Demon Horde MC: Rebel Custody

Ori­gi­nal­ti­tel: Rebel Cus­to­dy (The Demon Horde Motor­cy­cle Club Se­ries Book 2)
Über­set­zer: Julia Wei­sen­ber­ger

Er­schie­nen: 10/2022
Serie: Demon Horde MC
Teil der Serie: 2

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Motor­cy­cle Club Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Ta­co­ma


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-560-0
ebook: 978-3-86495-561-7

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Demon Horde MC: Rebel Custody


In­halts­an­ga­be

Re­geln und Ge­set­ze zu bre­chen ist nichts Neues für den Demon Horde Mo­tor­rad­club. Aber um das Sor­ge­recht für sei­nen Sohn zu be­kom­men, geht Club­mit­glied Skee­ter aus­ahms­wei­se den le­ga­len Weg. Die An­wäl­tin Mi­ri­am Engleste­in soll seine Pro­ble­me lösen - doch statt­des­sen be­schert sie ihm Pro­ble­me ganz an­de­rer Art. Ein Blick auf Mi­ri­am und Skee­ters ge­spiel­te Gut­men­schen-Fas­sa­de zer­brö­ckelt, denn wo seine Seele ver­dor­ben ist, ist Mi­ri­ams Seele rein und weiß. Skee­ter will seine zu­ge­knöpf­te An­wäl­tin erst auf sein Mo­tor­rad, und dann in sein Bett zie­hen.

Alles, was Mi­ri­am in­ter­es­siert, ist ihr Job auf der rich­ti­gen Seite des Ge­set­zes. Män­ner spie­len in ihrem Leben keine Rolle. Vor allem mit einem Mo­tor­rad­club vol­ler Ge­set­zes­bre­cher will sie kei­nes­falls in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den, doch ihr Vater steht auf der Ge­halts­lis­te des Demon Horde MC. Nach­dem ihre erste Be­geg­nung mit Skee­ter in einem Pfef­fer­spray-Mas­sa­ker endet, ist ir­gend­et­was an Skee­ters Bitte - an Skee­ter selbst - dem sie sich nicht ver­schlie­ßen kann. Ob­wohl sie Skee­ter gerne nach­ge­ben und ihn un­glaub­lich lei­den­schaft­li­che und köst­li­che Dinge mit ihrem Kör­per an­stel­len las­sen möch­te, hat sie nicht nur Angst davor, ihre Kanz­lei, son­dern auch ihr wehr­lo­ses Herz aufs Spiel zu set­zen.

Schnell ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Ge­schäft­li­chem und Pri­va­tem, und wäh­rend Mi­ri­am und Skee­ter ihrer An­zie­hung nach­ge­ben, kommt ein Stal­ker Mi­ri­am ge­fähr­lich nahe ...

Über die Au­to­rin

Sarah Haw­t­hor­ne lebt im pa­zi­fi­schen Nord­wes­ten, wo sie zu viel Kaf­fee trinkt, viele Ur­lau­be plant und Lie­bes­ro­ma­ne schreibt. Zu ihren na­tür­li­chen Le­bens­räu­men ge­hö­ren ihr Gar­ten und die ört­li­che Bi­blio­thek. Sarah Haw­t­hor­ne hat einen Ba­che­lor-Ab­schluss von der Ca­li­for­nia State Po­ly­tech­nic Uni­ver­si­ty of...

Wei­te­re Teile der Demon Horde MC Serie

Le­se­pro­be

Mi­ri­am

Shee­na räus­per­te sich an der Tür zu mei­nem Büro. Sie hatte ihren No­tiz­block nicht dabei, also muss­te es das Ende des Tages sein. Ich hatte das Zeit­ge­fühl ver­lo­ren. In mei­nem win­zi­gen Büro mit sei­nen Glas­wän­den, durch die jeder her­ein­se­hen konn­te, gab es keine Fens­ter, aber ich war die Toch­ter des Chefs, daher hatte ich oh­ne­hin kei­nen An­spruch auf Pri­vat­sphä­re.
„Ich bin auf dem Sprung.“ Shee­na mach­te ein trau­ri­ges Ge­sicht. „Ist er immer noch nicht da?“
Gott sei Dank gab es Shee­na. Der Rest von Dads Firma war spie­ßig und steif. Aber ich hatte meine ei­ge­ne As­sis­ten­tin ein­stel­len dür­fen. Im Büro...

...​wurde manch­mal über ihre blau­en Haare ge­läs­tert, doch sie war eine her­vor­ra­gen­de An­walts­ge­hil­fin – und meine Freun­din.
„Danke.“ Ich lä­chel­te. „Ich bin si­cher, er ver­spä­tet sich nur.“
„Ich habe das Te­le­fon der Re­zep­ti­on an dei­nen Schreib­tisch wei­ter­ge­lei­tet.“ Sie häng­te sich ihre Hand­ta­sche höher auf die Schul­ter. „Ver­giss nicht, es zu­rück­zu­stel­len, wenn du gehst, sonst be­kommst du alle An­ru­fe am Mor­gen.“
Ich nick­te. Die Firma mei­nes Va­ters hatte vier Part­ner und fünf­zehn Mit­ar­bei­ter, von denen ich einer war. Die Man­dan­ten rie­fen mor­gens immer an, um sich über ihre Fälle zu in­for­mie­ren. Die meis­ten davon waren straf- oder ge­sell­schafts­recht­li­cher Natur, doch ich be­ar­bei­te­te auch Fa­mi­li­en­recht. Mein Stun­den­satz war nied­ri­ger als der der an­de­ren, aber we­nigs­tens ver­tei­dig­te ich keine Mör­der.
„Ich mach das schon. Wir sehen uns dann mor­gen.“ Ich wink­te sie weg.
Um sieb­zehn Uhr drei­ßig pack­te ich meine Sa­chen zu­sam­men. Mein Kunde hatte an­dert­halb Stun­den Ver­spä­tung und es war Zeit für mich zu gehen. So­bald ich zu Hause war, hatte ich noch mehr Ar­beit vor mir.
Ich fuhr mir durch die Haare, löste mei­nen Dutt und griff nach mei­ner Ta­sche. Ich schlüpf­te aus mei­nen hohen Schu­hen und zog mir fla­che an – meine klei­ne Re­bel­li­on am Ende des Tages. Ich hass­te das Ge­räusch, das meine Ab­sät­ze mach­ten, wenn ich abends durch das leere Park­haus lief.
Ich bog links in den Gang ein und ging in Rich­tung Tief­ga­ra­ge.
Tapp, Tapp, Tapp.
Ich blieb ste­hen. War je­mand mit mir auf dem Flur? Ich warf einen Blick auf mein Mo­bil­te­le­fon. Keine ver­pass­ten An­ru­fe von mei­nem ab­we­sen­den Kun­den. Dann war er es wohl nicht.
Meine Schrit­te hall­ten von den kah­len Wän­den und dem Lin­ole­um­bo­den wider, wäh­rend ich wei­ter­ging. Die Ge­räu­sche wur­den immer lau­ter und kamen näher. Abends lief nie­mand die­sen Flur ent­lang. Ver­folg­te mich je­mand? Ich ver­dreh­te die Augen über mei­nen Ge­dan­ken­gang. Wahr­schein­lich war es nur das Rei­ni­gungs­team oder ein Wach­mann. Ich ver­such­te, es zu ver­drän­gen, aber ich be­schleu­nig­te mei­nen Schritt.
Die Ge­räu­sche kamen in schnel­ler Folge den Flur hin­un­ter.
Ich prall­te gegen die Brand­schutz­tür, die zur Ga­ra­ge führ­te, und rann­te di­rekt los.
„Hey!“, rief eine männ­li­che Stim­me hin­ter mir.
Schei­ße, mein Auto war zu weit weg. Ich würde es nie schaf­fen. Zeit für einen neuen Plan. Wäh­rend ich sprin­te­te, griff ich in meine Hand­ta­sche. Son­nen­bril­le, Lip­pen­stift, Porte­mon­naie, alles hüpf­te herum wie ver­rückt. Mein Geld­beu­tel sprang aus der Ta­sche und flog zu Boden. Ich rann­te wei­ter. Meine Fin­ger schlos­sen sich um den kal­ten Zy­lin­der.
Jack­pot. Ich holte das Pfef­fer­spray aus mei­ner Hand­ta­sche.
„Ich will nur mit Ihnen reden!“
Es war die Stim­me eines Man­nes mit einem selt­sa­men Ak­zent. Sie klang fast eu­ro­pä­isch, aber nicht ganz. Ich würde es nie schaf­fen, vor ihm weg­zu­lau­fen. Viel­leicht war das Über­ra­schungs­mo­ment zu mei­nen Guns­ten. Ich blieb ste­hen und dreh­te mich um. Ziel­te. Sprüh­te.
Das Pfef­fer­spray kam in einem Strahl her­aus und ver­brann­te mein Ge­sicht. Ich hatte die ver­damm­te Fla­sche ver­kehrt herum ge­hal­ten. Trä­nen brann­ten be­reits in mei­nen Augen, aber das war mir egal. Ich muss­te ihn er­wi­schen. Meine Hände zit­ter­ten, als ich den obe­ren Teil der Fla­sche ab­tas­te­te, um her­aus­zu­fin­den, wohin ich sie rich­ten soll­te.
„Hey, be­ru­hi­gen Sie sich. Ich werde Ihnen nichts tun. Ich will nur reden“, sagte der Mann wie­der.
Es war mir egal, warum er hier war. Ich woll­te nur, dass er ver­schwand. Ich schnapp­te nach Luft, dreh­te die Fla­sche und drück­te er­neut auf den Knopf. Dies­mal er­wisch­te ich ihn. Er schrie auf und hielt sich die Hände vors Ge­sicht. Ich stopp­te je­doch nicht, son­dern stol­per­te wei­ter zu mei­nem Auto.
Das Bren­nen in mei­nen ei­ge­nen Augen wurde stär­ker und meine Sicht be­gann zu ver­schwim­men. Meine Trä­nen brann­ten wie Säure in mei­nen Augen und auf mei­nen Wan­gen. Ich muss­te ein­fach nur zu mei­nem Auto kom­men. Dort konn­te ich mich we­nigs­tens hin­set­zen und die Tür ab­schlie­ßen.
Seine Fin­ger schlos­sen sich um mei­nen Un­ter­arm, ich fiel und lan­de­te hart auf dem Asphalt.
„Mein Gott, Lady“, keuch­te er. „Wir waren um sech­zehn Uhr ver­ab­re­det.“
Wir ran­gen beide um Atem und mein Herz schlug nicht mehr so schnell. Er war der Ter­min, der sich ver­spä­tet hatte? Shit. Ich hatte einen Kun­den be­sprüht. Dad würde nicht glück­lich dar­über sein.
Ich hielt die Dose vor mich, und schau­te ihn durch meine Trä­nen hin­durch an. Er hatte zot­te­li­ges Haar und trug eine schwar­ze Le­der­wes­te. Ich muss­te si­cher sein, dass er tat­säch­lich mein Man­dant war und nicht ein Ver­ge­wal­ti­ger, der im Park­haus auf eine ah­nungs­lo­se Frau war­te­te.
„Ach ja?“ Ich schnapp­te nach Luft und wisch­te mir die bren­nen­den Trä­nen weg. „Wer hat Sie wei­ter­emp­foh­len?“
Meine Kehle, meine Nase, meine Augen, sogar meine Ohren brann­ten, mein Seh­ver­mö­gen ver­schwamm.
„Er ist der An­walt un­se­res Clubs. Demon Horde, Ta­co­ma Chap­ter. Er hat mei­nen Fall sei­ner Toch­ter Mi­ri­am Engleste­in über­tra­gen.“ Er griff den Saum sei­nes Shirts und tupf­te sich damit über das Ge­sicht. „Ich war zu spät und sah Sie den Flur ent­lang­ge­hen, als ich ankam.“ Er wisch­te sich die Trä­nen ab, die ihm die Wan­gen her­ab­lie­fen. „Pa­cken Sie bitte das ver­damm­te Pfef­fer­spray weg. Ich woll­te Sie nicht er­schre­cken.“
Ge­rald Engleste­in war der beste Straf­ver­tei­di­ger zwi­schen Se­at­tle und Los An­ge­les. Wenn man sich aus einer Mord­an­kla­ge her­aus­win­den woll­te, rief man ihn an, und dann be­zahl­te man ihn. Und zwar viel. Mein Vater moch­te Lu­xus­jach­ten und schnel­le Autos und er hatte einen Stun­den­satz, der das alles fi­nan­zier­te. Er ver­lang­te mehr für eine Stun­de, als ich in einer Woche ver­dien­te.
Die meis­te Zeit waren Dads Kun­den ge­nau­so reich wie er selbst. Sie spiel­ten Golf, wäh­rend sie ihren Fall be­spra­chen, oder aßen drei Stun­den lang in einer Mar­ti­ni-Bar zu Mit­tag. Aber nicht alle waren aus dem Coun­try­club. Dad hatte schließ­lich Rech­nun­gen zu be­rap­pen und das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen zahl­te gut. Die Mafia war vor allem an der Ost­küs­te zu Hause, also spe­zia­li­sier­te sich Ge­rald-Engleste­in-Es­qui­re auf Mo­tor­rad­clubs und Stra­ßen­ban­den – im Grun­de jeden, der im Vor­aus bar be­zah­len konn­te.
Nach­dem ich das Col­le­ge ab­ge­schlos­sen hatte, hatte ich die Stel­le in der Kanz­lei mei­nes Va­ters mit der Vor­aus­set­zung an­ge­nom­men, dass ich nie­mals Straf­sa­chen über­neh­men würde. Ich woll­te ein­fach keine Mör­der ver­tei­di­gen. Mein Vater steck­te mich ins Fa­mi­li­en­recht und über­trug mir die Schei­dun­gen und Sor­ge­rechts­strei­tig­kei­ten. Sol­che be­ka­men wir nicht oft, nur eta­blier­te Man­dan­ten, die be­reits ihren Vor­schuss für ein an­de­res Pro­blem be­zahlt hat­ten, wur­den von uns in die­ser An­ge­le­gen­heit ver­tre­ten.
Da saß ich nun mit­ten auf dem Park­platz mit einem von Dads Bar­geld-Kun­den, keu­chend und wei­nend wegen dem Pfef­fer­spray. Sein Haar reich­te ihm bis zu den Schul­tern und er trug eine schwar­ze Le­der­wes­te und ver­bli­che­ne Jeans. Die­ser Typ würde sich nicht so bald unter die Ober­schicht von Se­at­tle mi­schen.
„Wenn Sie der Kunde mei­nes Va­ters sind, warum hat er Sie dann zu mir ge­schickt?“ Ich hielt die Dose immer noch fest in mei­nem Griff.
Er wisch­te sich mit dem Hand­rü­cken über die Augen. „Ich brau­che einen An­walt für einen Sor­ge­rechts­fall. Für mein Kind.“ Er at­me­te ein und aus. „Der beste Weg, mit Pfef­fer­spray um­zu­ge­hen, ist, es ein­fach aus­zu­wei­nen. Haben Sie ein paar Ta­schen­tü­cher?“ Ich fisch­te eine Pa­ckung aus mei­ner Hand­ta­sche und reich­te sie ihm. Meine Haut krib­bel­te. War er schon ein­mal mit Pfef­fer­spray be­sprüht wor­den? Hof­fent­lich war er nicht ge­fähr­lich.
„Gibt es eine Mög­lich­keit, dass Sie mich wie­der rein­las­sen, damit ich die Toi­let­te be­nut­zen kann?“, frag­te er und tupf­te sich die Wan­gen ab. „Ich glau­be, ich habe das Zeug in mei­nen Haa­ren, und ich muss einen Helm tra­gen, wenn ich nach Hause fahre.“
„Es gibt ein Fit­ness­stu­dio mit Du­schen“, er­klär­te ich. „Dort kön­nen wir uns wa­schen.“
Ich wein­te immer noch von dem Pfef­fer­spray, als wir durch das Ge­bäu­de gin­gen. Meine Haut krib­bel­te bei jedem Schritt. Lo­gi­scher­wei­se wuss­te ich, dass der Mann neben mir ein Kunde war und mir nicht weh­tun würde, aber das klei­ne Mäd­chen, das in dem gut­bür­ger­li­chen Vier­tel Queen Anne in Se­at­tle auf­ge­wach­sen war, hatte große Angst.
Das Trai­nings­stu­dio be­fand sich im Erd­ge­schoss, also muss­ten wir nach oben gehen. Da ich mich nicht in einem ge­schlos­se­nen Raum mit den Über­res­ten des Pfef­fer­spray­damp­fes auf­hal­ten woll­te, ver­zich­te­te ich auf den Auf­zug und ent­schied mich für das Trep­pen­haus. Un­se­re Schrit­te hall­ten wider, wäh­rend wir hin­auf­gin­gen, was deut­lich mach­te, wie al­lein ich mit die­sem Kun­den war. Nur er und ich. Kei­ner, der mich schrei­en hören würde.
„Also, woher kom­men Sie?“, frag­te ich im Be­mü­hen, Kon­ver­sa­ti­on zu be­trei­ben. Sein Ak­zent war un­ge­wöhn­lich und ich konn­te ihn nicht zu­ord­nen.
„Ich bin in Loui­sia­na auf­ge­wach­sen“, ant­wor­te­te er. „Aber jetzt lebe ich in Ta­co­ma.“
Ich zit­ter­te. Ta­co­ma hatte eine der höchs­ten Mord­ra­ten im gan­zen Land. Er war ein Kunde, er­in­ner­te ich mich. Er ver­dien­te den­sel­ben Kun­den­ser­vice, den ich jedem an­ge­dei­hen ließ, egal wie er be­zahl­te. Ich wie­der­hol­te das noch ein­mal, als wir schwei­gend den Trep­pen­ab­satz er­reich­ten.
Auf der letz­ten Stufe blieb ich mit dem Zeh hän­gen und stol­per­te. Ich griff nach dem Ge­län­der, um mich zu stüt­zen, aber etwas pack­te mei­nen Arm.
Das war er. Er hatte nach mei­nem Arm ge­grif­fen und mich auf den Trep­pen­ab­satz ge­zo­gen, um mich vor dem Sturz zu be­wah­ren. Wir stan­den einen Mo­ment dort und seine Hand ruhte auf mei­ner Schul­ter. Sein Griff war fest, tat aber nicht weh. Ich wuss­te, dass er mich nicht fal­len las­sen würde.
Seine Augen waren braun, ho­nig­far­ben. Er hatte ein paar Som­mer­spros­sen auf der Nase. Ich woll­te den Rest sei­nes Ge­sichts sehen, doch es war von einem rie­si­gen Bart be­deckt. Ich hatte noch nie einen so wil­den Bart ge­se­hen.
„Geht es Ihnen gut?“ Er blick­te mich su­chend an. „Ich dach­te schon, ich ver­lie­re Sie auf der Trep­pe.“
„Alles gut.“ Ich zog am Kra­gen mei­nes Pull­overs. Mir muss­te heiß ge­wor­den sein, als ich die Stu­fen hin­auf­ge­gan­gen war. Ich mach­te einen Schritt auf die Tür zu. „Zum Trai­nings­raum geht es da lang.“
Wir kamen am Car­dio-Trai­nings­be­reich vor­bei, wo die Lauf­bän­der auf­ge­reiht und leer waren.
Ich blieb vor der Män­ner­um­klei­de ste­hen.
„Ich war noch nie da drin, aber neben den Da­men­du­schen lie­gen Hand­tü­cher, also nehme ich an, dass es für die Män­ner das­sel­be ist.“ Ich run­zel­te die Stirn. Ich hatte den armen Kerl mit Pfef­fer­spray be­sprüht, und das war alles, was ich tun konn­te? „Rufen Sie mich ein­fach, wenn Sie Hilfe brau­chen.“
„Ich bin si­cher, dass ich unter der Du­sche keine brau­chen werde“, er­wi­der­te er.
Dann lä­chel­te er, und ich spür­te, wie mir die Knie zit­ter­ten. Grüb­chen zeig­ten sich durch den schwe­ren Bart und sein gan­zes Ge­sicht ver­än­der­te sich. Er war nicht mehr der be­droh­li­che Typ, der mich im Park­haus ge­jagt hatte.
Er ver­schwand in der Um­klei­de­ka­bi­ne. Nach­dem ich in die Da­men­toi­let­te ge­flüch­tet war, starr­te ich mich im Spie­gel an. Mein Haar war ein ein­zi­ges Durch­ein­an­der und auf der Seite zer­zaust, wo mich das Spray ge­trof­fen hatte. Das war völ­lig in­ak­zep­ta­bel. Nach einer Du­sche lieh ich mir einen der Haar­trock­ner des Trai­nings­stu­di­os und schaff­te es, meine Sträh­nen zu einem Dutt zu flech­ten. We­nigs­tens sah ich jetzt pro­fes­sio­nell aus.
Da er nicht wuss­te, wo sich mein Büro be­fand, war­te­te ich in der Halle, bis er aus der Um­klei­de­ka­bi­ne kam. Ohne Hemd. Ich er­schrak. Eine große Tä­to­wie­rung be­deck­te seine Schul­ter und lief sei­nen Arm hin­un­ter. Auf sei­nem an­de­ren Arm hatte er ein Pin-up im Stil der 1940er-Jah­re mit dunk­lem Haar.
„Oh.“ Er neig­te den Kopf und legte sich ein Hand­tuch um die Schul­tern. „Tut mir leid, mein Shirt ist durch­nässt und ich habe nichts an­de­res dabei. Ich woll­te Sie nicht er­schre­cken.“
„Sie haben mich nicht er­schreckt.“ Ich schnaub­te. „Ich habe schon mal einen Mann oben ohne ge­se­hen.“
„Nur einen?“, frag­te er la­chend.
Ich press­te die Lip­pen zu­sam­men und ver­such­te zu lä­cheln. Kun­den­ser­vice. Ich konn­te das. Nur weil er um­wer­fend gut aus­sah, hieß das nicht, dass ich mich in eine sab­bern­de, lie­bes­kran­ke Idio­tin ver­wan­deln würde.
„Mein Büro ist hier ent­lang.“ Ich dreh­te mich um und ging zu­rück zum Trep­pen­haus, ohne dar­auf zu war­ten, dass er mir folg­te. Meine Wan­gen waren heiß, und ich war mir si­cher, dass das nicht von mei­ner Du­sche kam. Ich han­tier­te mit mei­ner Hand­ta­sche und zog im Gehen meine Strick­ja­cke aus. In mei­nem Büro würde es nicht küh­ler sein.
Ich setz­te mich an mei­nen Schreib­tisch und lud ihn ein, auf dem le­der­nen Gäs­t­e­ses­sel Platz zu neh­men. Ich lä­chel­te, griff nach einem No­tiz­block und tat so, als sei es völ­lig nor­mal, dass ein Kunde halb­nackt in mei­nem Büro saß. Voll­kom­men nor­mal. Kun­den­be­treu­ung. Ich konn­te das.
„Jean Luc De­va­neaux.“ Er streck­te mir die Hand ent­ge­gen. „Freut mich, Sie ken­nen­zu­ler­nen, Ma’am.“
„Mi­ri­am Engleste­in.“ Ich nahm seine Hand. Genau wie beim Trep­pen­ab­satz war sein Griff fest, aber nicht hart. Ich setz­te mein pro­fes­sio­nells­tes Lä­cheln auf. „Ich möch­te mich für das, was pas­siert ist, ent­schul­di­gen. Ich hoffe, wir kön­nen es hin­ter uns las­sen und eine sehr er­folg­rei­che Ar­beits­be­zie­hung haben.“
„Klingt groß­ar­tig.“ Sein Lä­cheln wirk­te al­ler­dings nicht mehr ganz so strah­lend wie noch im Flur.
Ich run­zel­te die Stirn. Warum hatte sich sein Lä­cheln ver­dun­kelt? Hatte ich etwas falsch ge­macht?
„Also, was kann ich für Sie tun?“, frag­te ich.
„Ich werde um Un­ter­halt für ein Kind er­presst, von dem ich bis ges­tern Abend nicht wuss­te, dass ich es habe.“ Er ver­schränk­te die Arme, lehn­te sich in sei­nem Stuhl zu­rück und war­te­te auf meine Re­ak­ti­on.
Ich zog die Au­gen­brau­en hoch, wäh­rend er mir eine Ge­schich­te über ein dunk­les Motel, einen Park­platz und Schat­ten er­zähl­te. Bei mei­nen Fäl­len han­del­te es sich in der Regel um Schei­dun­gen oder Kla­gen gegen einen Ehe­part­ner auf zu­sätz­li­che Un­ter­halts­zah­lun­gen.
„Sie wol­len also das Sor­ge­recht be­an­tra­gen?“, frag­te ich und schrieb eine kurze Liste von Punk­ten auf mei­nen Block. „Das ist ziem­lich ein­fach. Wir stel­len die Va­ter­schaft fest, dann kla­gen Sie auf das Sor­ge­recht. Wenn das Kind die glei­che DNA hat wie Sie, ste­hen die Chan­cen gut, dass Sie in ir­gend­ei­ner Form das Sor­ge­recht be­kom­men. Wie viel Ver­ant­wor­tung wol­len Sie?“
„Wenn ich ein Kind habe, will ich das volle Sor­ge­recht – wenn die Mut­ter wirk­lich tot ist. Ich will es ken­nen­ler­nen, mehr als alles an­de­re.“ Er nick­te, räus­per­te sich dann je­doch. „Aber so ein­fach ist das nicht. Ich kann ihn nicht ein­fach auf das Sor­ge­recht ver­kla­gen oder das Ge­richt ein­schal­ten. Er wird ver­dammt schnell ab­hau­en. Er hat wahr­schein­lich ei­ni­ge Haft­be­feh­le, und wenn je­mand kommt und her­um­schnüf­felt, dann ist mein Kind weg.“
„Oh.“ Ich run­zel­te die Stirn. Es lag Schmerz in sei­ner Stim­me. Er woll­te sein Kind wirk­lich ken­nen­ler­nen und mein Herz zog sich ein wenig für ihn zu­sam­men. „Ich bin An­wäl­tin – Ge­rich­te sind so­zu­sa­gen mein Me­tier. Ich möch­te Ihnen hel­fen, aber was genau wol­len Sie?“
Er lehn­te sich über mei­nen Schreib­tisch. Meine Haut er­hitz­te sich, wäh­rend sich diese kräf­ti­gen Schul­tern auf mich zu­be­weg­ten. „Ich könn­te es ein­fach mit­neh­men, aber dann mache ich mich des Kid­nap­pings schul­dig, rich­tig? Ich will nicht, dass mein Kind denkt, ich hätte es der ein­zi­gen Fa­mi­lie weg­ge­nom­men, die es je ge­kannt hat. Ich muss das rich­tig ma­chen. Ich will nicht, dass es mir je­mand weg­neh­men kann.“
Er streck­te die Hand aus und er­griff meine. Der Schmerz war deut­lich in sei­nen Augen zu sehen, als er dar­über sprach, dass er sein Kind nicht kann­te. Ich hatte keine Ah­nung, wie ich ihm hel­fen konn­te, ohne das Ge­richts­sys­tem ein­zu­schal­ten, aber ich wuss­te, dass ich es ver­su­chen muss­te.
Ich drück­te seine Fin­ger.
„Zu­erst soll­ten wir das Kind ken­nen­ler­nen“, schlug ich vor. „Dann kön­nen wir uns einen Plan aus­den­ken.“

 

Skee­ter

Ich wuss­te so­fort, dass es meine An­wäl­tin war, als das Auto auf den Park­platz fuhr, wo Da­vi­de un­ter­ge­kom­men war. Das perl­weiß la­ckier­te Mer­ce­des-Coupé pass­te über­haupt nicht auf den mit Schlag­lö­chern über­sä­ten Mo­tel­park­platz. Hof­fent­lich würde nie­mand ver­su­chen, ihn zu steh­len, wäh­rend wir unser Vor­ha­ben um­setz­ten. Sie trug einen ma­ri­neblau­en Ho­sen­an­zug und wirk­te ge­nau­so de­plat­ziert wie ihr Auto. Ver­dammt. Viel­leicht war das doch keine so gute Idee ge­we­sen.
„Er ist in dem da.“ Ich zeig­te ihr Da­vi­des Zim­mer. Es war das mit den bil­li­gen Plas­tik­stüh­len und dem Me­tal­l­ei­mer für die Zi­ga­ret­ten­kip­pen vor der Tür. „Da­vi­des Truck ist weg. Aber wir soll­ten trotz­dem klop­fen.“
„Las­sen Sie mich das ma­chen.“ Sie be­rühr­te mei­nen Arm. „Wenn das Kind al­lein dort ist, wirke ich we­ni­ger be­droh­lich.“
Ich nick­te. Ja, sie hatte Recht. Es war wohl das Beste, das Kind nicht gleich bei der ers­ten Be­geg­nung zu er­schre­cken. Ich stell­te mich an die Seite, wäh­rend Mi­ri­am an die Tür des Mo­tel­zim­mers klopf­te. Es waren Stim­men zu hören, dann ein klei­ner Knall. Zur Si­cher­heit schob ich Mi­ri­am hin­ter mich und wir war­te­ten dar­auf, dass je­mand öff­ne­te.
Die Tür ging auf und die Brü­net­te von neu­lich Abend schau­te her­aus. Ihr Haar war un­ge­kämmt und ihre Augen fo­kus­sier­ten sich kaum, bis sie mich er­blick­te. „Skee­ter?“, frag­te sie und lach­te.
Ich kann­te sie ir­gend­wo­her. War sie viel­leicht auf mei­ner High­school ge­we­sen? Al­ler­dings Jahre spä­ter. Ihre Stim­me wurde flach, ihre Augen ver­eng­ten sich. Sie war nicht er­freut, mich zu sehen.
„Da­vi­de ist nicht da.“ Sie ver­dreh­te die Augen und zün­de­te sich eine Zi­ga­ret­te an. „Warum kommst du nicht spä­ter wie­der?“
„Ist das Kind hier?“, frag­te ich und ver­such­te, an ihr vor­bei in den Raum zu schau­en.
„Da­vi­de ist nicht hier.“ Sie zuck­te mit den Ach­seln. „Das ist das Wich­tigs­te.“
Ich kram­te ein Bün­del Bar­geld her­aus. „Fünf­zig Mäuse. Be­trach­te es als An­zah­lung in gutem Glau­ben.“ Ich wink­te ihr mit den Schei­nen und be­ob­ach­te­te, wie ihre ab­norm klei­nen Pu­pil­len der Be­we­gung folg­ten. „Ich will das Kind sehen.“
Sie nahm mir das Geld aus der Hand und steck­te es in ihren BH. Sie dreh­te sich um und schrie in das Mo­tel­zim­mer. „Chris­to­phe, komm raus. Il est ton papa.“ Es ist dein Vater.
Ca­jun-Fran­zö­sisch – ich rief meine Mut­ter ein­mal im Monat oder so an, nur um diese Spra­che zu hören. Ich hatte Loui­sia­na vor zehn Jah­ren ver­las­sen. Ich hatte Fran­zö­sisch, Lan­gus­ten und mein Erbe zu­rück­ge­las­sen. Das Ein­zi­ge, was mir ge­blie­ben war, war mein Dia­lekt.
„Eng­lisch“, knurr­te ich. Meine An­wäl­tin muss­te alles ver­ste­hen, was wir sag­ten.
Sie starr­te mich böse an. Ich ver­such­te, um sie herum in das dunk­le Mo­tel­zim­mer zu schau­en, aber alles, was ich sehen konn­te, waren zwei un­ge­mach­te Bet­ten und ein Hau­fen Wä­sche. Im hin­te­ren Teil des Zim­mers öff­ne­te sich die Ba­de­zim­mer­tür und ein klei­ner Junge stol­per­te in den Raum. Er hatte einen roten Haar­schopf und Som­mer­spros­sen.
Ver­damm­te Schei­ße.
Die­ses Kind war eine Mi­ni-Ver­si­on von mir.
Ich muss­te ihn be­rüh­ren, ihn ken­nen­ler­nen.
Etwas strich über meine Schul­ter und ich blieb ste­hen. „Noch nicht“, mur­mel­te Mi­ri­am. „Las­sen Sie ihn raus­kom­men.“
Mein Sohn brauch­te genau zwölf Schrit­te, um das win­zi­ge Mo­tel­zim­mer zu durch­que­ren und zur Tür zu kom­men. Ich ging in die Hocke und sah ihn an. Rotes Haar, Som­mer­spros­sen, meine Nase, mein Mund. Del­phies Augen. Er war neun. Das muss­te er sein. Dann wäre Del­phie ge­ra­de erst schwan­ger ge­wor­den, als ich zur Armee ge­gan­gen war.
„Hi.“ Was hätte ich sonst sagen sol­len?
Das Kind lä­chel­te. Mein Lä­cheln. Ich riss mich zu­sam­men, als ich ins Schwan­ken ge­riet.
„Hi“, ant­wor­te­te er.
Ir­gend­wann hatte sich Mi­ri­am zu mir ge­sellt und hock­te auf der Ve­ran­da des Mo­tel­zim­mers. „Hi, mein Klei­ner, ich bin Miri. Und wie heißt du?“
Der Junge sah mich an und dann wie­der zu Mi­ri­am. „Chris­to­phe.“ Er sagte es genau so, wie ich es getan hätte, mit einem star­ken Vokal auf fran­zö­si­sche Art.
„Wie heißt dein Vater, Chris­to­phe?“, frag­te Mi­ri­am wei­ter.
Fuck. Ich stütz­te mich mit der Hand auf dem Beton ab, um mich zu be­ru­hi­gen. Ich muss­te Chris­to­phe mei­nen Namen sagen hören.
Er zuck­te mit den Ach­seln. „Ich weiß es nicht. Onkel Da­vi­de sagte, er ist ge­stor­ben, als ich noch sehr klein war. Genau wie meine Mama.“
Es war, als hätte er mir ins Herz ge­sto­chen. Er war in dem Glau­ben auf­ge­wach­sen, seine El­tern seien beide tot. Ich nahm alles an mei­nem Sohn in mich auf. Alles, von sei­nen nack­ten Füßen bis zu sei­nem ge­well­ten Haar. Es war nicht zu leug­nen, dass er mein war. Ich woll­te ihn nur an mich pres­sen und nicht mehr los­las­sen. Ich woll­te die Hand nach ihm aus­stre­cken, aber Mi­ri­am zerr­te an mir.
„Noch keine Um­ar­mun­gen. Sie wür­den ihn er­schre­cken“, flüs­ter­te sie.
Ich nick­te und holte tief Luft. Mein Kind. Mein Sohn. Ich hatte einen Sohn.
„Viel­leicht soll­ten wir uns in einem Park tref­fen?“, schlug Mi­ri­am vor. „Wir könn­ten mit Da­vi­de spre­chen und Chris­to­phe ein wenig ken­nen­ler­nen?“
Die Brü­net­te nahm das Geld aus ihrem BH und be­gann es zu zäh­len. „Ja, ich denke, das ist eine gute Idee. Ich sage Da­vi­de Be­scheid und er wird euch an­ru­fen. Ich denke, ihr soll­tet jetzt gehen. Keine Zeit mehr ohne Da­vi­des An­we­sen­heit.“
Ich nick­te, trat zu­rück und gab der Frau meine Te­le­fon­num­mer. Ich konn­te mei­nen Blick nicht von Chris­to­phe los­rei­ßen. Seine Som­mer­spros­sen waren genau wie meine.
Fuck. Ich hatte einen Sohn und jetzt muss­te ich ihn ver­las­sen? Er war mein Sohn und ich woll­te ihn bei mir haben. Ein be­schis­se­nes Mo­tel­zim­mer mit­ten im Nir­gend­wo war kein Ort für ein Kind. Ich hass­te es, dass Da­vi­de hier alle Trümp­fe in der Hand hielt.
„Wir soll­ten gehen“, sagte Mi­ri­am und un­ter­brach meine Ge­dan­ken.
Ich sah an mir her­un­ter und be­merk­te, dass wir den gan­zen Weg zu ihrem Auto ge­gan­gen waren und ich immer noch ihre Hand hielt.
„Schei­ße, tut mir leid!“ Ich ließ sie los. Ich hatte sie schon zu Tode er­schreckt, als wir uns ge­trof­fen hat­ten. Ich woll­te nicht, dass sie sich bei ihrem Vater be­schwer­te. „Ich habe es nicht be­merkt.“
„Oh, das ist schon in Ord­nung.“ Sie lä­chel­te. „Es war ziem­lich emo­tio­nal für Sie. Den­ken Sie sich nichts dabei. Also, ma­chen Sie ein Tref­fen mit Da­vi­de und Chris­to­phe aus. Ich will dabei sein, okay?“ Sie kram­te in ihrer Hand­ta­sche und reich­te mir ihre Vi­si­ten­kar­te. „Rufen Sie an und sagen Sie mei­ner As­sis­ten­tin, wann alles statt­fin­den soll.“
Ich nahm ihre Karte. Schwar­zer Schrift­zug auf Weiß. Schlicht, pro­fes­sio­nell. Es pass­te zu ihr. Sie trug eine ma­ri­neblaue Hose und eine Jacke. Da­vi­de würde wis­sen, dass etwas nicht stimm­te, wenn sie das nächs­te Mal in einem ähn­li­chen Out­fit auf­tauch­te.
Ich konn­te Da­vi­de noch nicht sagen, dass ich eine An­wäl­tin hatte. Er würde so­fort ab­hau­en, falls er es er­fuhr. Ich be­trach­te­te sie von oben bis unten. Selbst unter dem or­dent­li­chen Ho­sen­an­zug konn­te ich er­ken­nen, dass sie einen guten Kör­per hatte.
„Ich glau­be, wir brau­chen eine Tarn­ge­schich­te.“ Ich steck­te die Vi­si­ten­kar­te in meine Ta­sche. „Ich kann ihm nicht sagen, dass Sie meine An­wäl­tin sind, sonst macht er sich aus dem Staub und ich werde Chris­to­phe nie wie­der sehen.“
„Guter Punkt.“ Sie nick­te und biss sich auf die Lippe.
„Sie könn­ten meine Freun­din sein.“ Ich schnall­te mei­nen Helm fest und zwin­ker­te ihr zu.
Ihr Mund form­te ein ent­zü­cken­des klei­nes O, wäh­rend sie mich scho­ckiert an­starr­te.
„Ich rufe dich an.“ Ich grins­te. Es mach­te Spaß, meine An­wäl­tin in Ver­le­gen­heit zu brin­gen.
Ich ließ den Motor auf­heu­len und freu­te mich dar­auf, auf die Au­to­bahn zu fah­ren. Die of­fe­ne Stra­ße hatte sich immer wie ein Ort an­ge­fühlt, an dem ich keine Ver­ant­wor­tung und keine Sor­gen hatte. Ich spür­te, wie der Wind mich um­weh­te, aber die­ses Mal ver­schwan­den meine Pro­ble­me nicht. Das wür­den sie nie mehr. Ich war ein Vater von je­man­dem, der von mir ab­hän­gig war.
Ich hatte einen Sohn.