihre Dankbarkeit zu beweisen.
Sie reichte ihm ihre Hand. An ihrer Haltung war nichts auszusetzen, und wäre er am Vortag nicht Zeuge geworden, wie sie in einer der übelsten Gegenden Londons mit dem Regenschirm auf Dämonen einprügelte, hätte er sie jetzt zweifellos für eine junge Dame gehalten. Ihre Haltung war nicht geziert, sondern sehr freimütig, von natürlicher Anmut, ihr Händedruck fest, aber unverbindlich. Sie ließ seine Hand sofort wieder los und deutete mit einer eleganten Geste auf den Lehnsessel, in dem er zuvor gesessen hatte.
„Nehmen Sie doch bitte wieder Platz, Mylord. Sind Sie sicher, dass wir Ihnen keine Erfrischung anbieten können? Vielleicht eine Tasse Tee? Oder Portwein? Sherry?“
„Nein, vielen Dank.“ Er wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und ließ sich dann ihr gegenüber nieder, um sie weiter zu betrachten. Ihre Frisur war schlicht, in der Mitte gescheitelt, glatt zurückgekämmt und am Hinterkopf hochgesteckt. Sie hatte im Gegensatz zu Venetia und Rosanda ein sehr dezentes Tageskleid an.
Sie sah wirklich nicht außergewöhnlich aus, deshalb war es irritierend, dass sich Cyrills Puls seit ihrem Eintritt beschleunigt hatte. Er begriff immer noch nicht, was diese Reaktion bei ihm auslöste. Möglicherweise erinnerte sie ihn – von der Haarfarbe und der Augenfarbe abgesehen - ein wenig an eine seiner früheren Geliebten, die Marquise d‘Orlans. Eine wirkliche Dame, die nach dem Tod ihres Mannes in pekuniäre Schwierigkeiten gekommen war. Cyrill hatte ihr ausgeholfen, und sie hatte sich auf sehr intime Art dankbar gezeigt. Nun war sie auch schon gut fünfzig Jahre tot. Sie war fast achtzig gewesen, als sie gestorben war, und Cyrill und sie hatte in späteren Jahren eine sehr schöne platonische Freundschaft verbunden. Er dachte gerne und mit Wärme an sie. Sie war eine der wenigen Menschen gewesen, die – zumindest teilweise - über ihn Bescheid wussten.
Charlotta hatte bisher ruhig abgewartet, aber als er nichts sagte, sondern sie nur nachdenklich von oben bis unten betrachtete, räusperte sie sich. „Was kann ich also für Sie tun, Mylord?“
Er schlug die Beine übereinander und überdachte diese Frage. War es reine Höflichkeit? Oder bereits die erste Anspielung auf ihre Tätigkeit? Der Tonfall passte zu ihrem Gesichtsausdruck. Unverbindlich, aber höflich. Sie spielte ihre Rolle hervorragend. In einem anderen Bordell hätte sie eine in Not geratene junge Dame sein können, aber Hagazussa hatte keine „normalen“ Frauen in ihrem Fundus, sondern ausschließlich Hexen.
Wie alt sie wohl sein mochte? Nach menschlichen Maßstäben vermutlich nicht einmal zwanzig, wenn man allerdings die höhere, teils sogar sehr hohe, Lebenserwartung einer Hexe in Betracht zog, täuschte das Aussehen zweifellos. Venetia, so wusste er, war schon Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Welt gekommen und sah immer noch aus, als hätte sie gerade erst die zwanzig überschritten. Und wenn man ihn selbst als Vergleich nahm, konnte das Mädchen vor ihm auch schon weit über hundert und noch viel mehr sein.
Nein. Das wohl auf gar keinen Fall. Dazu passte ihr Blick nicht. Er war selbstbewusst, aber es fehlte diese gewisse Müdigkeit, die auch in Hagazussas Augen stand, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Den Ausdruck, der allen Wesen innewohnte, die schon mehr als ein Menschenleben hinter sich hatten. Bei den Menschen nannte man das im höheren Alter Abgeklärtheit, für ihn und seinesgleichen war es Illusionslosigkeit und Langeweile. Und zum großen Teil Zynismus.
„Mylord?“ Charlie hob gereizt die Augenbrauen, als sie längere Zeit keine Antwort auf ihre Frage erhielt, der Mann ihr gegenüber sie jedoch so prüfend musterte, dass sie ihn am liebsten für diese Ungehörigkeit zurechtgewiesen hätte. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas von der Art eines Pferdehändlers, der einen Neuerwerb in Erwägung zog.
Er verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln, das seine Augen nicht einmal annähernd erreichte. „Ob Sie etwas für mich tun können, weiß ich noch nicht“, erwiderte er mit kühler Stimme. „Ich bin gerade dabei, darüber nachzudenken.“
Charlie fühlte, dass ihre Wangen wieder warm wurden. Sie war froh gewesen, sich von Venetias peinlicher Bemerkung erholt zu haben, um Veilbrook einen Eindruck von Gefasstheit zu vermitteln, aber nun war es klar, wofür er sie hielt: für eine von Tante Hagas Liebeshexen. Deshalb also diese anzüglichen, nein, schon unverschämten Bemerkungen!
Sie überlegte, ob sie so tun sollte, als hätte sie nicht verstanden, höflich aufstehen und gehen, aber dann sagte sie sich, dass es keinen Sinn hatte, um den heißen Brei herumzureden. Männer waren da anders als Frauen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatten, verstanden sie höfliche Andeutungen nicht, da bedurfte es schon deutlicher Worte, um den eigenen Standpunkt klarzumachen - das hatte schon Großmutter immer gesagt. Sie erhob sich. „Ich fürchte, Sie haben eine falsche Vorstellung, Lord Veilbrook. Meine Dienste stehen Ihnen nicht zur Verfügung. Ich werde mir jedoch erlauben, Lady Haga zu rufen, sie wird Sie bestimmt gut bei der Wahl einer entsprechenden Dame beraten.“
Sie wartete Veilbrooks Reaktion erst gar nicht mehr ab, sondern wandte sich zum Gehen, als sich im selben Moment die Tür öffnete und Tante Haga in ihrem Rahmen erschien. Hinter ihr stand Frederick und versuchte hereinzusehen. Hagas Blick flog besorgt von Veilbrook zu Charlie, dann eilte sie auch schon herein.
„Lord Veilbrook. Welch eine angenehme Überraschung. Es ist geraume Zeit her, seit wir Sie das letzte Mal bei uns begrüßen durften.“ Sie lächelte ihn strahlend an. „Ich werde Peggy rügen, weil sie mir nicht sofort über Ihre Ankunft Bescheid gesagt hat.“
Veilbrook hatte sich höflich erhoben. „Mein Besuch galt auch Miss Charlotta Baker.“ Er sprach das Baker mit einem leicht ironischen Unterton aus.
Hagas Blick ging zu Charlie. Sie hob leicht eine Augenbraue, aber Charlie erwiderte ihren Blick mit Gelassenheit.
„Ich hatte dir ja erzählt, dass Lord Veilbrook gestern so liebenswürdig war, mich heimzubegleiten.“ Sie neigte den Kopf. „Jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“
Sie drehte sich um, schritt zur Tür, öffnete sie und trat hinaus, ohne der Versuchung zu erliegen, noch einen Blick auf Veilbrook zu werfen, um festzustellen, ob sie mit der Abfuhr genügend Eindruck gemacht hatte.
Sie wäre zufrieden gewesen. Der gereizte Blick, den Cyrill ihr nachwarf, brachte Tante Haga dazu, sich mit ihrem kostbaren Spitzentaschentuch Luft zuzufächeln. Was sollte das heißen, ihre Dienste stünden für ihn nicht zur Verfügung? Hatte sie etwa einen anderen Liebhaber, der sie gemietet hatte? Oder war sie so wählerisch? War er ihr etwa nicht gut genug? Lachhaft! Das war alles nur Pose. Welch ein aufreizendes, fast ärgerliches Geschöpf. Sie übertrieb es mit ihrer Zurückhaltung, aber das würde er ihr schon austreiben. Und zwar gründlich. Seine Stimmung hob sich bei diesem Gedanken.
Er wandte sich Hagazussa zu. „Es trifft sich gut, dass Sie kommen. Wir haben etwas zu besprechen.“
„Ja?“ Haga blinzelte, und Cyrill war über die Besorgnis in ihren Augen und ihrer Stimme verwundert. Sie setzte sich ihm gegenüber und Veilbrook nahm ebenfalls wieder Platz.
„Die Succuba interessiert mich.“
Wäre in diesem Moment das Dach eingestürzt, hätte Hagazussa nicht entsetzter aussehen können. „W… Wie freundlich von Ihnen.“
„Ich möchte sie mieten.“ Er sagte das so beiläufig, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
„Mieten …?“ Ihre Stimme versagte, und sie zuckte bei dieser undelikaten Ausdrucksweise sichtlich zusammen, aber Cyrill war nicht der Mann, der um eine Sache herum redete.
„Ich werde dafür bezahlen, dass sie keine anderen Freier …“
„Charlotta ist meine Nichte“, unterbrach ihn Hagas Stimme. Sie setzte sich sehr gerade auf und sah ihn vorwurfsvoll an.
„Aber gewiss doch.“ Er lächelte ironisch. „Eine von zahlreichen. Dafür ist Ihr Haus schließlich bekannt, Hagazussa.“
Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen. „Ich fürchte, Lord Veilbrook, Sie verkennen die Situation.“
„Den Eindruck hatte ich bisher allerdings nicht.“
„Charlotta ist tatsächlich meine Nichte!“
„Eine Nichte, die wie die anderen Nichten in einem Freudenhaus lebt“, entgegnete er höflich.
Haga fuhr empört hoch. „Ich muss doch sehr bitten. Dies ist kein Freudenhaus, sondern ein exquisites Etabli…“
Cyrill winkte ab. Langsam wurde er ungeduldig. „Machen Sie sich nicht lächerlich, indem Sie ausgerechnet mir gegenüber vorgeben, die Schar Ihrer angeblichen Nichten mache den ganzen Tag nichts anderes als Deckchen zu sticken und das Klavier zu malträtieren, wie Sie es nach außen hin behaupten. Und falls Charlotta wirklich Ihre Nichte ist, sollten Sie umso glücklicher über mein Interesse sein. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie es vorziehen, sie – zumindest für gewisse Zeit - unter meinem Schutz zu wissen, anstatt sie jeden Morgen oder Abend unter einem anderen Mann hervorkriechen zu sehen.“
„Wie können Sie mir unterstellen, meine Nichte anzubieten! Charlotta ist nicht zu haben!“ Haga wollte aufbegehren, krümmte sich jedoch innerlich, als seine Augen schlagartig schmal wurden.
„Soll das heißen, sie hat bereits einen Gönner, der sie aushält?“
Die gefährlich ruhige Stimme, die im krassen Gegensatz zu dem gefährlichen Aufblitzen in Veilbrooks Augen stand, ließ Haga frösteln. Musste dieses unselige Kind denn ausgerechnet Veilbrooks Interesse wecken? Von allen Männern Londons und Englands, ausgerechnet er?! Mit jedem anderen wäre sie fertig geworden, aber dieser Mann war gefährlich, und wenn er es sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Frau zu bekommen, dann gab es herzlich wenig, was ihn davon abhalten konnte. Mutter vielleicht, aber die war meist auf Reisen. Und bis man sie gefunden hatte ...
„Nein“, sagte sie rasch. „Und ich bin auch nicht sicher, ob sie einen haben will, sie ist sehr ...“
„... eigenwillig, ich weiß“, unterbrach er sie gelassen. „Das gefällt mir. Das ist unter Ihren Mädchen einmal etwas anderes, es wird ganz reizvoll sein.“ Er schlug lässig die Beine übereinander. „Kommen wir also zum geschäftlichen Teil: Charlotta erhält von mir eine Apanage von zweihundert Pfund in der Woche. Und Sie, Haga, erhalten noch einmal zweihundert – für Ihren etwaigen Verdienstentgang. Das sollte ausreichend sein, um Sie zu entschädigen.“
Haga, die schon den Mund zum Widerspruch aufgemacht hatte, schloss ihn wieder. Zweihundert Pfund in der Woche! Und noch einmal so viel für Charlie! Früher wäre das wenig gewesen, gerade ein Tageseinkommen, aber jetzt, wo das Geld niemals reichte, stellte dieser Betrag ein Vermögen dar. Ihr Widerstand geriet ins Wanken. Schließlich war Charlotta selbst schuld. Weshalb lief dieses Mädchen auch alleine herum und dazu noch in Gegenden, die ein Mann wie Cyrill Veilbrook aufsuchte! Und offenbar hatte sie ihm vorgeschwindelt, hier zu arbeiten - vielleicht hatte sie ja sogar Interesse an ihm und wollte es nur nicht zugeben?
Haga hatte niemals am eigenen Leib diese Erfahrung gemacht, aber Rosanda war einmal ausgiebig mit Veilbrooks Gunst beglückt worden. Er hatte sie auf das für solche Fälle bereitstehende Extrazimmer mitgenommen, und man hatte zwei Tage nichts von ihr gesehen und gehört … Nun, gehört schon. Die Mädchen waren kaum von der Tür wegzubekommen gewesen, um sich nur ja nichts entgehen zu lassen. Und dann war er am Morgen darauf einfach mit einem kühlen Gruß gegangen. Rosanda war mit einem verklärten Lächeln aus dem Zimmer herausgekrochen und hatte gestützt werden müssen, als sie die Treppe hinaufwankte. Danach war sie ins Bett gesunken, um vierundzwanzig Stunden durchzuschlafen. Und was sie danach erzählt hatte, hatte den bittersten Neid in ihren Freundinnen und selbst ihrer Arbeitgeberin geweckt.
Sie räusperte sich. „Nun, Lord Veilbrook, darauf kann ich Ihnen nur antworten, dass die Entscheidung darüber alleine bei Charlotta liegt.“ Und sie konnte nur hoffen, dass das Mädchen nicht zu dumm war, das viele Geld auszuschlagen und zugleich Veilbrooks Zorn auf sich zu ziehen.
„Gewiss.“ Das war in einem Tonfall gesagt, der keinen Zweifel darüber ließ, welche Antwort er erwartete. Er wirkte weder überrascht noch erfreut, als hätte er ohnehin nicht mit einer Absage gerechnet. „Mein Notar, Mr. Mankins, wird sich morgen mit Ihnen in Verbindung setzen, um den finanziellen Teil der Sache zu regeln und Ihnen das Geld zukommen zu lassen. Sorgen Sie bitte dafür, dass Charlotta ab morgen bereit ist, falls ich sie besuchen will. Das schließt auch ein, dass sie ab sofort keinen anderen Kunden mehr empfängt.“
„Wollen ... ja wollen Sie denn nicht vorher mit ihr sprechen?“
„Das wird nicht nötig sein“, winkte er gelangweilt ab. „Morgen früh wird meine Kutsche zur Verfügung stehen, um sie abzuholen und zu allen Schneidern, Hutmachern und wohin immer es ihr gefällt zu bringen. Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie oder eines der Mädchen sie begleiten. Sie wird selbstverständlich von mir völlig neu eingekleidet, alle Rechnungen werden von meinem Notar beglichen. Kleidung, Schmuck, was immer sie an Geschenken von mir erhält, kann sie nach Beendigung der Beziehung behalten. Und sollte ich nach einigen Tagen davon Abstand nehmen, diese Affäre fortzusetzen, so stehen Ihnen und ihr die zweihundert Pfund für die laufende Woche dennoch zu.“
Er erhob sich und wandte sich zum Gehen. „Ach ja, da wäre noch eine Kleinigkeit.“ Er blieb stehen und wandte sich nach Haga um. Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich erwarte, die Succuba als Jungfrau vorzufinden, wenn ich das erste Mal Besitz von ihr nehme. Das wird für den Bader, oder wen immer Sie für diese Zwecke einsetzen, wohl kein Problem sein. Soviel ich weiß, wird die Unschuld Ihrer Nichten mehrmals im Jahr verkauft und wiederhergestellt. Und sonst“, sagte er bevor er den Raum verließ, „haben Sie doch bitte die Güte, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr in London herumstreunt. Ich mag es nicht, wenn meine Mätressen in schlechte Gesellschaft oder in Gefahr kommen.“
Haga sank erschöpft im Stuhl zusammen und legte die Hand über die Augen, als sich die Tür hinter ihm schloss. Sie erzitterte bei der Vorstellung, was Charlotta sagen würde, wenn man sie mit der Idee konfrontierte, Veilbrooks Gespielin zu werden!
Der Drang, auf der Stelle ihre Sachen zu packen, nicht nur das Haus, sondern London und am besten England zu verlassen, wurde übermächtig. Wie einfach und angenehm war ihr Leben noch vor drei Wochen gewesen, ehe dieses unselige Mädchen hier aufgetaucht war! Und jetzt? Jetzt hatte sie Veilbrook am Hals, der es für selbstverständlich nahm, dass ihre Nichte seine Mätresse wurde, Charlotta selbst, die zweifellos aufgebracht war, wenn man so über ihren Kopf hinweg bestimmte, und dann – das Schlimmste von allen – Mutter, die mehr als zornig werden würde, wenn sie das alles erfuhr.
Bei diesem letzten Gedanken sprang sie auf und eilte Veilbrook in die Halle nach.

Szene 2

Charlie hatte sich in eine kleine Nische schräg hinter dem Altar gepresst und wagte kaum sich zu rühren, um die Wesen, die sich hier in der Krypta drängten, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Die Fackeln und Kerzen verbreiteten einen beißenden Geruch, der ihr in den Augen und im Hals brannte, aber sie erleuchteten diese unterirdischen Gewölbe immerhin genug, um sie alles erkennen zu lassen. Dabei wollte sie gar nichts mehr sehen. Sie wollte nur fort von hier. Sie wollte nicht mehr die blutigen Fesseln an den Säulen anstarren, nicht mehr die dunklen Flecken auf dem Altar. Und sie wollte nicht mehr die dumpfen Schreie aus den Särgen hören, nicht mehr das verzweifelte Hämmern der Opfer, die darin eingeschlossen waren, bis die Vampire und ihre Helfer sie heraus ließen, um endlich ein Ende zu machen. Sie hatte von schwarzen Messen gehört, hatte Schreckliches vermutet, aber nichts hatte sie auf die Wirklichkeit vorbereitet. Das Grauen hatte in ihren Knien begonnen, war weiter in ihren Magen gestiegen, bis er sich zusammenkrampfte, hatte ihr Herz erreicht, das hart und schwer schlug, und saß jetzt schon in ihrer Kehle. Sie bekam kaum noch Luft. Sie atmete viel zu schnell. Zu hastig. Schon warfen ihr einige Umstehende aufmerksame Blicke zu. Sie zog sich tiefer in den Schatten zurück. Sie musste hier heraus, aber wie?
Sie war völlig problemlos hereingekommen, niemand hatte sie aufgehalten oder gefragt, was sie hier suchte. Aber das schien hier allgemein der Fall zu sein, die Besucher ignorierten einander. Sie berührten sich nicht einmal, als sie sich näher drängten. Nur dann, wenn eines der Opfer freigegeben wurde, dann stürzten sie sich in Gruppen darauf, zerrissen es mit Zähnen, Klauen, Händen. Nicht jeder machte mit. Viele hielten sich im Hintergrund, warteten, beobachteten. Entweder gab es hier Rangordnungen oder sie waren ähnlich wie Charlie nur als Zuschauer gekommen.
Sie hatte schon längst versucht, wieder die Krypta zu verlassen, aber der Weg war versperrt. Man hatte das Tor geschlossen, einige mächtige Gestalten hielten davor Wache, und Charlie hatte es nicht gewagt, sich an ihnen vorbeizudrängen. Offenbar war das Problem nicht, Zutritt zu einer Schwarzen Messe zu bekommen, sondern vielmehr, sie wieder unbeschadet zu verlassen.Eine Bewegung neben dem Altar zog ihre Aufmerksamkeit an. Ein junger Mann hatte sich aus einer Gruppe gelöst und trat vor. Sie erstarrte, als sie ihren Bruder erkannte. Wie zart er wirkte. Wie jung. Wie blass. Sie unterdrückte ein trockenes Aufschluchzen. Er war doch ihr kleiner Bruder! Wie hatte sie es nur zulassen können, dass er in diese Gesellschaft geriet? Weshalb hatte sie nicht besser auf ihn geachtet? Ein anderer Mann stand neben ihm und nickte ihm aufmunternd zu, als einer der Särge geöffnet wurde, und man eine junge Frau herauszerrte, die nur mit einem Unterkleid bedeckt war. Charlies Kehle wurde eng, als das Mädchen zu Theo geschleppt und auf den Altar gebunden wurde. Sie wimmerte, weinte, flehte um Gnade, wand sich in den Fesseln. Charlie sah, wie Riemen tief in ihre Handgelenke schnitten. Blut quoll hervor.
Sie wollte wegsehen, konnte jedoch nicht den Blick abwenden, sondern starrte wie hypnotisiert auf Theo, als er zu der Gefangenen trat. Der zweite Mann hielt sich dicht neben ihm, seine Augen glühten rötlich, als er leise auf Theo einsprach. Theo hob nur zögernd die Hand, strich über die Stirn der jungen Frau, ihren Hals. Dann griff er mit einer plötzlichen Bewegung mit beiden Händen nach ihrem Unterkleid und riss es vorne auseinander, sodass ihr Busen frei lag. Das Mädchen schrie auf. Durch Charlies Körper lief ein kalter Schauer, als sie ihren Bruder dabei beobachtete, wie er die vollen Brüste der jungen Frau streichelte. Sie wurde schließlich ruhiger, wehrte sich nicht mehr gegen die Fesseln, aber von Zeit zu Zeit ging ein heftiges Zittern durch ihren Leib. Sie hatte begriffen, dass sie ihrem Schicksal nicht mehr entkam.
Theo sprach beruhigend auf sie ein. Sie sagte etwas. Es war wie ein leises Flehen. Theo zögerte, aber der Mann neben ihm schüttelte den Kopf. Und dann riss Theo das Unterkleid völlig weg und die Frau lag nackt vor ihm. Er stieg auf den Altar, kniete sich zwischen ihre gespreizten Beine und öffnete seine Hose. Charlie sah, dass er erregt war. Das Würgen in ihrem Hals wurde stärker, Übelkeit stieg hoch, als ihr Bruder sich auf die Frau legte.
Das Mädchen schrie kurz auf, als er mit einer sanften Bewegung in sie eindrang. Ein Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber dann wurde sie ruhiger, als er sich langsam in ihr bewegte. Seine Lippen glitten über ihr Gesicht und mit langsamer Zärtlichkeit über ihren Hals.
Charlie wollte sich abwenden, es war nicht nur unrecht, es war unerträglich, den eigenen Bruder dabei zu beobachten, wie er den Körper einer Frau in Besitz nahm. Aber in diesem Moment öffnete er den Mund, und entsetzt sah Charlie die beiden spitzen Fangzähne, die sich dem Hals der Frau näherten. Sie schüttelte heftig den Kopf, als könnte Theo dies davon abhalten, seine Zähne in das weiche Fleisch seines Opfers zu schlagen. Er biss jedoch nicht brutal zu, es war mehr wie ein Kuss, und hätte die Frau sich nicht mit einem Wimmern aufgebäumt, hätte Charlie gedacht, er presse nur seine Lippen auf ihren Hals.
Sie wollte schreien, aber alles, was sie hervorbrachte, war ein kaum hörbares „Nein“, nicht lauter als ein Hauch. Als sie unwillkürlich einen Schritt vorwärts machte, auf Theo zu, legte sich ein Arm wie eine Eisenklammer um ihre Taille. Eine Hand knebelte ihren zum Schrei geöffneten Mund, und dann zog sie der Arm an einen harten Körper. Im nächsten Moment war alles um sie herum dunkel. Der Angreifer hatte sie unter seinen eigenen Umhang gezerrt.
Charlie verfiel in Panik. Sie wollte sich losreißen, mit dem Erfolg, dass der Arm sie noch enger an den Körper hinter ihr zog, ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren und sie in der Luft strampelte, als er sie einige Schritte weit trug. Charlie keuchte, trat nach hinten, versuchte, die ihren Mund umschließende Hand zu beißen, aber so sehr sie sich auch wand, der andere war stärker.
Neben sich hörte sie ein heiseres Lachen. „Anregend, nicht wahr? Ich wünsche guten Appetit, Veilbrook.“
Veilbrook? Sekundenlang war Charlie starr, ihr Körper wurde schlaff vor Entsetzen, und ihr Angreifer nützte die Gelegenheit, sie weiter zu schleppen. Die Geräusche um sie herum wurden leiser. Sie entfernten sich von den anderen.
„Ruhig, sonst werden alle aufmerksam.“ Die Stimme war nur ein Flüstern, aber eindringlich genug, um Charlie gehorchen zu lassen, auch wenn die Worte des anderen Mannes in ihrem Kopf dröhnten und sich mit dem Anblick der blutenden Frau und Theos ausgefahrenen Fangzähnen vermischten. Wenn Veilbrook tatsächlich ein Opfer in ihr sah, dann konnte sie mit roher Gewalt nichts gegen ihn ausrichten, aber sie würde ihr Blut teuer verkaufen. Er hatte keine Ahnung, wie teuer. Charlie gab ihren Widerstand auf. Sie musste ihn in Sicherheit wiegen, wie ein harmloses Opfer wirken, und dann den erstbesten Moment nutzen, ihre Hände freizubekommen. Sie brauchte eine Fackel …
Der Stoff vor ihren Augen wurde weggezogen und sie konnte sich umsehen. Er hatte sie tatsächlich von den anderen weggetragen, in eine kleine Seitenkapelle, die nur ganz schwach von draußen erleuchtet wurde. Sie drehte den Kopf nach hinten und fühlte, wie sich der Griff um ihren Mund lockerte, jedoch nicht jener um ihren Leib. Genauso gut hätte sie gegen eine Steinmauer kämpfen können. Nur dass eine Steinmauer keine glühenden Augen hatte, deren hitziger Zorn in ihr ein leises Kribbeln auslöste. Sie hielt sich ganz ruhig, wehrte sich nicht. Es war besser, ihre Kräfte zu sparen.
„Kann ich dich jetzt loslassen, oder wirst du wieder hysterisch?“, flüsterte die dunkle Stimme.
Sie nickte, und tatsächlich löste Veilbrook etwas den harten Griff um ihre Taille. „Hast du den Verstand verloren, hierher zu kommen?“
Sein Mund war so dicht an ihrem Ohr, dass sein Atem sie erschauern ließ, aber seltsamerweise entspannte sie sich bei diesen Worten etwas. Sie rang um Fassung. Sie musste ruhig bleiben. Ein Mann, selbst ein blutsaugender, der seinem Opfer Vorhaltungen machte, war vermutlich keine unmittelbare Bedrohung. Sie wandte sich ganz nach ihm um. Sein Gesicht war in dem schwachen Schein hart und kalt.
„Wir können noch nicht hinaus. Drüben, auf der anderen Seite der Halle, ist der einzige Ausgang, und der wird bewacht.“
Vor dem Eingang zu der Seitenkapelle drängten sich die anderen, aber keiner wandte den Kopf, um Veilbrook oder Charlie zu beobachten. Theo und sein Opfer boten mehr Anreiz.
Veilbrooks Arm lag immer noch leicht um ihre Taille, als hätte er Angst, sie könnte ihm davon laufen. „Diese Leute riechen und schmecken Blut, und sie werden noch mehr haben wollen“, sagte er leise. „Gleichgültig, wie normal und freundlich sich einige von ihnen unter anderen Umständen verhalten würden, sie sind jetzt Geschöpfe der Nacht, die keinen menschlichen Freund kennen. Nur Sex und Nahrung.“ Er lauschte den verzweifelten Schreien eines Mannes. „Es kann nicht mehr lange dauern.“
Charlie griff sich unwillkürlich an den Hals. „Ich brauche eine Fackel“, sagte sie tonlos. „Oder noch besser zwei.“
„Was willst du damit?“, fragte er spöttisch. „Ihre Mäntel ansengen?“
„Ich werde sie verbrennen, wenn sie mich aufhalten wollen.“ Das Zittern und die Angst hatten nachgelassen, und Charlie war in der Lage, ihre Möglichkeiten rational zu überdenken. Seltsamerweise funktionierte dies jetzt, wo Veilbrook keine Bedrohung darstellte, recht gut. Sie fühlte sich mit einem Mal sogar erstaunlich sicher.
„Das sind Ammenmärchen für Menschen“, erwiderte Veilbrook leise, aber höhnisch. „Vampire mögen kein Feuer, aber sie verbrennen weitaus weniger schnell und gründlich, als man annimmt.“
„Das kommt ganz darauf an.“ Charlie kämpfte mit einer Unzahl von Gefühlen. Hass, Angst, Rachsucht, Panik. Sie atmete tief durch, um sich zu fassen. Sie brauchte einen klaren Verstand, wenn sie heil hier heraus wollte. Für Theo konnte sie im Moment ohnehin nichts tun.
„Ich habe nicht die Absicht, es so weit kommen zu lassen, dass du einen Beweis dafür erhältst“, sagte Veilbrook sarkastisch. „Aber du kannst mir glauben, dass dich nichts und niemand retten kann, wenn sie dich hier entdecken. Und sie werden alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt.“
Charlie starrte dorthin, wo sie Theo wusste. Er würde ganz gewiss versuchen, ihr zu helfen. Und sie würden ihn töten. Veilbrook sagte zweifellos die Wahrheit.
„Und was jetzt?“
„Wir müssen an ihnen vorbei. Wenn es richtig losgeht, werden die Wächter ihre Posten verlassen, um mitzutun. Das ist unsere Chance, unauffällig hinauszukommen.“
Sie drehte sich nach ihm um. „Weshalb haben Sie mich von dort weggezerrt?“
„Du bist auffällig geworden, als dieser Knabe sich auf die Frau gelegt hat.“
Sie sah Veilbrook durchdringend an. „Könnte Ihnen das nicht egal sein?“
Veilbrook musterte sie sekundenlang mit einem undefinierbaren Ausdruck. „Doch.
Charlie wandte den Kopf ab. Sie merkte jetzt erst, dass sie zitterte, und begann, ihre Atemzüge zu zählen. Das hatte sie immer schon beruhigt. Sie war zum Kampf bereit, auch wenn sie jede andere Möglichkeit, von hier zu verschwinden, vorzog. Veilbrook hatte keine Ahnung, was eine Hexe wie sie alles mit Feuer anstellen konnte. Es würden viele von ihnen auf der Strecke bleiben. Aber er hatte schon recht, die Chance, heil – oder überhaupt - hinauszukommen war verschwindend gering, und letzten Endes würden sie Charlie überwältigen.
Sie hatte Theo an einen Vampir verloren, den er verehrte, und der ihn zu einem der ihren gemacht hatte. Aber noch war vielleicht nicht alles verloren. Noch zögerte er, bevor er tötete. Und solange er nicht zu einem blutgierigen Monster wurde, konnte sie etwas für ihn tun Wenn sie hier jedoch starb, zerfleischt wurde wie die anderen, dann würde dieses Gesindel, die Schwarzen Messen, die Bosheit und Bösartigkeit ihn verschlingen wie so viele vor ihm.
Veilbrook hatte seinen Arm gelöst, aber als er ihr Zittern bemerkte, legte er seine Hände warm und tröstlich auf ihre Schultern. Charlie stellte verwirrt fest, dass sie sich jetzt gerne an ihn gelehnt hätte. Sie wünschte, er würde sie auf die Arme nehmen und sie raustragen, vorbei an diesen Wesen und vorbei an Theo, damit sie nicht zusehen musste, was er seinen Opfern antat.
Sie zuckte zusammen, als sie Veilbrooks Mund an ihrem Ohr fühlte. „Wir werden uns jetzt langsam unter sie mischen und so tun, als würden wir dazugehören.“
Die Wesen vor der kleinen Kapelle waren unruhiger geworden, eine grausame Leidenschaft hatte sich der Anwesenden bemächtigt, die Charlie nicht nur hören, sondern sogar fühlen konnte. Sie verkrampfte sich in dem Bemühen, nicht zu zittern, aber Veilbrook hatte das leichte Beben bemerkt. Er drehte sie zu sich und sah sie scharf an. Jetzt erst kam ihr zu Bewusstsein, dass sie sich schon die längste Zeit völlig in seine Hand gegeben hatte. Sie war davon überzeugt, dass er sie nicht aussaugen, sondern im Gegenteil alles tun würde, um sie hier hinauszubringen. Sie versuchte, durch die Dunkelheit sein Gesicht zu erkennen, aber sie sah nur seine Augen, die sie wie magisch anzogen.
„Wirst du das schaffen? Oder wirst du umfallen, wenn du noch mehr Blut siehst?“
Charlie fühlte eine unangebrachte Schwäche in ihre Glieder steigen. „Ich schaffe das.“ Er sprach nicht nur von Blut. Er sprach von zerfetzten Kehlen und Körpern. Offenbar hatte sie wenig überzeugend geklungen, denn er murmelte etwas das sich anhörte wie „Genau das hat mir noch gefehlt“ und „Von Frauen wie dir sollte man wirklich die Finger lassen“.
Charlie beschloss, nicht näher darauf einzugehen. Sie hielt still, als er ihr die Kapuze über den Kopf zog, sodass sie nur den Boden vor sich sah, und blinzelte zwischen den Wimpern hindurch, als Veilbrook sie unauffällig und langsam durch die immer erregter werdende Meute führte. Aber als sie eine Stelle passierten, von wo aus man den Altar beobachten konnte, hob sie schnell den Blick, um zu sehen, was Theo machte.
Er war noch dort. Allerdings hatte man die Frau schon längst zu Boden geworfen. Ihr lebloser Körper wirkte fast durchsichtig weiß. Nur noch einige Schmieren von Blut zeugten von dem, was mit ihr geschehen war. Charlie erschauerte. Sie blieb stehen und sah auf Theo. Sein Mund war verschmiert, das ehemals weiße Hemd hatte große, leuchtend rote Flecken.
Um die Tote herum kauerten gekrümmte Gestalten. Dämonengesindel, das sich am Fleisch des Opfers gütlich tun wollte. Noch hielt der schlanke Mann, der knapp neben Theo stand, sie zurück, aber sobald er ihnen die Erlaubnis gab, würden sie sich über die Tote werfen. Charlies Zähne schlugen aufeinander, ihr Magen rebellierte. Wo war ihr Bruder nur gelandet? Wollte er das wirklich? Gefiel ihm das?
„Das sind Initiationsriten der Vampirgemeinschaft“, flüsterte dicht neben ihr Veilbrook. Seine dunkle Stimme, seine Nähe, ließen sie abermals erzittern. „Der junge Kerl dort drüben wurde erst kürzlich zum Vampir gemacht. Heute wird er in die Gemeinschaft eingeführt.“
„Und dafür muss er töten.“ Charlies Stimme war nur ein Hauch.
„Es ist nicht das erste Mal“, sagte Veilbrook kalt. „Und er wird es wieder tun. Solange er lebt.“
Charlie konnte ihren Blick nicht von dem blutverschmierten, in Verzückung verzerrten Gesicht lösen, das einmal ihrem Bruder gehört hatte. Welch ein liebes Lächeln hatte er gehabt, wie unschuldig. Ein unterdrücktes Schluchzen stieg in ihr hoch.
„Du kennst ihn.“ Es war eine Feststellung.
Charlie schüttelte langsam den Kopf. Nein, sie kannte den Mann, der dort soeben eine junge Frau getötet hatte, nicht. Es war ein Fremder.
„Bist du seinetwegen hier? Hat er dich herbestellt?“
Sie sah hoch. Das Brennen in Veilbrooks Augen hatte sich intensiviert. Sekundenlang hielt sein Blick ihren fest, und sie fühlte, wie sich sein Griff um ihre Schultern verstärkte. Er zerrte sie näher an sich heran, bis sie seinen Körper spürte. Sein Atem ging schwerer, als sein Gesicht sich ihrem näherte, als würde er unaufhaltsam von ihr angezogen werden. Sie bewegte unbehaglich die Schultern. „Hören Sie auf damit.“
Veilbrook verharrte, aber das Feuer in seinen Augen brannte heller. Dann, mit einem Mal, erlosch es und machte einer schwarzen Kälte Platz, die Charlie frösteln ließ.
Die anderen achteten nicht auf sie. Sie drängten sich vorwärts und hätten auch Charlie und Veilbrook bis zum Altar geschoben, hätte dieser sich nicht dagegen gestemmt. Eine gesteigerte Erregung hatte die Menge erfasst, so, als käme das Beste noch, als wollten die Zuschauer nichts versäumen.
„Wir müssen weiter“, murmelte Veilbrook in ihr Ohr.
Charlie sah mit bösen Vorahnungen dem Drängen der anderen zu. „Was geschieht jetzt?“
„Nichts, was du sehen wolltest oder solltest“, erwiderte er. „Komm weiter und sieh nicht hin.“ Er wollte sie weiterziehen, aber Charlie wehrte sich dagegen.
„Werden sie ihm etwas tun?“
„Dem Vampir? Nein. Aber du“, zischte er sie an, als sie den Kopf in die andere Richtung drehte, „sollst mir genau zuhören. Und gehorchen.“ Er sprach ganz langsam. „Gleichgültig, was jetzt hier passiert, was immer du hörst – du wirst nicht hinsehen. Halte die Augen geschlossen. Ich führe dich.“
Charlie wusste, dass dies nicht zu ihrem Schaden gesagt worden war, und sie ging folgsam einige Schritte mit, bis eine neue Stimme ertönte. Ein hohes Wimmern. Ein

Weinen. Und dann erkannte sie die Quelle dieser Stimme.

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