Pittsburgh Titans: Stone

Ori­gi­nal­ti­tel: Stone: A Pitts­burgh Ti­tans Novel
Über­set­zer: Joy Fra­ser

Er­schie­nen: 04/2023
Serie: Pitts­burgh Ti­tans
Teil der Serie: 2

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance, Sport Ro­mance

Lo­ca­ti­on: USA, Pitts­burgh




Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

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Pittsburgh Titans: Stone


In­halts­an­ga­be

Mi­nor-Le­ague-Spie­ler Stone Dume­lin ver­lor sei­nen jün­ge­ren Bru­der, als das Mann­schafts­flug­zeug der Ti­tans ab­stürz­te. Mit dem dar­auf­fol­gen­den Anruf hatte er nicht ge­rech­net.

Nach­dem eine Schul­ter­ver­let­zung meine NHL-Kar­rie­re auf Eis ge­legt hatte, habe ich mich damit ab­ge­fun­den, dass ich mich nie wie­der aus der un­te­ren Liga nach oben spie­len kann. Wäh­rend meine Kar­rie­re den Bach run­ter­ging, wurde mein mir ent­frem­de­ter Bru­der Brooks zum Su­per­star bei den Pitts­burgh Ti­tans. Als das Flug­zeug der Ti­tans ab­stürz­te, er­losch Brooks' Licht - und ich bekam die Chan­ce mei­nes Le­bens.

Jetzt bin ich in Pitts­burgh, spie­le für die Ti­tans und stehe dem Geist mei­nes toten Bru­ders auf Schritt und Tritt ge­gen­über. Sein Schließ­fach, sein Ver­mächt­nis, seine hart­nä­cki­ge und hin­rei­ßen­de An­wäl­tin, die nicht auf­hört, mich wegen sei­nes Nach­las­ses zu kon­tak­tie­ren, ob­wohl ich sie ge­be­ten habe, mich in Ruhe zu las­sen.

Har­low Als­ton wäre äu­ßerst an­spre­chend, wenn sie nicht so nerv­tö­tend wäre. So sehr ich mir wün­sche, dass sie auf­hört, mich wegen Brooks’ Nach­lass zu be­läs­ti­gen, bin ich fas­zi­niert von der feu­ri­gen Rot­haa­ri­gen, die kein Nein als Ant­wort ak­zep­tiert. Und je mehr ich über Har­low er­fah­re, desto mehr glau­be ich, dass sie der Schlüs­sel sein könn­te, um zu ver­ste­hen, wer Brooks wirk­lich war und wer ich sein möch­te.

Ich habe eine zwei­te Chan­ce auf eine Kar­rie­re, von der ich dach­te, ich hätte sie ver­lo­ren, und die Mög­lich­keit, mit Har­low etwas Ge­mein­sa­mes auf­zu­bau­en. Aber kann ich die Kraft fin­den, wei­ter­zu­ma­chen, oder wird meine Ver­gan­gen­heit meine Zu­kunft be­stim­men?

Über die Au­to­rin

Seit ihrem De­büt­ro­man im Jahr 2013 hat Sa­wy­er Ben­nett zahl­rei­che Bü­cher von New Adult bis Ero­tic Ro­mance ver­öf­fent­licht und es wie­der­holt auf die Best­sel­ler­lis­ten der New York Times und USA Today ge­schafft.
Sa­wy­er nutzt ihre Er­fah­run­gen als ehe­ma­li­ge Straf­ver­tei­di­ge­rin in...

Wei­te­re Teile der Pitts­burgh Ti­tans Serie

Le­se­pro­be

 Stone

Ge­mes­sen an der äu­ße­ren Er­schei­nung des Ge­bäu­des ist die Kanz­lei von Har­low Als­ton nicht das, was ich er­war­tet habe. Sie be­fin­det sich in West Al­leg­he­ny in einem vik­to­ria­ni­schen Rei­hen­haus in einer baum­rei­chen Allee. Auf ihrer Web­sei­te ist ein schi­ckes Chrom- und Glas-Bü­ro zu sehen, von dem aus man die Stadt über­blickt. Viel­leicht ist sie um­ge­zo­gen. Je­den­falls habe ich der küh­len äl­te­ren Frau auf dem Foto kein so in­for­mel­les, net­tes Büro zu­ge­traut.
So­fort finde ich einen Park­platz an der Stra­ße, schlie­ße meine Jacke und stei­ge aus dem Auto. Der Wind fährt mir in die Kno­chen. Auch wenn der Früh­ling schon vor...

...​der Tür steht, fühlt es sich heute ganz si­cher nicht so an. Der Him­mel ist grau, und dunk­le Wol­ken brau­en sich zu­sam­men. Ich soll­te mir den Wet­ter­be­richt an­se­hen, um her­aus­zu­fin­den, ob wir Regen oder Schnee be­kom­men wer­den.
Ein Mes­sing­schild hängt über der schwar­zen Haus­tür des roten vik­to­ria­ni­schen Hau­ses, das Ms. Als­ton als Büro dient. Es steht nur ihr Name dar­auf. Als ich ein­tre­te, be­fin­de ich mich in einem klei­nen Foyer, und eine Trep­pe führt nach oben, die mit einem lila Seil ab­ge­sperrt ist.
Links be­fin­det sich noch eine schwar­ze Tür. Das muss das Büro sein. Ohne zu zö­gern, be­tre­te ich den Raum und sehe mich um. Eine Lobby. Zu er­ken­nen an tra­di­tio­nel­len Mö­beln und einem an­ti­ken Schreib­tisch, an dem eine Frau sitzt.
Links ist eine ge­schlos­se­ne Tür. Auf einem Mes­sing­schild da­ne­ben steht: Har­low Als­ton, An­wäl­tin. Zur Rech­ten be­fin­det sich noch eine ge­schlos­se­ne Tür. Das Mes­sing­schild ver­rät, dass es die Toi­let­te ist. Links davon führt ein Flur zu den Hin­ter­zim­mern die­ser Etage, die je­doch im Dun­keln lie­gen und viel­leicht gar nicht be­nutzt wer­den.
Ich bin er­leich­tert, dass sonst nie­mand da zu sein scheint. Da ich so sauer bin, weil mich diese An­wäl­tin nicht in Ruhe lässt und mir auch noch droht, fürch­te ich, dass ich mein Tem­pe­ra­ment wahr­schein­lich nicht im Griff haben werde. Aus PR-Grün­den will das Ma­nage­ment der Ti­tans si­cher nicht, dass ich mich in der Öf­fent­lich­keit schlecht be­neh­me.
Die Se­kre­tä­rin, die freund­lich wirkt und leicht als eine Fuß­ball-Mut­ti durch­ge­hen würde, lä­chelt mich an. „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möch­te Har­low Als­ton spre­chen“, sage ich kurz an­ge­bun­den.
„Na­tür­lich.“ Sie lä­chelt er­neut und gibt etwas in den Com­pu­ter ein. „Mor­gen um vier­zehn Uhr ist ein Ter­min frei. Worum geht es?“
Ich stüt­ze mich mit den Hän­den auf den Schreib­tisch auf und beuge mich vor, um be­droh­li­cher zu wir­ken. „Ich will sie so­fort spre­chen.“
Die Frau ist kein biss­chen ein­ge­schüch­tert. Sie hebt das Kinn und ver­engt die Augen. „Sie hat mo­men­tan keine Zeit. Der nächs­te freie Ter­min ist …“
Ich deute auf die linke Tür. „Ist das ihr Büro?“
Sie presst die Lip­pen auf­ein­an­der und wei­gert sich, mir zu hel­fen, die An­wäl­tin in ihre Schran­ken zu wei­sen.
Ich bli­cke zwi­schen der Se­kre­tä­rin und der Tür hin und her. „Ist sie da drin?“
Jetzt sieht die Se­kre­tä­rin alar­miert aus. Ich könn­te ja ein Durch­ge­knall­ter sein, der ihrer Che­fin an den Kra­gen will.
Ich warte nicht auf eine Ant­wort und stür­me zu der Tür.
Die Se­kre­tä­rin ist leb­haf­ter, als ich dach­te, und an­schei­nend kein biss­chen schwach. Sie steht auf und be­eilt sich, vor mir an der Tür zu sein.
„Sir“, sagt sie au­to­ri­tär und stra­fend. „Sie ist be­schäf­tigt und kann Sie jetzt nicht emp­fan­gen. Es ist un­ver­schämt von Ihnen, ohne Ter­min ein­fach ein­drin­gen zu wol­len.“
Ner­vös schaut sie auf meine Hände. Ich ver­schrän­ke sie vor der Brust, um zu zei­gen, dass ich nicht vor­ha­be, hand­greif­lich zu wer­den. Aber ich kann ge­nau­so stur sein wie sie.
Ich schaue auf die klei­ne Frau mit dem kur­zen, brau­nen Bob und den dun­kel­brau­nen Augen hinab. „Un­ver­schämt, ja? Un­ver­schämt ist, dass diese Frau mich be­drängt, mich um den Nach­lass mei­nes Bru­ders zu küm­mern, mit dem ich nichts zu tun haben will. Dies­mal wird sie es sich von mir per­sön­lich an­hö­ren müs­sen, damit sie mich end­lich in Ruhe lässt.“
Ihr Blick wird sanf­ter und sie neigt den Kopf leicht zur Seite. „Mr. Dume­lin?“
Ich nicke.
Und schon ist das Mit­ge­fühl ver­schwun­den, das ich ge­se­hen haben will, als sie ver­stan­den hat, dass ich Brooks’ Bru­der bin. Ihr Aus­druck ist rein ge­schäfts­mä­ßig. „Es ist wich­tig, dass sie mit Ms. Als­ton reden. Ich kann Ihnen für mor­gen einen Ter­min geben oder wir ma­chen eine Te­le­fon­kon­fe­renz aus. Oder Sie war­ten hier, ob sie nach­her etwas Zeit für Sie hat. Aber mo­men­tan schreibt sie einen sehr wich­ti­gen Be­richt, der fer­tig wer­den muss …“
Ich habe genug von den Aus­re­den. Sie hat mich be­drängt und jetzt bin ich hier.
Ich gehe an der Se­kre­tä­rin vor­bei, nehme die Klin­ke in die Hand und öffne die Tür, bevor man mich auf­hal­ten kann. Ich be­tre­te den Raum und sehe eine schö­ne Rot­haa­ri­ge hin­ter dem Schreib­tisch sit­zen. Das ist nicht die An­wäl­tin, die ich auf der Web­sei­te ge­se­hen habe.
Ich gehe noch einen Schritt wei­ter hin­ein und die Frau hebt den Kopf. Grüne Augen und ein ver­är­ger­ter Blick über mein Ein­drin­gen neh­men mich zur Kennt­nis.
Bei mei­nem drit­ten Schritt spüre ich hin­ter mir die Se­kre­tä­rin. Und dann höre ich ein tie­fes, böses Knur­ren von hin­ter dem Schreib­tisch. Ver­blüfft sehe ich ein rie­si­ges, schwar­zes Biest auf mich zu­kom­men.
Him­mel, die­ser Hund muss min­des­tens sech­zig Kilo wie­gen und nur aus Mus­keln be­ste­hen. Er hat dich­tes, schwar­zes Fell, eine weiße Brust, eine brau­ne Schnau­ze und eine brau­ne Au­gen­brau­en­par­tie. Brau­ne Beine mit wei­ßen Strümp­fen. Ich glau­be, ich kenne die Rasse, aber ich bin noch zu über­rascht, dass er mich an­k­nurrt. Nicht nur war­nend, son­dern er zeigt mir auch die Zähne, was heißt, dass er mich so­fort at­ta­ckiert, wenn ich näher komme.
Ich er­star­re. Mir fällt ein, dass man nicht vor Bären da­von­ren­nen soll, weil sie einen sonst für die nächs­te Mahl­zeit hal­ten. Gilt das auch für Hunde? Ich habe keine Er­fah­run­gen mit Hun­den. Meine Mut­ter ver­ab­scheu­te alle Tiere mit Fell, weil sie ihr pein­lich sau­be­res Haus ver­schmut­zen könn­ten.
Lang­sam kommt der Hund näher.
„Ähm … könn­ten Sie bitte Ihren Hund zu­rück­ru­fen, Lady?“
Die Frau lehnt sich auf ihrem Stuhl zu­rück und schlägt die Beine über­ein­an­der. Mit den Fin­gern trom­melt sie auf ihren Arm­leh­nen und wirkt amü­siert. „Ich weiß nicht so recht … haben Sie einen guten Grund, un­ge­be­ten und ohne Ter­min hier rein­zu­mar­schie­ren?“
„Ich bin Stone Dume­lin.“
„Ja. Ich er­ken­ne Sie.“
„Sie woll­ten, dass ich her­kom­me, und da bin ich. Rufen Sie den ver­damm­ten Hund zu­rück.“
Sie denkt dar­über nach, und ich weiß nicht, was sie tun wird. Doch dann sagt sie sanft sei­nen Namen. Odin.
Der Hund bleibt ste­hen. Er zeigt mir aber immer noch die Zähne. Wir star­ren uns ge­gen­sei­tig an und mir bricht Schweiß im Na­cken aus.
Aber dann schnippt sie mit den Fin­gern und ruft den Hund zu­rück. „Leg dich hin, Odin.“
So­fort dreht der Hund um und geht wie­der an ihre Seite, was zeigt, wie gut er trai­niert ist. Ich wette, wenn sie Fass! sagen würde, wäre ich ganz schnell Ge­schich­te.
Der Hund bleibt für mich sicht­bar neben ihrem Stuhl sit­zen. Damit schickt er mir die klare Bot­schaft, dass er mich be­ob­ach­tet.
Die Frau blickt an mir vor­bei zur Se­kre­tä­rin. „Schon gut, Bo­ni­ta. Du kannst gehen und die Tür zu­ma­chen.“
„Soll ich Kaf­fee oder Tee ser­vie­ren?“, fragt Bo­ni­ta höf­lich.
Ich be­hal­te den Hund im Auge.
„Nein, das ist nicht nötig. Das bie­ten wir nur un­se­ren höf­li­chen Kun­den an.“
Ich schaue sie an und fühle mich un­wohl in mei­ner Lage. Ich dach­te, ich würde ein­fach hin­ein­ge­hen, sie dazu zwin­gen, ihr Vor­ha­ben auf­zu­ge­ben, und wie­der gehen. Doch statt­des­sen sitzt die An­wäl­tin gar nicht hin­ter die­sem Schreib­tisch, und um ein Haar hätte mir ihr Hund die Kehle her­aus­ge­ris­sen.
„Ich möch­te mit Har­low Als­ton spre­chen. Kön­nen Sie mir sagen, wo sie ist, damit ich ihr kurz sagen kann, dass ich mit dem Nach­lass mei­nes Bru­ders nichts zu tun haben will?“
Die Rot­haa­ri­ge beugt sich vor und fal­tet die Hände auf dem Schreib­tisch. „Haben Sie das Schild an der Tür ge­se­hen? Da steht Har­low Als­ton, oder?“
Ich rolle mit den Augen. „Na­tür­lich. Aber ich habe mir die Web­sei­te an­ge­se­hen und die Frau ist un­ge­fähr drei­ßig Jahre älter als Sie und hat graue Haare.“
Die Frau nickt und er­hebt sich. „Das ist meine Tante Hay­ley Als­ton. Sie hat ihre Kanz­lei auf der an­de­ren Seite des Flus­ses in der In­nen­stadt. Ich bin Har­low, die An­wäl­tin, die Sie an­ge­schrie­ben hat.“
Das wirft mich aus der Bahn.
Ich kam her, fest ent­schlos­sen, diese Frau zu­recht­zu­wei­sen, hatte dabei aber vor Augen, mich mit einer alten An­wäl­tin an­zu­le­gen, die aus­sieht, als ob sie Stahl­nä­gel früh­stü­cken würde. Ich bin nicht auf eine um­wer­fend schö­ne Frau vor­be­rei­tet, die höchs­tens Ende zwan­zig sein kann und eher auf einen Mo­del­l­auf­steg passt als hin­ter einen An­walts­schreib­tisch.
Au­ßer­dem ist sie nicht wie eine An­wäl­tin an­ge­zo­gen. Sie trägt Jeans, einen far­ben­fro­hen Pull­over und einen Pfer­de­schwanz. Auf kei­nen Fall sieht sie aus wie die bis­si­ge Pro­zess­an­wäl­tin, die ich mir vor­ge­stellt habe. Viel­mehr sieht sie aus wie die Frau­en, die ich in Bars auf­ga­be­le und, wenn ich Glück habe, mit nach Hause nehme.
Sie streckt ihre Hand über dem Schreib­tisch aus. „Schön, Sie end­lich ken­nen­zu­ler­nen, Mr. Dume­lin. Darf ich Sie Stone nen­nen?“
Ich gebe ihr weder die Hand noch die Zu­stim­mung, mich beim Vor­na­men zu nen­nen. Aber ich trete näher an den Schreib­tisch heran, um meine Kör­per­grö­ße spre­chen zu las­sen. „Ich habe nicht vor, lange hier­zu­blei­ben. Ich möch­te nur wis­sen, was ich tun soll, damit Sie mich in Ruhe las­sen. Wenn ich eine Ver­zichts­er­klä­rung un­ter­schrei­ben soll, dann tue ich das. Ich will nichts mit sei­nem Nach­lass zu tun haben. Und schon gar nicht, dass Sie mich noch ein­mal kon­tak­tie­ren.“
Har­low scheint weder ge­kränkt noch ver­är­gert über meine An­sa­ge zu sein. Wenn über­haupt, wirkt sie eher be­sorgt. Aber das er­gibt kei­nen Sinn, also ver­ges­se ich den Ge­dan­ken wie­der.
„Ich wünsch­te, ich könn­te das tun, Stone. Aber ich habe Ihrem Bru­der ver­spro­chen …“
„Sie mei­nen, Sie wur­den dafür be­zahlt, sei­nen letz­ten Wil­len aus­zu­füh­ren“, sage ich un­ge­hal­ten.
Sie atmet tief durch, um ihre Fas­sung zu be­hal­ten. „Es gibt Dinge, die wir für sei­nen Nach­lass tun müs­sen …“
„An dem ich nicht in­ter­es­siert bin“, knur­re ich. „Sie hören mir nicht zu.“
„Ich höre Sie laut und deut­lich.“ Sie spricht an­ge­spannt und in ihren grü­nen Augen lo­dert Feuer. „Aber Sie sind fest ent­schlos­sen, sich in die­ser Sache wie ein Idiot zu be­neh­men. Ihr Bru­der hat sich alle Mühe ge­ge­ben …“
„Mein Bru­der hat sich mei­net­we­gen nie alle Mühe ge­ge­ben“, sage ich auf­ge­bracht, gehe rück­wärts und stol­pe­re über einen Be­su­cher­stuhl. Das macht mich noch ra­sen­der. Ich schla­ge da­nach und er kippt um. Man hört ein lei­ses Kna­cken, wahr­schein­lich von einem Stuhl­bein, aber es ist mir scheiß­egal.
Der Hund knurrt wie­der, be­wegt sich aber nicht.
Ich rech­ne damit, dass mein Aus­bruch ihre Auf­merk­sam­keit fes­selt, aber sie be­trach­tet nur den Stuhl. Ich schaue hin und sehe, dass er zarte Beine hat, Bro­kat­stoff auf dem Sitz und Schnit­ze­rei­en und In­tar­si­en auf der Rück­leh­ne. Über­haupt nicht mein Ge­schmack. Das eine Bein ist of­fen­sicht­lich ganz oben ab­ge­bro­chen. Ich habe kei­ner­lei schlech­tes Ge­wis­sen.
„Kon­tak­tie­ren Sie mich nie wie­der“, sage ich war­nend. Miss­trau­isch sieht sie mich an. „Schi­cken Sie mir per E-Mail, was auch immer ich un­ter­schrei­ben soll und was Sie von der Ver­pflich­tung be­freit, den Auf­trag mei­nes Bru­ders zu er­fül­len. Ich werde es Ihnen so­fort zu­rück­schi­cken. Wenn Sie mich da­nach noch mal be­läs­ti­gen, werde ich Sie bei der An­walts­kam­mer, oder wer auch immer für Leute wie Sie zu­stän­dig ist, an­zei­gen.“
Das Miss­trau­en in ihren Augen ist ver­schwun­den und sie sieht mich wü­tend an, sagt aber nichts. Re­so­lut star­re ich sie an und be­stär­ke stumm meine Bot­schaft. Mit mir ist nicht zu spa­ßen. Als ich glau­be, dass sie es ver­stan­den hat, drehe ich mich zur Tür um und gehe an dem ka­put­ten Stuhl vor­bei. Ich sehe ihn an, aber nicht zu ihr. „Schi­cken Sie mir die Rech­nung dafür. Ich be­zah­le sie gern.“
Ich stür­me aus dem Büro, ohne zu­rück­zu­bli­cken, und hof­fent­lich in ein Leben frei von Geis­tern und Dä­mo­nen.

Har­low

Als Stone Dume­lin mein Büro ver­lässt und die Tür zu­wirft, klopft mein Herz hek­tisch. Ich habe nichts an­de­res von dem Er­leb­nis er­war­tet. Wäh­rend mei­ner Freund­schaft mit Brooks habe ich viel über Stone er­fah­ren und konn­te mich für diese Kon­fron­ta­ti­on wapp­nen.
Des­halb ge­fiel Brooks nicht, dass er mich bit­ten muss­te, mich um alles zu küm­mern. Des­halb mach­te er mich nur un­gern zur Treu­hän­de­rin. Aber er wuss­te auch, dass ich alles tun würde, um seine Wün­sche zu er­fül­len.
Nicht nur Stone ist ein Pro­blem in Sa­chen Nach­lass, son­dern auch sein Vater hat mich ges­tern kon­tak­tiert und nach sei­nem An­teil am Erbe ge­fragt.
Ich weiß nicht, ob Stone sei­nem Vater ge­sagt hat, dass er mich kon­tak­tie­ren soll, aber ich be­zwei­fe­le es. Sie haben sich nicht gut ver­stan­den, als Brooks starb. Das sah ich selbst bei der Be­er­di­gung, als Stone ver­such­te, seine Mut­ter zu trös­ten, sie sich aber von ihm fort lehn­te. Und als sein Vater ihn igno­rier­te, als er bei sei­ner Trau­er­re­de durch­schei­nen ließ, dass es nur einen Sohn gibt, der eine Er­wäh­nung wert ist.
Auch das über­rasch­te mich nicht. Brooks hat mir er­zählt, dass seine Fa­mi­lie so zer­split­tert war, dass es nichts gäbe, was sie wie­der kit­ten könn­te.
Das glau­be ich ihm.
Es er­gibt kei­nen Sinn, den Vater jetzt schon zu­rück­zu­ru­fen. Erst muss ich Stone Brooks’ letz­ten Wil­len er­klä­ren. Da­nach rufe ich sei­nen Vater an und sage ihm, was ihm zu­steht, jetzt noch nicht.
Ich gehe neben dem ka­put­ten Stuhl in die Hocke. Das Bein ist kom­plett ab­ge­bro­chen, und ich knir­sche mit den Zäh­nen, weil Stone so bla­siert damit um­ge­gan­gen ist.
Schi­cken Sie mir die Rech­nung, hat er ge­sagt.
Als ob man das Bein des Hepp­lew­hi­te-Stuhls aus dem acht­zehn­ten Jahr­hun­dert durch ir­gend­et­was er­set­zen könn­te. Der Stuhl ge­hört zu einem Set und ist nicht nur ein klei­nes Ver­mö­gen wert, son­dern ge­hör­te mei­ner Ur­groß­mut­ter. Das Set wurde lie­be­voll an die äl­tes­te Toch­ter der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ver­erbt. Vor zwei Jah­ren, als ich meine Kanz­lei er­öff­ne­te, bekam ich es von mei­ner Mut­ter, die glaub­te, dass ich es viel schö­ner fände als sie.
Stone eine Rech­nung zu schi­cken, macht den Scha­den nicht rück­gän­gig.
„Der Mann war so an­ge­nehm wie ein in die Ecke ge­dräng­tes Sta­chel­schwein“, sagt Bo­ni­ta an der Tür. Ich sehe zu ihr auf. Sie wringt die Hände. „Es tut mir leid, ich habe ver­sucht, ihn auf­zu­hal­ten.“
„Schon gut“, ver­si­che­re ich ihr, stehe auf und halte das Stuhl­bein in der Hand. „Er ist genau, wie Brooks ihn be­schrie­ben hat. Ich will nicht, dass du dich mit je­man­dem an­legst, der viel stär­ker ist als du.“
„Wenn ich doch nur die Zeit ge­habt hätte, mein Pfef­fer­spray aus der Ta­sche zu neh­men“, sin­niert Bo­ni­ta.
„Nein“, sage ich über­trie­ben schimp­fend. „Wir wen­den kein Pfef­fer­spray bei un­se­ren Kli­en­ten an.“
„Scha­de“, sagt sie und schnaubt la­chend. Sie hält mir ihre Hand hin. „Gib mir das. Mal sehen, ob ich es mit Al­le­s­kle­ber re­pa­rie­ren kann.“
Ich öffne ent­setzt den Mund und drü­cke das Stuhl­bein an mich, statt es ihr zu geben.
„War nur Spaß.“ Sie lacht und kommt mit der Hand den­noch näher. „Ich werde es si­cher auf­be­wah­ren, bis ich einen An­ti­k­la­den ge­fun­den habe, der weiß, wie man so etwas re­pa­riert.“
„Danke, Bo­ni­ta.“ Mit den Fin­gern strei­che ich über die Schnit­ze­rei­en und rei­che ihr das Stuhl­bein. „Ich gehe mit Odin Gassi und hole mir einen ge­misch­ten Salat. Willst du auch etwas?“
„Nein, danke. Ich habe ein Sand­wich dabei. Hast du die Be­ant­wor­tung der Fra­gen der Ge­gen­par­tei im Fall Gra­ves fer­tig?“
„Ich habe noch eine Stun­de Zeit.“ Ich soll­te mich so­fort dran­set­zen, aber nach Stone Dume­lin wird mir ein Spa­zier­gang gut­tun. „Ich mache mich so­fort an die Ar­beit, wenn ich wie­der da bin.“

***

Vier Stun­den spä­ter bin ich immer noch nicht fer­tig mit den Fra­gen im Fall Gra­ves. In drei Tagen ist Ab­ga­be­ter­min, also habe ich noch Zeit, aber es ist mir immer lie­ber, vor der Dead­line fer­tig zu sein. Ich bin ein Pla­ner. Und ich habe ge­plant, heute damit fer­tig zu wer­den. Mor­gen kann ich nicht wei­ter­ma­chen, weil ich fast den gan­zen Tag bei Ge­richt sein werde, und über­mor­gen nehme ich an einer Wei­ter­bil­dung teil. Ich muss heute fer­tig wer­den, damit ich am Ab­ga­be­tag nicht noch damit herum­ma­chen und um Ver­län­ge­rung bit­ten muss, was nicht mein Stil ist. Ich werde gern mit mei­nen Sa­chen fer­tig, um zu de­mons­trie­ren, dass ich gut vor­be­rei­tet bin und je­der­zeit be­reit für den Kampf.
Die­ser dumme Stone Dume­lin bringt mich schon den gan­zen Tag durch­ein­an­der. Nur fünf Mi­nu­ten mit ihm, und ich kann nicht auf­hö­ren, mir um Brooks’ Nach­lass Sor­gen zu ma­chen und dar­über, ob Stone ko­ope­rie­ren wird.
Ei­gent­lich frage ich mich das gar nicht. Ich weiß, dass er es nicht tun wird, und auch, dass er nie wie­der einen Fuß in mein Büro set­zen wird. Das macht es un­end­lich viel schwe­rer, Brooks’ Wün­sche zu er­fül­len. Ich kann nur ver­su­chen, ihm schrift­lich etwas mehr In­for­ma­tio­nen zu geben. Und bis ich das getan habe, werde ich mich auf nichts an­de­res mehr kon­zen­trie­ren kön­nen.
Ich spei­che­re den Ent­wurf der Fra­gen im Fall Gra­ves ab und schlie­ße die Datei. Dann öffne ich ein Do­ku­ment mit mei­nem Brief­kopf und be­gin­ne einen Brief an Stone Dume­lin. Ich schrei­be dar­über: Amt­li­che Zu­stel­lung mit Emp­fangs­be­stä­ti­gung.
Keine E-Mails mehr an Stone. Ich will, dass er einen Brief in den Hän­den hat und damit of­fi­zi­ell mit­ge­teilt be­kommt, dass er ge­erbt hat. Was er dann damit an­stellt, ist seine Sache, doch ich hoffe, seine Neu­gier we­cken zu kön­nen, so­dass noch ein Ge­spräch statt­fin­den wird.
Nach dem Be­treff be­gin­ne ich wie­der for­mell: Sehr ge­ehr­ter Mr. Dume­lin …
Wei­ter komme ich nicht. Ich lehne mich zu­rück und über­le­ge, wie ich vor­ge­hen soll. Jetzt ist ein biss­chen Ma­ni­pu­la­ti­on nötig, und dafür bin ich mir nicht zu scha­de. Be­son­ders nach­dem der Affe mei­nen Stuhl be­schä­digt hat.
Aber ich wuss­te, dass er ein Blöd­mann ist. Brooks hat mich zu­min­dest davon über­zeugt.
Ich be­trach­te den selig neben mir schla­fen­den Odin und frage mich, ob Stone auch gute Ei­gen­schaf­ten hat. Odin ist ein lie­ber Hund, aber seine Rasse kann auf Frem­de skep­tisch re­agie­ren. Und statt neben mir zu blei­ben, wäh­rend er Stone ab­check­te, ist er voll in den Ver­tei­di­gungs­mo­dus ge­gan­gen. Hat er etwas Böses ge­wit­tert? Brooks hat sei­nen Bru­der zwar nicht ge­ra­de schmei­chel­haft be­schrie­ben, aber nicht so, dass ich Angst vor ihm haben müss­te. Trotz­dem hat Odin ihn an­ge­knurrt und ging ihm ent­ge­gen. Das hat er noch nie getan. Nicht ein­mal, wenn wir im Park lau­fen gehen und mich frem­de Män­ner an­ma­chen wol­len. Seine Größe ge­nügt, dass die Kerle Ab­stand hal­ten.
„Was hast du ihm an­ge­merkt?“, frage ich Odin nach­denk­lich. Beim Ton mei­ner Stim­me hebt Odin den Kopf. Neu­gie­rig sieht er mich an. „Ist er ein schlech­ter Mensch oder haben ihn die Um­stän­de so wi­der­spens­tig ge­macht?“
Er gibt einen Wuff-Laut von sich. Ich weiß nicht, ob er mir zu­stimmt oder ge­nau­so rat­los ist wie ich, doch er legt sei­nen Kopf wie­der ab. Dann schließt er schlum­mernd die Augen und ich be­gin­ne zu schrei­ben.
Bei den ers­ten Sät­zen eines Brie­fes muss ich immer grin­sen. Mein Vater, der an­ge­se­he­ne Ro­bert Fre­de­rick Als­ton der III., Ma­na­ger der Als­ton-An­walts­grup­pe, in der auch Tante Hay­ley ar­bei­tet, wäre ent­setzt, wenn er mich so ar­bei­ten sehen würde. Drü­ben im Wol­ken­krat­zer in Dads Chro­me- und Stahl­bü­ro gibt es Hor­den von Se­kre­tä­rin­nen, die nichts an­de­res tun, als die dik­tier­te Kor­re­spon­denz der An­wäl­te zu tip­pen. Nicht mal die Jün­ge­ren, die durch­aus fähig sind, selbst zu schrei­ben, ma­chen sich die Mühe, ihre Fin­ger zu be­we­gen. Es wäre unter ihrem teu­ren Stun­den­satz, Zeit mit Tip­pen zu ver­schwen­den, wenn sie statt­des­sen ihre Be­ra­tun­gen und Emp­feh­lun­gen in Rech­nung stel­len kön­nen.
Das ist si­cher ein Sta­tus­sym­bol, aber ich halte es für Ver­schwen­dung, weil ich schnel­ler tip­pen kann als dik­tie­ren, und weil ich zwi­schen­drin etwas am Text än­dern kann. Das ist viel ef­fi­zi­en­ter. Au­ßer­dem be­rech­ne ich einen weit nied­ri­ge­ren Stun­den­satz als meine Fa­mi­lie auf der an­de­ren Seite des Flus­ses.
Falls das an­kla­gend klingt, meine ich es nicht so. Ich liebe sie alle und re­spek­tie­re ihre Fä­hig­kei­ten. Sie füh­ren eine der an­ge­se­hens­ten Kanz­lei­en im gan­zen Staat. Und eben­so re­spek­tie­ren sie mei­nen Wunsch, eine ei­ge­ne Kanz­lei zu haben und mehr den Armen zu hel­fen als der rei­chen Elite. Na­tür­lich werde ich bei Fa­mi­li­en­fei­ern damit auf­ge­zo­gen, und alle wis­sen, dass es kaum mehr als ein Hobby ist als eine Le­bens­grund­la­ge. Aber ich liebe mei­nen Beruf, weil ich völ­lig frei ent­schei­den kann, zu hel­fen, wem ich hel­fen will.
Zu­min­dest, bis mir Stone Dume­lin zu­ge­scho­ben wurde.
Also, lie­ber Mr. Dume­lin … hör zu, Arsch­loch.

Ich be­daue­re sehr, dass unser heu­ti­ges – wenn auch spon­ta­nes – Tref­fen nicht pro­duk­ti­ver war. Lei­der schei­nen Sie von einem tie­fen Schmerz ge­steu­ert zu sein und wis­sen nicht, wie Sie mit der Tat­sa­che um­ge­hen sol­len, dass Ihr Bru­der stets an Sie ge­dacht hat, auch wenn es sich nicht so an­ge­fühlt hat.

Ein klei­ner Hin­weis, dass ich viel mehr über seine Fa­mi­lie weiß, als er dach­te. Er hat mir vor­ge­wor­fen, dass ich den Fall nur des Gel­des wegen an­ge­nom­men habe, aber da irrt er sich ge­wal­tig. Ich habe ihn an­ge­nom­men, weil ich Brooks ge­liebt habe.

Da wir nicht in der Lage sind, ein ver­nünf­ti­ges Ge­spräch zu füh­ren, werde ich Ihnen auf die­sem Wege ein paar Dinge sagen, die Sie be­den­ken soll­ten. Ich hoffe, dass Sie ge­willt sein wer­den, zu ko­ope­rie­ren, aber soll­ten Sie dies nach die­sem Brief immer noch nicht wol­len, werde ich Ihnen hel­fen, sich von allen Ver­pflich­tun­gen zu be­frei­en.

Und dann zähle ich ihm die nack­ten Fak­ten auf, damit er ge­zwun­gen ist, zu­min­dest ir­gend­wie dar­auf zu re­agie­ren.

Ihr Bru­der hat mich be­auf­tragt, nach sei­nem Tod seine Treu­hän­de­rin zu sein. Das be­deu­tet, dass ich sei­nen Nach­lass sei­nen Wün­schen ent­spre­chend ver­wal­te. Bitte neh­men Sie zur Kennt­nis, dass ich dies ohne jeg­li­che Be­zah­lung tue.
Sie sind nicht der ein­zi­ge Erbe, aber bei Wei­tem der­je­ni­ge mit dem Haupt­an­teil. Der be­inhal­tet nicht nur einen er­heb­li­chen Geld­be­trag und In­vest­ments, son­dern auch zwei Häu­ser hier in Penn­syl­va­nia.
Soll­ten Sie das Erbe Ihres Bru­ders ab­leh­nen, hat er genau ver­fügt, wel­che Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen wie viel be­kom­men sol­len. Ich er­wäh­ne das vor allem des­we­gen, weil Sie sag­ten, ich solle Ihren Vater kon­tak­tie­ren, aber Brooks be­stand dar­auf, dass Ihre El­tern nur das be­kom­men, was er spe­zi­ell für sie be­stimmt hat.
Au­ßer­dem hat Ihnen Ihr Bru­der etwas Per­sön­li­ches hin­ter­las­sen, das ich Ihnen per­sön­lich aus­hän­di­gen muss. Dafür kön­nen wir gern einen Ter­min in mei­nem Büro aus­ma­chen oder wir tref­fen uns an einem Ort Ihrer Wahl. Dann kön­nen Sie ent­we­der die Do­ku­men­te zur An­nah­me des Erbes un­ter­schrei­ben oder die, um das Erbe an die Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen zu geben.
Soll­ten Sie sich wei­gern, etwas zu un­ter­schrei­ben, sehe ich mich lei­der ge­zwun­gen, Sie per Ge­richts­be­schluss dazu zu be­we­gen, was sehr un­an­ge­nehm wäre und reine Zeit­ver­schwen­dung. Bitte stei­gen Sie von Ihrem hohen Ross und tun Sie das Rich­ti­ge.
Ich hoffe, dass Sie meine Se­kre­tä­rin Bo­ni­ta Her­nan­dez an­ru­fen und einen Ter­min aus­ma­chen wer­den. Bitte kom­men Sie nicht wie­der un­an­ge­mel­det mit der Er­war­tung, so­fort emp­fan­gen zu wer­den. Und schon gar nicht in mein Büro, da ich Odin sonst er­lau­ben werde, Sie zu fres­sen.
Au­ßer­dem werde ich Ihnen eine Rech­nung für den be­schä­dig­ten Stuhl schi­cken, aber lei­der ist ein Hepp­lew­hi­te aus dem acht­zehn­ten Jahr­hun­dert, der von mei­ner Ur­groß­mut­ter an die je­weils äl­tes­te Toch­ter in der Fa­mi­lie wei­ter­ver­erbt wurde, un­er­setz­bar. Doch Ihre Geste war zu­min­dest rück­sichts­voll.

Beim letz­ten Satz grin­se ich. Wenn der Mann auch nur den Hauch eines Ge­wis­sens hat, soll­te das sit­zen. Wenn nicht, ist er ein noch grö­ße­res Arsch­loch, als ich dach­te. Aber egal. Ich will ein­fach nur, dass er sein Schick­sal an­nimmt und die Sache hin­ter mich brin­gen.
Ich denke dar­über nach, wie ich den Brief be­en­den soll, und ent­schei­de mich, wie­der for­mell zu wer­den.

Ich sehe Ihrer Ent­schei­dung er­war­tungs­voll ent­ge­gen und ver­blei­be mit freund­li­chen Grü­ßen
Har­low Als­ton, An­wäl­tin

Per­fekt, wenn ich das mal sagen darf. Ich lese den Brief noch ein­mal durch, spei­che­re ihn ab und leite ihn an Bo­ni­ta wei­ter.
Dann gehe ich aus dem Büro in den Emp­fangs­be­reich, wo Bo­ni­ta so­eben den Brief auf ihrem Bild­schirm hat.
„Ich weiß, dass es schon spät ist, aber könn­test du den Brief bitte heute noch ab­schi­cken?“
„Kein Pro­blem“, sagt sie und über­fliegt den Text.
Ich schaue zu, wie sie ein paar Än­de­run­gen am Satz­bau macht, ohne mich zu fra­gen. Sie kann viel bes­ser for­mu­lie­ren als ich. Bei mir geht es um den In­halt, und ihr Job ist es, das Ganze auf­zu­hüb­schen.
„Also, ich finde ja“, sagt Bo­ni­ta und nimmt den Brief aus dem Dru­cker, „dass Stone Dume­lin ein hei­ßer Typ ist.“
Ich hebe die Au­gen­brau­en. „Fin­dest du wirk­lich?“
„Komm schon, Har­low“, sagt sie in dem Wis­sen, dass ich nur so ah­nungs­los tue. „Er sieht Brooks sehr ähn­lich, und wir wis­sen beide, dass Brooks auch heiß aus­ge­se­hen hat.“
Ich zucke mit den Schul­tern und lehne mich mit der Hüfte an ihren Schreib­tisch. „Man kann der hei­ßes­te Typ seit Ste­phen Amell in Arrow sein, aber wenn man ein Arsch ist, ist man völ­lig un­at­trak­tiv.“
„Aber ist er wirk­lich ein Arsch oder lei­det er und weiß nicht, wie er da raus­kom­men soll?“
„Hör schon auf“, sage ich la­chend. Sie hat ein enorm gro­ßes Herz. Stets blickt sie bei den Kli­en­ten tie­fer und sucht das in­ne­re Trau­ma, das für deren Ver­hal­ten ver­ant­wort­lich sein muss. Sie ver­zeiht ihnen so­fort und sorgt für eine Art Pfle­ge­fa­mi­lien­at­mo­sphä­re, so­lan­ge ich den Kli­en­ten ver­tre­te. Das ist meis­tens süß, aber mo­men­tan habe ich kein Mit­leid mit Stone. Ich traue­re noch um Brooks, und mir ge­fällt nicht, dass Stone Brooks nicht moch­te.
Das macht uns sogar zu Geg­nern.
Bo­ni­ta legt mir den Brief hin und reicht mir einen Stift. Ich un­ter­schrei­be.
„Mal sehen, ob ihn der Brief dazu bringt, sich zu­sam­men­zu­rei­ßen und uns mit Re­spekt zu be­han­deln.“
Ich gehe in mein Büro, um am Fall Gra­ves wei­ter­zu­ar­bei­ten, und hoffe wirk­lich, dass der Brief Stone Feuer unter dem Hin­tern macht, be­son­ders, weil er dann weiß, dass sein Bru­der alles ihm hin­ter­las­sen hat an­statt sei­nen El­tern.

Stone

Am Auf­zug hängt ein Schild, dass er außer Be­trieb ist. Ich seuf­ze. Im Fit­ness­stu­dio war Bein­trai­ning an­ge­sagt und ich habe mich voll ins Zeug ge­legt. Sechs Eta­gen hoch­zu­ge­hen, ist zwar mach­bar, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich den Auf­zug neh­men.
Ich hänge mir die Sport­ta­sche über die Schul­ter und renne nach oben, indem ich zwei Stu­fen auf ein­mal nehme, nur um zu be­wei­sen, dass ich es kann.
Nicht, dass ir­gend­wer zu­schau­en würde.
Ich hole mei­nen Schlüs­sel her­vor und öffne die Tür, wobei ich etwas hin und her wa­ckeln muss, um das ros­ti­ge Schloss zu be­we­gen. Ich habe dem Ver­mie­ter schon Be­scheid ge­sagt, dass er es aus­tau­schen oder re­pa­rie­ren soll, rech­ne aber nicht wirk­lich damit.
Ich trete ein und rie­che etwas Köst­li­ches. Tante Be­tha­ny summt ein Lied­chen in der Küche. Mor­gen reist sie ab, nach­dem sie er­klärt hat, dass ich jetzt ohne sie zu­recht­kom­me. Zwar bin ich ein er­wach­se­ner Mann und sie­ben­und­zwan­zig Jahre alt, aber ich muss zu­ge­ben, dass es schön war, sie hier­zu­ha­ben.
Nicht nur, weil sie mich un­ter­stützt, mich an eine neue Stadt zu ge­wöh­nen, son­dern auch, weil sie mir Va­ters An­ru­fe vom Hals hält. Er hat be­gon­nen, sie zu ner­ven, weil ich nicht zu­rück­ru­fe. Sie ist schon oft als Ver­mitt­le­rin ein­ge­sprun­gen, muss­te diese Rolle aber schon lange nicht mehr über­neh­men, denn ich habe vor Brooks’ Tod Mo­na­te nicht mit ihm ge­re­det. Am letz­ten Weih­nachts­fest blieb ich in Cleve­land in mei­nem Apart­ment. Mit einer Brü­net­ten na­mens Cher­ry, die ich aber nicht in einer Bar oder einem Strip­club auf­ge­ga­belt hatte. Wir hat­ten uns im Fit­ness­stu­dio ken­nen­ge­lernt, was ge­nau­so ein Kli­schee ist. Sie war eine gute Ab­len­kung wäh­rend der Fei­er­ta­ge, als keine Spie­le statt­fan­den.
Na­tür­lich bin ich von mei­nen El­tern an Weih­nach­ten auch gar nicht ein­ge­la­den wor­den. Sie haben mich in kei­ner Weise be­ach­tet. Kein Anruf. Keine Karte. Keine Ge­schen­ke.
Was in Ord­nung ist. Ich mache so etwas auch nicht. Ich wuss­te, dass ich zu Hause nicht er­war­tet oder ge­wollt war. Wir waren an einen Punkt ge­kom­men, an dem wir wie Frem­de waren.
Brooks war an­ders. Zu­min­dest haben wir zu Weih­nach­ten mit­ein­an­der kom­mu­ni­ziert. Er rief mich an und hin­ter­ließ eine Sprach­nach­richt. Er wünsch­te mir frohe Weih­nach­ten und sagte, dass wir uns zu Hause sehen wür­den, falls ich dort hin­kom­me. Er wuss­te, dass ich nicht kom­men würde, oder woll­te es gar nicht wis­sen.
Ich rief nicht zu­rück, son­dern ant­wor­te­te mit einer Text­nach­richt, die ich so fei­er­lich wie mög­lich ge­stal­te­te. „Danke für dei­nen Anruf. Ich blei­be über Weih­nach­ten hier. Ka­len­der ist vol­ler Ter­mi­ne. Schön, deine Stim­me zu hören.“
Brooks ant­wor­te­te mit dem Dau­men-hoch-Emo­ji.
Das war un­se­re ge­sam­te Weih­nachts­kon­ver­sa­ti­on.
An Sil­ves­ter kon­tak­tier­ten wir uns gar nicht.
Am 20. Fe­bru­ar ist er ge­stor­ben.
Ich habe seine letz­te Sprach­nach­richt ge­spei­chert und spie­le sie manch­mal ab, um seine Stim­me zu hören. Auch, um mich selbst zu be­stra­fen, weil ich mir nicht mehr Mühe ge­ge­ben habe. Manch­mal ist es aber nicht das schlech­te Ge­wis­sen, das mich über­mannt. Son­dern Wut, weil er sich auch nicht mehr Mühe ge­ge­ben hat.
Ich stel­le die Ta­sche auf der Couch ab und gehe in die Küche, die vom Wohn­zim­mer durch eine halbe Wand ge­trennt ist. Be­tha­ny will einen schwe­ren Topf mit etwas Ko­chen­dem zum Spül­be­cken tra­gen. Schnell eile ich ihr zu Hilfe.
„Lass mich das ma­chen“, sage ich und nehme ihr die Topf­lap­pen ab.
„Danke“, haucht sie und tritt zu­rück.
Ich gieße die Kar­tof­feln durch ein Sieb ab. „Was riecht hier so gut?“
„Hack­bra­ten.“
Mein Magen knurrt. Das ist eins mei­ner Lieb­lings­ge­rich­te, und Be­tha­nys Hack­bra­ten ist der Beste. Damit will sie mir si­cher zum letz­ten Mal wäh­rend ihres Be­suchs rich­ti­ge Haus­manns­kost bie­ten.
Ich stel­le den lee­ren Topf wie­der auf den Herd und Be­tha­ny holt Milch und But­ter aus dem Kühl­schrank.
Sie deu­tet zum Kü­chen­tisch. „Da ist Post für dich ge­kom­men, für die ich un­ter­schrei­ben muss­te.“
Stirn­run­zelnd gehe ich hin­über, denn ich be­kom­me nicht viel Post. Ein biss­chen was wird mir aus Cleve­land nach­ge­sen­det, aber nur ab und zu. Ich er­ken­ne, dass es ein Ein­schrei­ben mit Rück­schein ist. Als ich Har­low Als­ton als Ab­sen­der sehe, beiße ich die Zähne auf­ein­an­der. Der Um­schlag ist dünn und kann nicht mehr als eine oder zwei Sei­ten ent­hal­ten.
Fuck, die Frau hat ein Tempo drauf. Erst ges­tern haben wir mit­ein­an­der „ge­spro­chen“, als ich sie be­lei­digt habe, ihr Hund mich bei­ßen woll­te und ich ihre Möbel de­mo­liert habe.
Be­stimmt ist das die Rech­nung, die ich gern be­zah­le.
Ich öffne den Um­schlag und ziehe keine Rech­nung her­aus, son­dern einen zwei Sei­ten lan­gen Brief von Ms. Als­ton.
Be­tha­ny macht Kar­tof­fel­brei, also nehme ich mir die Zeit und lese den Brief durch.
Der In­halt ist weit­ge­hend sach­lich ge­schrie­ben, aber mit genug Biss, dass ich merke, dass sie immer noch sauer auf mich ist. Ich lese die ein­zel­nen Punk­te und halte beim zwei­ten inne.
Ich bin der Haupter­be?
Ich schaue meine Tante an.
Sie hebt eine Au­gen­braue. „Was ist?“
„Die An­wäl­tin schreibt, dass Brooks mir sei­nen Be­sitz ver­macht hat“, sage ich un­gläu­big und lese den Punkt im Brief noch mal. Ich über­flie­ge den Rest und gebe mei­ner Tante eine Zu­sam­men­fas­sung. „Er hat mir fast alles hin­ter­las­sen, in­klu­si­ve zwei­er Häu­ser in Penn­syl­va­nia. An­schei­nend be­kom­men meine El­tern auch etwas, aber das meis­te geht an mich. Die An­wäl­tin schreibt, es gibt noch per­sön­li­che Sa­chen, die er mir ver­macht hat. Wenn ich das Erbe ab­leh­ne, geht alles an Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen.“
Be­tha­ny steht mit dem Kar­tof­fel­stamp­fer in der Hand da. Ein Teil, das sie auch ge­kauft haben muss, denn ich habe so etwas noch nie be­ses­sen. Er­staunt sagt sie: „Ich muss sagen, damit hätte ich nie ge­rech­net.“
„Dann geht es also nicht nur mir so.“ Damit spie­le ich auf meine nicht mehr exis­tie­ren­de Be­zie­hung zu Brooks an, was dem Rest der Fa­mi­lie na­tür­lich nicht ent­gan­gen ist.
„Dein Dad wird sich är­gern“, sagt sie und küm­mert sich wie­der um die Kar­tof­feln.
Ich schnau­be. Mit Si­cher­heit glaubt er, dass er und Mom die Haupter­ben sind.
Him­mel, das habe ich auch ge­dacht.
Wahr­schein­lich wird er dann noch öfter an­ru­fen und schrei­ben oder sogar ver­lan­gen, dass ich ihm etwas von dem Ver­mö­gen ab­ge­be.
Ich lese wei­ter und komme an die Stel­le, an der sie mir vor­wirft, mehr als nur einen IKEA-Stuhl be­schä­digt zu haben. Ich ver­zie­he das Ge­sicht. Ich habe keine Ah­nung, was ein Hepp­lew­hi­te ist, aber die Be­schrei­bung, er sei aus dem acht­zehn­ten Jahr­hun­dert, lässt mich ver­mu­ten, dass ich wohl an mein Er­spar­tes ran­ge­hen muss. Was nicht schlimm ist, denn ich habe mein Geld gut an­ge­legt, als ich für die Ea­gles spiel­te. Und wäh­rend der Zeit bei den Bad­gers habe ich ge­nüg­sam ge­lebt, denn mein Ein­kom­men war ver­schwin­dend ge­ring im Ver­gleich zu dem in der höchs­ten Liga.
„Weißt du, was ein Hepp­lew­hi­te ist?“, frage ich Be­tha­ny.
„Ein Mö­bel­stück. Der Mann war Schrei­ner in Lon­don und hat auch noch an­de­re Sa­chen ge­macht. Das ist so etwas wie Chip­pen­da­le, nehme ich an.“
Chip­pen­da­le habe ich schon mal ge­hört. Die Sache wird mich ein Ver­mö­gen kos­ten.
„Warum fragst du?“
Seuf­zend setze ich mich auf einen Kü­chen­stuhl. „Ges­tern bin ich doch mit schlech­ter Laune nach Hause ge­kom­men, weißt du noch?“
„Klar.“ Sie grinst.
Sie grinst, weil ich ihr schnip­pisch auf etwas ge­ant­wor­tet habe und sie mir dar­auf­hin die Mei­nung geig­te. Da war eine Menge „Zeig mehr Re­spekt“ und „Lass deine Lau­nen nicht an einem Fa­mi­li­en­mit­glied aus, das zu dir steht“ und „Reiß dich am Rie­men“. Sie fal­te­te mich or­dent­lich zu­sam­men. Den Rest des Abends war ich sorg­sam dar­auf be­dacht, nett zu sein. Wir sahen uns ge­mein­sam einen Film an, bevor sie in mei­nem Schlaf­zim­mer ins Bett ging. Ich habe auf der Couch ge­schla­fen, die furcht­bar un­be­quem ist.
„Ich war so schlecht drauf, weil ich bei der An­wäl­tin war.“
Be­tha­ny hört auf zu stamp­fen, und sieht mich an.
„Das lief nicht be­son­ders gut. Ich habe so­zu­sa­gen ihr Büro ge­stürmt. Sie hatte einen Hund bei sich, der mich zer­flei­schen woll­te. Ich habe einen Stuhl um­ge­wor­fen und dem dabei ein Bein ab­ge­bro­chen ist. Und das war an­schei­nend ein Hepp­lew­hi­te.“
„Oh, wow“, haucht sie mit­füh­lend.
Mir ist nur nicht klar, ob sie für mich oder den Hepp­lew­hi­te Mit­ge­fühl hat. „Und an­geb­lich ist es einer, den sie von ihrer Ur­groß­mut­ter bekam und der seit Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ver­erbt wird.“
„Autsch.“
„Ja, ganz genau.“ Ich über­le­ge, ob ich das ir­gend­wie wie­der­gut­ma­chen kann. Aber das ist jetzt keine Prio­ri­tät. Zu­erst muss ich ent­schei­den, was ich mit Brooks’ Nach­lass ma­chen will. „Warum hat Brooks mir alles hin­ter­las­sen? Wir haben uns am Ende nicht mal na­he­ge­stan­den, aber er un­se­ren El­tern.“
„Bist du dir da so si­cher?“ Ihr Ton klingt, als ob sie etwas wüss­te, wovon ich keine Ah­nung habe.
„Da wir uns nicht na­he­ge­stan­den haben, ver­mu­te ich, dass er un­se­ren El­tern na­he­stand. Denn die haben uns ent­zweit. Sie haben ihn ver­göt­tert und als den­je­ni­gen in der Fa­mi­lie be­trach­tet, der auf dem Was­ser gehen kann.“
Be­tha­ny lässt den Stamp­fer im Topf ste­cken und setzt sich neben mich an den Tisch. „Ich weiß nicht, was deine El­tern den­ken, denn sie er­zäh­len mir nichts. Sie wis­sen, dass ich zu dir halte. Und mit Brooks habe ich über sol­che Dinge nicht ge­spro­chen. Wir hat­ten eine lus­ti­ge Tan­te-Nef­fe-Be­zie­hung. Viel­leicht hätte ich mich mehr be­mü­hen sol­len, aber ehr­lich ge­sagt reich­te es mir, für dich ein­fach nur da zu sein. Je­den­falls ver­mu­te ich, dass ihr bei­den Brü­der euch in Bezug auf eure El­tern näher wart als ent­zweit.“
„Ich ver­ste­he gar nicht, wie es über­haupt so weit ge­kom­men ist“, knur­re ich ver­är­gert. Gern würde ich meine El­tern und Brooks dafür ver­ant­wort­lich ma­chen, aber na­tür­lich habe ich auch mei­nen Teil dazu bei­ge­tra­gen. Ich hätte ihn an Weih­nach­ten auch an­ru­fen kön­nen, statt nur eine Nach­richt zu schi­cken. Viel­leicht hätte ich mich wirk­lich mehr an­stren­gen müs­sen. Dann wür­den mich jetzt, nach sei­nem Tod, nicht so schwe­re Schuld­ge­füh­le be­las­ten.
„Was hast du jetzt vor?“, fragt Be­tha­ny mit Blick auf den Brief auf dem Tisch.
Ich reibe mir übers Ge­sicht und sehe sie ge­quält an. „Ich habe keine Ah­nung. Mein Ego sagt mir, sie soll alles ver­schen­ken. Aber ich würde gern wis­sen, was für per­sön­li­che Dinge er mir hin­ter­las­sen haben soll. Al­ler­dings ist mein ers­ter Schritt, her­aus­zu­fin­den, wie man die­sen Stuhl re­pa­rie­ren kann.“
„Falls über­haupt mög­lich.“
„Ja“, knur­re ich.
„Dann re­cher­chie­re im In­ter­net.“ Sie steht auf. „Ich mache in­zwi­schen das Abend­es­sen fer­tig.“
„Erst muss ich einen Anruf ma­chen.“
Be­tha­ny summt vor sich hin, wäh­rend ich mein Handy her­vor­ho­le und eine E-Mail der An­wäl­tin öffne. Über die ver­link­te Te­le­fon­num­mer rufe ich dort an.
„Kanz­lei Har­low Als­ton, Bo­ni­ta am Ap­pa­rat. Was kann ich für Sie tun?“
Ich er­ken­ne die Stim­me der Se­kre­tä­rin. „Äh, also, Stone Dume­lin hier.“ Ich werfe einen Blick auf Be­tha­ny. Kon­zen­triert stampft sie die Kar­tof­feln, doch ich weiß, dass sie genau zu­hört.
„Oh“, sagt Bo­ni­ta über­trie­ben über­rascht. „Der Mö­bel­zer­stö­rer und po­ten­zi­el­les Hun­de­op­fer.“
Ich un­ter­drü­cke meine Rage, denn diese Re­ak­ti­on habe ich wohl ver­dient. Zwar ist sie einem Kli­en­ten ge­gen­über ab­so­lut un­an­ge­bracht, aber ich be­zwei­fe­le, dass Har­low Als­ton die Frau des­we­gen ent­las­sen würde.
„Ich möch­te einen Ter­min mit Ms. Als­ton ma­chen“, sage ich höf­lich, was mir schwer­fällt, weil alles, was mit mei­nem Bru­der zu tun hat, alte Wun­den neu auf­reißt.
„Na­tür­lich“, sagt sie fröh­lich und ich höre die Tas­ta­tur klap­pern. „Ich weiß, wie be­schäf­tigt Sie sind, Mr. Dume­lin. Am bes­ten sagen Sie mir, wann es Ihnen pas­sen würde.“
So viel Rück­sicht­nah­me habe ich nicht er­war­tet, da ich der­ar­tig frech an ihr vor­bei und ins Büro ihrer Che­fin ge­stürmt bin.
„Mor­gen habe ich ein Heim­spiel, da geht es also nicht. Frei­tag ist vor­mit­tags ein Trai­ning, also wäre Frei­tag­nach­mit­tag gut, falls sie da Zeit hat.“
„Hm.“ Noch mehr Tas­ta­tur­klap­pern. „Sie hätte um fünf­zehn Uhr Zeit, falls das passt.“
„Das passt.“
„Zie­hen Sie sich warm an.“
„Wie bitte?“ Ich blin­ze­le über­rascht.
„Es soll schnei­en und sie hat gern Spaß mit den Kli­en­ten und macht gern auf dem Bür­ger­steig Schnee-En­gel.“
Ich nehme das Handy vom Ohr und schaue ir­ri­tiert auf das Dis­play. „Schnee-En­gel?“, frage ich dann nach.
„War nur Spaß.“ Sie lacht über meine Rat­lo­sig­keit. „Aber sie möch­te mit Ihnen zur Woh­nung Ihres Bru­ders gehen, die nur ein paar Stra­ßen ent­fernt ist, so­dass man zu Fuß schnel­ler dort ist. Mit an­de­ren Wor­ten: Zie­hen Sie etwas an, womit Sie durch Schnee gehen kön­nen.“
„Äh, okay.“ Diese Frau gibt mir ein gru­se­li­ges Ge­fühl, als ob sie im nächs­ten Mo­ment noch etwas Selt­sa­me­res ver­lan­gen wird. Aber dann fällt mir etwas Wich­ti­ge­res ein. „Der Stuhl!“
„Ach ja“, sagt sie be­sorgt. „Der arme Stuhl. Das Erbe der armen Har­low wurde zer­stört.“
Ich ver­zie­he das Ge­sicht und kann nicht sagen, ob sie die­sen per­sön­li­chen Ver­lust nur über­trie­ben dar­stellt. „Ich möch­te ihn re­pa­rie­ren las­sen.“
„Wun­der­bar!“, ruft sie er­freut aus. „Dann rufe ich Mr. Hepp­lew­hi­te an … Ach nein, der ist lei­der 1768 ge­stor­ben.“
„Jetzt hören Sie mal zu, Lady …“, knur­re ich.
„Hour­glass Resto­ra­ti­on“, wirft sie da­zwi­schen.
„Hour­glass Resto­ra­ti­on“, wie­der­ho­le ich. Das muss wohl die Firma sein, die sol­che Sa­chen macht.
„Ich habe das ges­tern re­cher­chiert, nach­dem Sie ge­gan­gen waren.“
Das be­deu­tet wohl, dass sie die Re­pa­ra­tur in ihren fä­hi­gen Hän­den hat und ich mir von ihr nur die Rech­nung schi­cken las­sen muss. Mein schlech­tes Ge­wis­sen hat zwar nie zu­ge­las­sen, dass ich auf mei­nen Bru­der zu­ge­he, aber jetzt habe ich das Ge­fühl, etwas mehr tun zu müs­sen, als nur für die Re­pa­ra­tur des Hepp­lew­hi­tes zu be­zah­len.
„Dann nehme ich den Stuhl am Frei­tag mit und lasse ihn re­pa­rie­ren.“
Die Frau scheint ge­schockt, denn sie sagt nichts. Das Schwei­gen dau­ert so lange, dass ich nach­fra­ge. „Sind Sie noch da?“
„Ja. Ent­schul­di­gung, ich muss­te meine Kinn­la­de vom Boden auf­he­ben.“
Ich rolle mit den Augen. An­schei­nend habe ich ihr in­ne­res Sar­kas­mus-Mons­ter ge­weckt, das sich vor mir nicht ver­steckt. „Dann bis Frei­tag“, sage ich.
„Ich kann es kaum er­war­ten.“ Ich kann mir ihr freu­di­ges Ge­sicht vor­stel­len, wäh­rend sie mich gna­den­los auf­zieht. „Bis dahin werde ich an nichts an­de­res mehr den­ken kön­nen.“
Fast grin­se ich.
Fast.
Statt­des­sen be­en­de ich das Ge­spräch.

Har­low

Mein Blick fällt auf die Uhr am Rand mei­nes Lap­tops. Fast drei. Ich for­mu­lie­re ge­ra­de eine Be­schwer­de an einen Ver­mie­ter, der sich wei­gert, in sei­nen Apart­ments die Hei­zung zu re­pa­rie­ren. Das geht dann ans Ge­richt. Mit an­de­ren Wor­ten, der Ver­mie­ter soll sei­nen Arsch be­we­gen und den Mie­tern um­ge­hend die Woh­nun­gen hei­zen.
Drei der Mie­ter­fa­mi­li­en haben mich heute damit be­auf­tragt, und seit­dem ar­bei­te ich an die­sem Fall. Ich werde Bo­ni­ta zum Ge­richt schi­cken, um den Fall ein­zu­rei­chen und eine An­hö­rung für Mon­tag zu be­an­tra­gen. Es ist furcht­bar, dass ich bis dahin nichts tun kann, aber das Ge­richt hat an Wo­chen­en­den ge­schlos­sen.
Ich spei­che­re die An­zei­ge und schi­cke sie zu Bo­ni­ta, damit sie die nö­ti­gen Do­ku­men­te aus­druckt, die ich nach­her schnell un­ter­schrei­be, wenn ich mich mit Stone auf den Weg zu Brooks’ Apart­ment mache. Egal, ob er sich dazu ent­schei­det, die Im­mo­bi­li­en zu be­hal­ten oder nicht, wer­den diese die meis­te Ar­beit ver­ur­sa­chen, und des­halb will ich damit be­gin­nen.
Ich bücke mich und strei­che­le Odins Rü­cken, wäh­rend er ein Ni­cker­chen macht. Er streckt die Beine aus, hebt den Kopf und leckt sich leicht über die Lef­zen, was ich als Lä­cheln in­ter­pre­tie­re.
„Du wirst heute ganz brav sein und nicht Mr. Dume­lin fres­sen, okay?“
Er we­delt fröh­lich mit dem Schwanz. Ich reibe sei­nen Schen­kel und er lässt den Kopf wie­der sin­ken.
Die In­ter­kom-An­la­ge auf dem Schreib­tisch piepst und ich be­tä­ti­ge einen Knopf. Bo­ni­tas Stim­me schallt aus dem Laut­spre­cher.
„Der Drei-Uhr-Ter­min, Mr. Dume­lin, ist da.“
„Schick ihn bitte her­ein“, sage ich.
Ich er­he­be mich vom Dreh­stuhl und ziehe mei­nen Pulli mit dem Nor­we­ger­mus­ter zu­recht, den ich über der engen Jeans trage. Da es heute schnei­en soll, trage ich au­ßer­dem Lamm­fell­stie­fel.
Die Tür geht auf und Stone Dume­lin tritt ein. Bo­ni­ta fin­det ihn heiß, aber ich hatte noch keine Ge­le­gen­heit, das her­aus­zu­fin­den. Doch wenn ich ihn jetzt so an­se­he, wie er ge­las­sen her­ein­kommt, an­statt wü­tend rein­zu­stür­men, er­ken­ne ich die Ähn­lich­keit mit Brooks. Das glei­che gold­brau­ne Haar, wie von der Sonne ge­strähnt, etwas zu lang und an­schei­nend ab­sicht­lich un­or­dent­lich. Je­den­falls haben sie die glei­chen hell­brau­nen Augen und die Nei­gung, sich nicht täg­lich zu ra­sie­ren. Auf sei­nem Ge­sicht be­fin­det sich ein Drei­ta­ge­bart, der ihm ver­dammt gut steht, was aber wahr­schein­lich keine Ab­sicht ist. Er wirkt nicht wie ein eit­ler Mann. Ihn um­gibt eine raue, mas­ku­li­ne Aura. Doch wäh­rend Brooks stets ein Leuch­ten in den Augen hatte, wir­ken seine eher leer.
Ich gehe um den Schreib­tisch herum und rei­che ihm die Hand. „Ich freue mich, dass Sie wie­der­ge­kom­men sind.“
Wir schüt­teln uns die Hände und sein Blick glei­tet nach links. Odin hat sich er­ho­ben und starrt ihn an. Er knurrt nicht, aber seine Ohren sind zu­rück­ge­legt und er strahlt eine leich­te Feind­se­lig­keit aus.
„Er tut Ihnen nichts.“ Mein Ver­such, ihn zu be­ru­hi­gen, be­ant­wor­tet Stone mit einem skep­ti­schen Blick.
Ver­dammt. Aus der Nähe be­trach­tet, hat er wirk­lich schö­ne Augen. Hel­ler als die von Brooks, und seine Wim­pern sind viel dich­ter.
„Set­zen Sie sich.“ Ich deute auf die zwei Stüh­le, die Bo­ni­ta aus dem Kon­fe­renz­raum ge­holt hat. Ich weiß nicht, was sie mit dem Hepp­lew­hi­te ge­macht hat, aber sie sagte, dass sie die beste Werk­statt zur Re­pa­ra­tur su­chen wird.
Stone wirft einen Blick auf die Stüh­le und sieht mich dann ent­schul­di­gend an. „Ich woll­te Ihren Stuhl nicht ka­putt ma­chen. Ich habe mit Ihrer Se­kre­tä­rin be­spro­chen, dass ich ihn heute mit­neh­men werde. Ich habe schon eine gute Schrei­ne­rei zur Re­stau­ra­ti­on ge­fun­den.“
Über­rascht blin­ze­le ich. Bo­ni­ta hat kein Wort davon er­wähnt, und es ist weit mehr, als ich von ihm er­war­tet hätte. Ehr­lich ge­sagt habe ich nicht ein­mal eine Ent­schul­di­gung er­war­tet. Zwar glau­be ich nicht, dass Stone ge­ne­rell ein Arsch ist, aber was auch immer sein Trau­ma ist, er geht sehr schlecht damit um. Ich ent­schei­de mich, gnä­dig zu sein.
„Vie­len Dank“, ant­wor­te ich und setze mich wie­der hin­ter mei­nen Schreib­tisch. Odin legt sich neben mich und be­hält Stone im Auge. Noch nie hat er sich so be­nom­men. Das kann nur damit zu tun haben, dass er sich Sto­nes ag­gres­si­ves Ver­hal­ten ge­merkt hat.
Stone setzt sich auf einen Stuhl und schaut Odin mit Vor­sicht an.
Be­reit, das Mee­ting zu be­gin­nen, rei­che ich ihm die vor­be­rei­te­ten Pa­pie­re, be­ste­hend aus dem ge­sam­ten Erbe, dem Tes­ta­ment und der Liste aller Im­mo­bi­li­en. Stone beugt sich vor und nimmt sie ent­ge­gen.
„Am bes­ten gehen wir ge­mein­sam alles durch und ich er­klä­re es dabei.“ Ich grei­fe nach mei­nen Ko­pi­en der Pa­pie­re, um die Be­am­ten­spra­che in nor­mal ver­ständ­li­che zu über­set­zen.
„Bitte nicht“, sagt Stone und legt die Pa­pie­re auf sei­nen Schoß. „Kön­nen Sie mir nicht ein­fach eine kurze Zu­sam­men­fas­sung geben?“
„Äh, okay“, er­wi­de­re ich un­si­cher. Ei­gent­lich kann es mir egal sein, ob er alles ver­steht. Er ist nicht mein Kli­ent. Das war nicht ein­mal Brooks. Ich bin nur eine Treu­hän­de­rin und als sol­che muss ich nichts in­ter­pre­tie­ren oder raten. Also fasse ich es für ihn zu­sam­men. „Ihr Bru­der hat alles in einen Treu­hand­fonds ge­ge­ben, damit kein Nach­lass­ver­wal­ter ge­richt­lich be­stimmt wer­den muss. Der be­inhal­tet nicht nur Im­mo­bi­li­en, son­dern auch Le­bens­ver­si­che­run­gen, Kon­ten und Spar­kon­ten sowie seine Ren­ten­ver­si­che­rung. Der Ge­samt­wert, in­klu­si­ve des Markt­wer­tes sei­ner Im­mo­bi­li­en, be­trägt fast zwölf Mil­lio­nen Dol­lar. Er hat Sie zum Haupter­ben er­nannt und Ihre El­tern im Tes­ta­ment se­pa­rat be­dacht.“
„Und womit?“, fragt er nach.
„Er möch­te, dass sie ein­ma­lig 500.000 Dol­lar zur frei­en Ver­fü­gung be­kom­men und jedes Jahr an ihren Ge­burts­ta­gen 1000 Dol­lar bis zu ihrem Tod. Der Rest des Ver­mö­gens geht an Sie. Es sind mehr als genug flüs­si­ge Mit­tel vor­han­den, um diese Über­wei­sung zu tä­ti­gen, so­bald das Geld auf Ihrem Konto ist.“
Stone run­zelt die Stirn und legt einen Ell­bo­gen auf die Arm­leh­ne des Stuhls. Nach­denk­lich reibt er sich das Kinn und blickt zum Fens­ter. Dann sieht er mich an. „Bei sei­nem gro­ßen Ver­mö­gen be­kom­men meine El­tern nicht viel. Es klingt über­haupt nicht nach Brooks, sie der­ma­ßen außen vor zu las­sen.“
„Bei allem Re­spekt“, sage ich sanft, „aber doch, das klingt genau nach Ihrem Bru­der.“
Stone zieht die Au­gen­brau­en zu­sam­men. „Bei allem Re­spekt, woher wol­len Sie das wis­sen? Sie sind doch nur seine An­wäl­tin.“
„Ich bin nicht seine An­wäl­tin.“ Ich lege ein Bein über das an­de­re und strei­che­le Odins Hals neben mir. „Er hat mich nur um den per­sön­li­chen Ge­fal­len ge­be­ten, seine Treu­hän­de­rin zu sein. Meine Auf­ga­be ist nur, alles zu re­geln.“
„Das ist genau das, was ein An­walt tut.“
„Ja, man­che. Aber in die­sem Fall hat Brooks mich au­ßer­halb mei­ner Ei­gen­schaft als An­wäl­tin darum ge­be­ten. Dafür muss man kein An­walt sein. Ehr­lich ge­sagt ist das Ganze eine Menge un­an­ge­neh­me Ar­beit, be­son­ders, wenn man es mit ge­ris­se­nen An­ge­hö­ri­gen zu tun be­kommt. Aber ich hätte ihm den Ge­fal­len nie ab­ge­schla­gen.“
Eine Welle der Trau­er über­rollt mich. Ich habe Brooks ge­liebt, er war einer mei­ner bes­ten Freun­de, und nie hätte ich diese Auf­ga­be ab­ge­lehnt, auch wenn er nicht den Mut ge­fun­den hat, mich zu Leb­zei­ten darum zu bit­ten.
„Im Klar­text be­deu­tet das also, mein Bru­der hat mir alles hin­ter­las­sen, mit Aus­nah­me von 500.000 Dol­lar und einem jähr­li­chen Be­trag zum Ge­burts­tag für meine El­tern.“
„Kor­rekt.“
„Sie haben ge­schrie­ben, dass er mir noch etwas Per­sön­li­ches hin­ter­las­sen hat, das Sie mir geben sol­len.“ Das klingt be­sorgt, als ob es sich dabei um eine gif­ti­ge Schlan­ge han­deln könn­te.
Ich nicke. „Am bes­ten gehen wir in seine Woh­nung, wo sich seine per­sön­li­chen Sa­chen be­fin­den. Ich muss Ihnen das Ob­jekt auch zei­gen, damit Sie ent­schei­den kön­nen, ob Sie dort woh­nen oder es ver­kau­fen möch­ten.“
„Ich will dort nicht woh­nen.“
Seine Ab­leh­nung kommt zu schnell, als dass man sie ernst neh­men könn­te, aber ich fange keine Dis­kus­si­on an. Er soll seine ei­ge­nen Ent­schei­dun­gen tref­fen. Ab jetzt habe ich Brooks’ Wunsch ziem­lich kom­plett er­füllt. Bes­ser ge­sagt, so­bald wir in sei­ner Woh­nung sind. Was Stone dann damit macht, ist seine Sache.
„Be­reit für einen Spa­zier­gang?“ Ich er­he­be mich. „Die Woh­nung ist un­ge­fähr drei Blocks von hier ent­fernt.“
Stone nickt und steht auf. „Bo­ni­ta hat mir ge­sagt, dass wir dort­hin lau­fen wer­den.“
„Ich gehe gern durch den Schnee. Genau wie Odin.“
Ich nehme das Hals­band und die Leine vom Haken an der Wand, und Odin tanzt er­freut um mich herum, da er weiß, dass ein Spa­zier­gang naht.
„Was ist das für eine Hun­de­ras­se?“, fragt Stone mür­risch.
Er hat Odins Ver­ach­tung für ihn noch nicht ver­ges­sen.
„Ein Ber­ner Sen­nen­hund. Wir hat­ten immer sol­che in der Fa­mi­lie, und Odin ist der erste, der mir al­lein ge­hört. Er ist drei Jahre alt.“ Ich lege Odin das Hals­band um und knip­se die Leine an, drehe mich zu Stone um und halte mei­nen Hund di­rekt neben mir.
„Sind die alle so bös­ar­tig?“ Stone blickt Odin skep­tisch an.
„Er ist ganz und gar nicht bös­ar­tig und die Rasse all­ge­mein nicht. Er ist ein lie­be­vol­ler Riese.“
„Mit gro­ßen Reiß­zäh­nen und tie­fem Knur­ren.“
„Nur Dumm­köp­fen ge­gen­über, die ein­fach in sein Reich ein­drin­gen.“
Ich be­kom­me ein ab­wei­sen­des Schnau­ben zu hören. Stone tritt zu­rück und über­lässt mir den Vor­tritt aus dem Büro. Eine klare Bot­schaft, den Hund nicht im Rü­cken haben zu wol­len, da er weder mir noch Odin traut. Das ist ver­ständ­lich.
Am Emp­fang halte ich bei Bo­ni­ta an, um die Ge­richts­pa­pie­re gegen den Ver­mie­ter zu un­ter­schrei­ben. Ge­hor­sam setzt sich Odin so lange neben mich. Dann schie­be ich Bo­ni­ta die Pa­pie­re zu und sie reicht mir die Schlüs­sel zu Brooks’ Apart­ment. Wir haben sie in un­se­rem klei­nen ein­ge­bau­ten Tre­sor hin­ter Bo­ni­ta auf­be­wahrt.
Stone hat seine Jacke erst gar nicht ab­ge­legt. Ich ziehe mei­nen di­cken Parka an und Hand­schu­he.
Drau­ßen geht Odin auf meine linke Seite und Stone auf meine rech­te. Der Schnee­fall hat sich ver­rin­gert, kommt aber immer noch her­un­ter und der Bür­ger­steig ist kom­plett be­deckt. Es geht kaum Wind und der Him­mel ist grau be­wölkt. Wie von einem Ge­birgs­hund zu er­war­ten, ist Odin voll in sei­nem Ele­ment. Würde ich ihn las­sen, würde er stun­den­lang drau­ßen im Schnee lie­gen blei­ben. Brav läuft er neben mir her und streift mit der Nase durch den Schnee am Boden. Ab und zu stoppt er, um an einen Müll­ei­mer zu pin­keln, aber wir hal­ten ein gutes Tempo ein, wäh­rend wir uns in west­li­che Rich­tung von mei­nem Büro ent­fer­nen.
„Das ist eine nette Ge­gend von Pitts­burgh“, sagt Stone spon­tan.
„Das ist Al­leg­he­ny West.“ Wir gehen wei­ter. Es sind nicht viele Men­schen zu Fuß un­ter­wegs, aber der Ver­kehr ist recht hef­tig. „Ende des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts war dies die Haupt­w­ohn­ge­gend der rei­chen Elite. Zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen ver­wahr­los­te sie ziem­lich, aber vor fünf­zig Jah­ren be­gann man mit einem rie­si­gen Re­stau­ra­ti­ons­pro­jekt. Ich liebe die vik­to­ria­ni­sche Ar­chi­tek­tur.“
Stone ant­wor­tet nichts und schwei­gend brin­gen wir drei Blocks hin­ter uns und dann noch einen hal­ben bis zu Brooks’ Apart­ment.
„Das sieht mo­dern aus“, sagt Stone und be­trach­tet das Ge­bäu­de.
„Ja, de­fi­ni­tiv nicht vik­to­ria­nisch. Es ist ein aus­ge­bau­tes La­ger­haus.“ Ich warte, bis er sich das rote Back­stein­ge­bäu­de mit den schwar­zen Rah­men um die Fens­ter an­ge­se­hen hat. „Ein klei­ne­res La­ger­haus, das zu fünf Lu­xus­ei­gen­tums­woh­nun­gen um­ge­baut wurde. Eben­er­dig sind Dop­pel­ga­ra­gen für jede Woh­nung und in den bei­den an­de­ren Stock­wer­ken be­fin­den sich die Apart­ments. Alle haben einen Bal­kon vor dem Wohn­zim­mer. Wenn man sich mit den Nach­barn gut ver­steht, ist es schön, drau­ßen zu sit­zen und mor­gens einen Kaf­fee zu trin­ken oder abends einen Cock­tail. Es ge­hört auch eine Ter­ras­se oben auf dem Dach zu der Woh­nung. Auf die­ser Seite des Hau­ses sind drei Woh­nun­gen und zwei grö­ße­re auf der an­de­ren Seite.“ Ich führe Stone in die Lobby, die nichts wei­ter ist als ein Ein­gangs­be­reich mit Par­kett­bo­den und den Brief­käs­ten. Eine Trep­pe führt zu den Woh­nun­gen hoch und es gibt einen eben­falls mo­der­ni­sier­ten Las­ten­auf­zug.
„Der Woh­nungs­schlüs­sel ist gleich­zei­tig auch der für den Haupt­ein­gang“, er­klä­re ich Stone.
Ich gehe zur Trep­pe und Odin läuft neben mir her.
„Sie neh­men den Hund ein­fach mit in Brooks’ Woh­nung?“
„Odin war schon oft hier und Ihr Bru­der hatte kein Pro­blem damit.“
„Aber ich viel­leicht.“
„Okay.“ Ich zucke mit den Schul­tern. Ich muss nicht mit ihm hin­ein­ge­hen, daher werfe ich ihm die Schlüs­sel zu. „Woh­nung vier. Der Code für die Alarm­an­la­ge ist 3985.“
Stone fängt die Schlüs­sel auf und sieht sie an. „Klar, dass er diese Zahl ge­nom­men hat.“
„Wie bitte?“
Er sieht auf und sein Blick ist auf­ge­wühlt. „Das ist die Haus­num­mer un­se­res El­tern­hau­ses in It­ha­ca. 3985 Banks Street.“
Ich nicke. „Stimmt. Das war mir gar nicht auf­ge­fal­len.“
„Sie wis­sen, wo wir auf­ge­wach­sen sind?“
Lä­chelnd lehne ich mich an die Wand. Odin sitzt ge­dul­dig neben mir. „Ich war dort nach der Be­er­di­gung.“
Stone fal­len fast die Augen aus dem Kopf. „Sie waren dabei?“
„Ja, und da­nach war ich mit bei Ihren El­tern, um zu kon­do­lie­ren.“
„Ich habe Sie gar nicht ge­se­hen.“ Sein Ton ist über­trie­ben scharf.
„Ich glau­be, an dem Tag haben Sie nicht viel ge­se­hen. Es war für alle schwer, aber am schwers­ten für Sie und Ihre El­tern. Ich habe nicht er­war­tet, dass Sie sich an mich er­in­nern.“
Un­se­re Bli­cke tref­fen sich, aber ich kann sei­nen Aus­druck nicht lesen. Seine Hal­tung ist steif, und wenn ich seine Aus­strah­lung er­ra­ten soll­te, würde ich sagen, wü­tend. Doch er sagt nichts und geht an mir und Odin vor­bei nach oben.
„Brin­gen Sie mir die Schlüs­sel wie­der ins Büro“, rufe ich ihm nach, aber er ant­wor­tet nicht.

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