Voyeur

Originaltitel: Voyeur
Übersetzer: Joy Fraser

Erschienen: 06/2019

Genre: Contemporary Romance

Location: USA, Cincinnatti


Erhältlich als:
paperback & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-401-6
ebook: 978-3-86495-402-3

Preis:
Print: 14,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Voyeur


Inhaltsangabe

Er war mein Professor. Doch er beobachtete mich trotzdem.

Das Voyeur ist kein typischer Strip-Club oder eine Peep-Show. Die Leute, die ins Voyeur gehen, wissen genau, was sie wollen, und das ist die Befriedigung einer Neigung, welche die wenigsten verstehen. Astronomie-Dozent Dr. Callum Pierce beobachtet im Voyeur das, wozu er seinen eigenen Körper nicht zwingen kann. So kontrolliert er die Dämonen, die immer dann ihre hungrigen Köpfe heben, wenn eine Frau zu viel von ihm erwartet.

Eines Abends fällt ihm Oaklyn im Club auf. Als er sie dafür bezahlt, um sie nackt hinter einer Glassscheibe zu beobachten, weiß er nicht, dass sie eine seiner Studentinnen ist, die im Voyeur Geld für ihr Studium verdient. Als sie nicht nur in seiner Astronomie-Vorlesung sitzt, sondern auch noch seine neue wissenschaftliche Assistentin ist, wird ihm klar, dass er nicht mehr ins Voyeur gehen darf um sie zur Erfüllung seiner Lust zu beobachten. Doch Callum kann nicht aufhören Oaklyn zu beobachten und zu begehren. Stattdessen wird die Versuchung, der Reiz des Verbotenen immer verlockender.

Oaklyn, die sich während der Arbeit immer stärker zu Callum hingezogen fühlt, hat keine Ahung, dass es ihr Professor ist, der sie im Voyeur hinter der Glasscheibe sitzend regelmäßig beobachtet. Und Callum hofft, dass sie, sollte sie eines Tages die Wahrheit herausfinden, das selbe will wie er. Denn nun, da er alles an ihr gesehen hat, kann er nicht mehr wegschauen …

 

 

Über die Autorin

Fiona Cole ist Militärsgattin und Hausfrau mit Abschlüssen in Biologie und Chemie. Trotz ihrer Liebe zur Wissenschaft beschloss sie, ihre Karriere zu verschieben, um bei ihren beiden kleinen Mädchen zu Hause zu bleiben. Stattdessen tauchte sie in die Welt der...

Leseprobe

XXL-Leseprobe bei Book2Look

Callum

Ich schob den Studienplan ein bisschen auf dem Tisch herum, bis die Ecke mit dem Tisch und dem Arbeitsblatt daneben eine Linie bildete. Dann holte ich einen Stift aus meiner Tasche und legte ihn genau zwischen die beiden Blätter. Als ich die drei Textmarker in alphabetischer Reihenfolge hinlegen wollte, kam der erste Student in den Raum.
Ich begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Willkommen im Astronomie-Kurs.“
Er nickte mir müde zu und trottete ans Ende des Raumes. Neun Uhr morgens musste sich für Studenten viel früher am Tag anfühlen. Besonders am ersten Tag.
Ich saß auf der Ecke...

...meines Tisches und begrüßte jeden Studenten, der hereinkam. Dieses Semester lehrte ich Astronomie für die Studenten, die nicht Physik studierten. Sie wiesen nicht denselben Enthusiasmus auf, wie diejenigen, die Astrophysiker werden wollten. Ich versuchte, meine Liebe zum Thema zu vermitteln, um das Interesse bei ihnen zu wecken. Wenn sich der Lehrer nicht für das Thema begeistern konnte, wie sollten es dann die Studenten? Die meisten Professoren unterrichteten nicht gern physikfremde Fächer, doch ich betrachtete es als Herausforderung, die Studenten dazu zu bringen, sich für die Sterne, die Planeten und alles, was damit zu tun hatte, zu interessieren.
„Hallo, willkommen in der Astronomie.“
Mehr nickende Köpfe und ein paar Mädchen mit erstaunten Blicken, die mich unverhohlen musterten. Seit drei Jahren unterrichtete ich und war mittlerweile daran gewöhnt. Ich war jünger als die meisten Professoren und mir war bewusst, dass ich nicht schlecht aussah. Ich ignorierte diese Blicke, blieb höflich und kurz angebunden, um keinen falschen Eindruck zu erwecken.
Fast alle Sitze waren nun belegt. In ein paar Minuten konnte ich beginnen.
„Hallo, willko…“ Die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich die nächsten hereinkommenden Studenten begrüßte. Zwei Mädchen. Die Blonde kannte ich nicht. Die andere war sie. Die Frau aus dem Voyeur. In meiner Vorlesung. Als eine verfluchte Studentin. Meine Studentin.
Das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich kaum noch das Gemurmel im Klassenraum hörte. Mein plötzlicher Tunnelblick konzentrierte sich voll auf sie. Sie lächelte und lachte über etwas, das ihre Freundin gesagt hatte.
Sie sah genauso aus und doch ganz anders. Im Voyeur bewegte sie sich voller Selbstsicherheit und sah reifer aus. Manchmal nur in Dessous gekleidet. Doch jetzt in diesen Skinny Jeans und dem weiten Pulli sah sie so sehr wie eine junge Studentin aus, dass ich mir geistig in den Hintern trat, weil mir nicht aufgefallen war, wie jung sie noch war. Noch schlimmer war, dass die meisten meiner Studenten Erstsemestler waren, doch ich hoffte, dass sie schon älter war. Vielleicht holte sie sich nur die letzten Punkte, die sie noch brauchte? Ich verzog innerlich das Gesicht und fühlte mich wie ein Perverser, der sich beim Anblick von achtzehnjährigen Kindern einen runterholte.
Verdammt!
Meine Lungen schienen in meiner Brust zu kollabieren, denn ich konnte kaum tief Luft holen, um mich zu beruhigen. Ich starrte auf meine Schuhe und zählte die Verschnürungen. Suchte nach etwas, das mir half, mich zusammenzureißen.
Als ich endlich wieder atmen konnte, zwang ich mich zu einem Lächeln und sah auf. „Willkommen in der Astronomie“, sagte ich laut zu allen.
Von ihrem Platz aus sah sie mich lächelnd an. Ich wartete auf ein Zeichen, dass sie erkannte, mich schon einmal gesehen zu haben. Nicht, dass sie deswegen etwas sagen würde, da sie eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben hatte. Doch ich wollte nicht einmal an die Komplikationen denken, die sich daraus ergeben konnten. Aber sie erkannte mich anscheinend nicht. Nachdem sie mich kurz angesehen hatte, lag ihre Aufmerksamkeit sofort wieder auf ihrer Freundin, die sie flüsternd anstupste und dabei mich anstarrte.
Ich wollte mir nicht vorstellen, was sie sagte.
Alle hatten sich hingesetzt. Ich versuchte, überall hinzusehen, doch mein Blick wanderte immer wieder zu ihr zurück. Sie nahm Stift und Block aus ihrer Tasche und ich war von ihren schlanken Fingern fasziniert.
Ich wusste, wie diese Finger aussahen, wenn sie sich ekstatisch in ein Laken krallten.
Gott, ich war so heftig gekommen, als sie ihren zweiten Orgasmus herausgeschrien hatte und ihre kleine Faust auf dem Rücken ihres Partners lag. Ihre Beine hatten gezuckt. Ich hatte meinen Schwanz immer fester gerieben und mein Stöhnen nicht unterdrücken können, das gleichzeitig mit ihrem kam.
Ich schüttelte den Kopf, verscheuchte die Erinnerung und ging hinter den Schreibtisch zu meinem Stuhl, ehe jemand meine beginnende Erektion sehen konnte.
Deine Studentin. Sie ist deine verdammte Studentin!
Innerlich leierte ich eine Liste verschiedener Galaxien herunter, um mich wieder in die Spur zu bringen, und atmete tief durch, bis ich endlich die Vorlesung anfangen konnte.
„Guten Morgen. Ich bin Dr. Pierce und Sie befinden sich im Astronomie-Kurs 101. Zwar sind die Vorlesungen für Nicht-Physiker, aber vielleicht habe ich Sie am Ende des Semesters überredet, zu uns auf die dunkle Seite zu wechseln.“
Ein paar Studenten lachten, während andere Dinge wie „Pfft, als ob“ murmelten. Die üblichen Reaktionen.
„Am ersten Tag werden wir uns lediglich mit dem Lehrplan beschäftigen, uns bekanntmachen, und dann werde ich Sie wieder in die Wildnis entlassen.“
Ich nahm einen Stapel Papiere, reichte sie den Studenten in der ersten Reihe, die sich eins nehmen und sie dann weitergeben sollten. Es dauerte nicht lange, das Wichtigste zu erfassen. Noten, Anwesenheit, Prüfungstermine und die Erwartungen der Klasse. Ich schaffte es, die meiste Zeit nicht auf sie zu starren.
Ich kannte noch nicht einmal ihren Namen.
Als ich fertig war, lehnte ich mich an die Schreibtischkante und überlegte, wie ich an die gewünschte Information kommen könnte. Ihr Alter zu erfahren, war mir momentan am wichtigsten, und wenn das bedeutete, dass ich dafür jeden Studenten einzeln befragen musste, dann sollte es so sein.
„Und jetzt stellt sich bitte jeder selbst vor. Sagen Sie zuerst Ihren Namen, damit ich ihn auf der Liste abhaken kann. Dann das Alter, das Semester und die Fachrichtung.“
„Wie alt sind Sie denn?“, rief eine Brünette aus der ersten Reihe. Einige Mädchen kicherten.
Ich lächelte entgegenkommend. „Neunundzwanzig, und ich unterrichte hier seit drei Jahren. Physik war mein Studienfach.“ Ich machte eine Geste in ihre Richtung. „Dann fangen Sie doch am besten gleich an.“
Es ging fast durch die ganze Klasse, ehe sie endlich drankam. Ihre Stimme war leise und schien meine Haut zu streicheln. „Ich bin Oaklyn Derringer. Ich studiere Biologie, mit der Absicht, in die Physiotherapie zu gehen.“
„Wie alt sind Sie?“ Es fühlte sich so an, als ob jeder sofort erkannte, warum ich das fragte, Dass man das leichte Schwanken in meiner Stimme hörte und sah, wie meine Wangen sich erhitzten.
„Oh, das hab ich ganz vergessen“, sagte sie lachend. „Ich bin gerade neunzehn geworden. Ich bin im zweiten Semester.“
Zweitsemester.
Neunzehn.
Errötete Wangen waren plötzlich nicht mehr mein Problem, denn all mein Blut schien meinen Körper verlassen zu haben.
Das Klingeln in meinen Ohren verhinderte, dass ich die nächsten drei Studenten hörte. Ich nahm ihre Gesichter und ihr Lächeln nicht wahr, als ich ins Leere starrte und versuchte, Luft zu bekommen.
Eine Zweitsemestlerin.
Ich hatte mir beim Anblick einer neunzehnjährigen Studentin einen runtergeholt. Mein Magen wollte sich umdrehen, als sich Schuldgefühle wie Säure ihren Weg durch mich fraßen.
Doch als die Vorlesung zu Ende war, ich alle entließ und zusah, wie Oaklyn aus dem Saal ging, dachte ich an ihre harten Nippel auf den straffen Brüsten. Die Schuldgefühle verflogen und wurden durch Begierde und Verlangen ersetzt.
Ich konnte mir selbst nicht mehr trauen und musste mich so gut es ging von ihr fernhalten. Sie in der Klasse zu sehen, war etwas, womit ich umgehen konnte. Aber im Voyeur musste ich ihr aus dem Weg gehen. Vielleicht sollte ich Daniel die Lage erklären, damit er mir sagen konnte, an welchen Tagen sie nicht arbeitete.
Die einfachste Lösung wäre, nicht mehr ins Voyeur zu gehen. Doch dafür brauchte ich es zu sehr. Es würde schon gutgehen. Ich musste mir nur ständig ihr Alter in Erinnerung rufen, und dass sie meine Studentin war, dann würde ich der Versuchung widerstehen.
Das konnte klappen.


Oaklyn

Ich werde es überstehen.
Das war mein Mantra für die nächsten Monate. Gestern hatte ich bis spät in die Nacht im Voyeur gearbeitet, dann war ich in einer meiner Vorlesungen, und momentan stopfte ich mir ein Sandwich mit Erdnussbutter und Gelee in den Mund, während ich über den Campus zum Physikfachbereich eilte. Es war mein erster Tag dort und ich hatte ein schlechtes Gewissen, zu spät zu kommen. Besonders, weil ich den Job in letzter Minute durch die Gnade des Studienberaters ergattert hatte.
Nach dem zweiten Vorlesungstag hatte ich schon Angst, mich übernommen zu haben, doch ich musste mir einreden, dass ich mich an den verrückten Zeitplan gewöhnen würde.
Als ich die breite Tür zu dem beigen Steingebäude öffnete, fragte ich mich, ob ich wohl Dr. Pierce begegnen würde. Ich musste ständig an ihn denken. An seine intensiven hellblauen Augen, die in Kombination mit dem rabenschwarzen Haar noch mehr auffielen, und wie er mich mit seinen Blicken fast durchbohrt hatte. Ich hatte versucht, es zu ignorieren, und mir gesagt, dass ich mir etwas einbilde und dass er alle Studenten auf diese Art ansah, doch es war unmöglich gewesen, es nicht zu spüren. Ich hatte sogar schon befürchtet, dass ich etwas im Gesicht kleben hatte. Ich hatte Olivia danach gefragt, und sie hatte mich angesehen, als hätte ich zwei Köpfe, ehe sie sich wieder ganz auf Dr. Pierce konzentriert hatte. Das konnte man ihr nicht verübeln. Er war außergewöhnlich attraktiv und jung, ganz und gar nicht was ich in der ersten Vorlesung meines zweiten Semesters erwartet hätte. Ich überlegte, wieso er ein Lehrer war, verwarf den albernen Gedanken aber schnell wieder, dass so ein attraktiver Mann ein aufregenderes Leben haben sollte.
Astronomie schien seine Leidenschaft zu sein. Wie er uns erklärt hatte, was er uns alles beibringen wollte, machte das deutlich. Es machte ihn noch attraktiver. Zumindest meine Aufmerksamkeit war ihm sicher, wenn auch nur aus dem Grund, dass ich gern auf seine Lippen starrte, wenn er sprach.
Fast hoffte ich, ihm nicht zu begegnen, wenn ich hier Dienst hatte. Denn dann würde ich nicht riskieren, eine alberne Verliebtheit für ein weit höherstehendes Wesen zu entwickeln … meinen Professor.
Lächelnd stieß ich die Tür zum Hauptbüro der Physiker auf und verdrängte den Gedanken. Eine stämmige Frau mit weißen Haaren und einem netten Lächeln saß an einem Schreibtisch und begrüßte mich.
„Hallo, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hi. Ich bin Oaklyn Derringer. Ich soll hier dieses Semester als Assistentin arbeiten.“
„Oh, ja.“ Sie erhob sich und kam auf mich zu. „Ich bin Donna, die Sekretärin. Sie können Ihre Tasche hierlassen. Ich führe Sie erstmal herum und stelle Sie allen vor.“
Die Runde war recht kurz. Nur ein kleiner Flur mit drei Türen. Eine davon führte in einen Konferenzraum und eine andere war ein Ausgang. Auf der anderen Seite war das Büro des Fachbereichschefs und dazwischen befand sich der Schreibtisch der Sekretärin und ein kleiner Wartebereich mit vier Stühlen und einer Pflanze.
„Ich bin froh, dass Sie da sind. Letztes Semester ist ein älterer Student gegangen und wir wussten nicht, ob wir wieder einen bekommen werden. Die Physiker sind eher eine kleine Gemeinschaft. Studieren Sie Physik?“
„Nein. Ich studiere Biologie und möchte später Physiotherapie machen.“
„Du meine Güte, und was führt Sie dann zu uns?“
Ich musste lachen. „Verzweiflung.“
Sie kicherte, ging wieder hinter ihren Schreibtisch und setzte sich. „Auf jeden Fall bin ich froh, wieder weibliche Unterstützung zu haben.“
Sie wies mir einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch zu, auf dem ich mich niederließ und wartete, während Sie etwas in den Computer tippte.
„Dann sehen wir mal. Sie werden Dr. Erikson assistieren. Er leitet das Labor und braucht Hilfe beim Vorbereiten und Reinigen der Hilfsmittel. Außerdem noch Dr. Pierce.“
Als ich diesen Namen hörte, sank mir das Herz in die Hose und schlug gleichzeitig schneller. Ich überging es, denn ich wollte mich nicht blamieren, indem ich anfing zu stottern oder zu erröten oder irgendetwas anderes genauso albernes.
„Die anderen Lehrer haben meistens Studenten, mit denen sie schon eine Weile arbeiten. Hudson, der Student, der gegangen ist, hat hauptsächlich Dr. Pierce geholfen, und Sie sollen seine Aufgaben übernehmen. Aber keine Sorge, Dr. Pierce ist ein sehr netter Mann.“
„Habe ich da gerade meinen Namen gehört?“, fragte eine männliche Stimme hinter mir.
Und da war er schon. Groß und breit, sodass seine Schultern fast beide Seiten des Türrahmens berührten, durch den er trat. Mit einem warmen, charmanten Lächeln sah er Donna an. So, wie man seine Oma anlächeln würde.
„Allerdings“, sagte Donna. „Ich habe gerade unserer neuen Assistentin erzählt wie nett Sie sind, da sie Ihnen und Mr. Erikson dieses Semester helfen wird.“
Sie zeigte auf mich und ich legte mein nettestes Lächeln auf, obwohl ich spürte, dass es sicherlich genauso gezwungen aussah, wie es sich anfühlte.
Tief durchatmen. Nicht erröten. Nicht erröten!
Sein Blick schwenkte zu mir, und der Mann erstarrte. Nur für einen Moment, fast unmerklich, bevor er mich begrüßte.
„Oh, Miss Derringer. Wir kennen uns von gestern aus der Vorlesung.“ Sein Lächeln war höflich und distanziert, obwohl ich spürte, dass mehr in ihm vorging als er nach außen zeigte. „Warum möchten Sie im Fachbereich Physik arbeiten?“
Ich wollte gern erneut einen Scherz über meine Verzweiflung machen, aber ich entschied mich lieber für eine ehrliche Antwort. „Ich brauche die zusätzlichen Stunden, um mein Studium zu finanzieren.“
„Oh gut. Eine fleißige Arbeiterin.“ Er nickte und wandte sich an Donna. „In zehn Minuten habe ich ein Meeting, komme aber danach wieder. Könnten Sie das hier bitte für morgen für mich kopieren?“
„Natürlich, Dr. Pierce. Oaklyn wird das bis heute Nachmittag für Sie fertig haben.“
Er bedankte sich und verschwand, ohne mich noch einmal anzusehen, hinter der Tür, neben der sein Name stand.
„Gut, dann gehen wir jetzt zu Mr. Erikson. Er ist im Labor. Ich bin mir sicher, er wird Sie in alles einweisen. Wenn wir damit fertig sind, zeige ich Ihnen den Kopierer.“
Ich folgte Donna den Flur entlang bis in den Lagerraum des Labors. Er war voller Glasbehälter, Flaschen und Geräte, die ich noch nie gesehen hatte, und von denen ich nicht wusste, was man damit machte. Mr. Erikson war ein entspannter Mann, sogar ein bisschen in sich gekehrt, eher ein Nerd. Er trug eine dicke Brille, sprach leise und bei manchen Worten stotterte er leicht. Aber ich beschwerte mich nicht. Mir war Stille lieber als eine Labertasche.
Mr. Erikson erklärte mir ein paar Regeln und überließ mir dann eine Liste, in der ich das Inventar eintragen sollte. Rockmusik aus den Siebzigern spielte leise im Hintergrund und meine Arbeitszeit flog nur so dahin. Nach drei Stunden hatten wir die Inventur des gesamten Equipments erledigt. Nur noch zwei Stunden und ich hatte Feierabend, ohne später noch Vorstellungen geben zu müssen.
Ich verabschiedete mich schließlich von Mr. Erikson, nahm meinen Rucksack und ging zur Sekretärin, um die Kopien für Dr. Pierce zu machen.
Mit dem Arm voll noch warmer Papiere klopfte ich an seine Tür.
„Herein“, sagte er mit tiefer Stimme durch die Tür.
„Ich habe Ihre Kopien.“
Er hob den Blick von seiner Arbeit und sah mich durch eine Brille mit dicker Umrandung an. „Oh, ja, danke. Legen Sie sie bitte hier hin.“
Ich legte den Stapel auf seinen Schreibtisch, trat zurück und beobachtete ihn, wie er die Papiere so verschob, bis die Kanten mit der Ecke des Tisches übereinstimmten.
„Nette Brille.“
„Danke. Ich hasse sie. Ich bin neunundzwanzig und brauche schon eine Lesebrille. Damit sehe ich wie ein alter Mann aus.“ Er lachte selbstkritisch.
„Wohl kaum.“ Ich kicherte. Ohne nachzudenken war mir die Bemerkung herausgerutscht. Ich schluckte schwer, sah nach unten und konnte daher seine Reaktion nicht ablesen. „Brauchen Sie noch etwas? Ich bin noch eine Stunde hier.“
Er sah sich um, als ob er nach einer Aufgabe für mich suchen würde. „Ja. Da hinten stehen Kartons mit Akten. Die müssen alphabetisch geordnet und abgeheftet werden.“
Meine Augen weiteten sich, als ich die fünf Kisten neben einem Aktenschrank sah.
Das musste ihm nicht entgangen sein, denn er lachte und versuchte, mich zu beruhigen. „Das muss nicht alles heute fertig werden. Fangen Sie einfach schon mal mit einem Karton an. Ein Professor, der letztes Jahr in Pension gegangen ist, hat mir ein paar seiner Unterlagen dagelassen.“
„Das sind ein bisschen mehr als nur ein paar.“
„Wenn Sie sein gesamtes Material gesehen hätten, würden Sie das nicht sagen. Er hatte in seinem Büro die Kisten bis zur Decke aufgetürmt. In zig Stapeln.“
„Na, dann haben Sie ja Glück gehabt, dass er Ihnen nur fünf Kartons hinterlassen hat. Sonst wäre ich hier, bis Sie in Rente gehen.“
Er lachte und ich verliebte mich ein bisschen in sein Lächeln. Diese Grübchen in seinen Wangen. Diese leichte Kerbe in seinem Kinn, die beim Lachen noch betont wurde. Als er aufsah, wandte ich den Blick ab und fühlte mich wie ein Kind beim Anstarren ertappt. „Okay, ich fange besser damit an.“
Fast eine Stunde arbeiteten wir in angenehmer Stille zusammen. Manchmal ging er raus, kam aber schnell zurück. Ab und zu bemerkte ich, dass er mich ansah. Dann lächelte er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wahrscheinlich wollte er nur sichergehen, dass ich keinen Mist baute. Er schien sehr penibel zu sein. Ich beobachtete, wie er seinen Stift haargenau zum Papier ausrichtete, und wie er darauf achtete, dass jedes Blatt genau denselben Abstand zum Tischrand hatte. Lauter solche Kleinigkeiten. Ich musste mich dazu zwingen wegzusehen, ehe er mich beim Starren erwischte.
„Also ich gehe dann“, sagte Donna und steckte den Kopf zur Tür herein. „Callum, lassen Sie das arme Mädchen nicht so hart arbeiten.“
„Aber ich dachte, Sie hätten gesagt, sie sei jetzt für immer meine vertraglich verpflichtete Dienerin.“ Er zog die Augenbrauen zusammen.
Sie erwiderte den Blick. „Das würde ich niemals sagen.“ Sie zwinkerte mir zu. „Einen schönen Abend noch, allerseits. Callum, wir sehen und morgen. Oaklyn, wir sehen uns am Freitag wieder?“
„Ja.“
„Okay. Bis dann.“
Dr. Pierce lehnte sich zurück und streckte die Arme über dem Kopf. Ich musste mir mit dem Fingernagel in die Hand bohren, um mich von dem Anblick, wie sich sein hellblaues Oberhemd über seiner breiten Brust spannte, abzulenken.
„Ich denke, wir sollten auch Feierabend machen. Mir war nicht bewusst, dass es schon nach fünf ist.“
„Oh, wow. Die Zeit rast, wenn man Akten abheftet.“
„Das ist der aufregendste Job, den wir hier haben.“
Ich mochte seine Scherze und die schnellen Erwiderungen.
„Gott sei Dank, denn schließlich muss ich das als Ihre vertraglich verpflichtete Bedienstete für immer tun. Machen Sie mir nichts vor, die restlichen Aktenstapel warten doch irgendwo auf mich.“
Er grinste und hielt die Hände hoch. „Sie haben mich erwischt.“
„Okay, ich bin dann Freitag wieder da und mache weiter.“ Ehe ich meinen Rucksack nahm, schloss ich die Schachtel, an der ich gerade arbeitete, und räumte noch etwas auf.
„Es ist schon spät. Brauchen Sie einen Begleiter?“, fragte Dr. Pierce.
Ich kicherte idiotisch und sprach ohne nachzudenken. „Ich brauche keinen männlichen Aufpasser.“
„Oh, äh … so war das nicht gemeint.“
„Ich weiß. Entschuldigung, meine Art Humor ist manchmal etwas daneben.“ Meine Wangen brannten, weil ich so etwas Dummes zu meinem Lehrer gesagt hatte. Doch als ich ihn ansah, waren seine Wangen ebenfalls leicht rot. Und er lachte immer noch.
„Das nächste Mal werde ich mich klarer ausdrücken. Ich möchte vermeiden, dass mir Donna einen Vortrag darüber hält, einer Studentin eine männliche Begleitung anzubieten. Sagen Sie es ihr bitte nicht, aber sie macht mir ein bisschen Angst.“
„Unsinn. Donna ist ein Engel.“
„Ein Engel, der die gesamte männliche Belegschaft in ihre Schranken verweisen kann.“ Wir lachten beide bei der Vorstellung. Als wir uns beruhigt hatten, drückte er sich klarer aus. „Möchten Sie, dass ich bis zu Ihrem Auto mitkomme?“
„Nein, danke sehr. Ich flitze nur schnell über den Campus zum Studentenzimmer meiner Freundin.“
Er nickte. „Okay. Aber passen Sie auf sich auf.“
Mit einem Winken war ich aus der Tür und hatte den ersten Tag, den ich für Dr. Pierce arbeitete hinter mir, ohne ihn angesabbert zu haben.

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