Außergewöhnliche Helden: Fraud: Der Weg zurück zur Liebe

Ori­gi­nal­ti­tel: Fraud (Unfit Hero Book 3)
Über­set­zer: J.M. Meyer

Er­schie­nen: 02/2023
Serie: Au­ßer­ge­wöhn­li­che Hel­den
Teil der Serie: 3

Genre: Con­tem­pora­ry Ro­mance
Zu­sätz­lich: Rock­star Ro­mance, Se­cond Chan­ce

Lo­ca­ti­on: USA, Texas


Er­hält­lich als:
pa­per­back & ebook

ISBN:
Print: 978-3-86495-588-4
ebook: 978-3-86495-589-1

Preis:
Print: 16,90 €[D]
ebook: 6,99 €[D]

Er­hält­lich bei u.a.:

und allen gän­gi­gen On­line­händ­lern und im Buch­han­del

Außergewöhnliche Helden: Fraud: Der Weg zurück zur Liebe


In­halts­an­ga­be

Beau­mont:

Sucht­krank. Trin­ker. Ego­is­tisch. Be­gna­de­tes Mu­sik­ta­lent.
Titel de­fi­nie­ren mich.
Titel füh­ren die Men­schen zu mir. Gut, schlecht und häss­lich.
Über Titel habe ich mir noch nie Ge­dan­ken ge­macht, denn sie waren schon immer ein Teil von mir.

Hut­ton:

Fri­gi­de. In­tro­ver­tiert. Ein­zel­gän­ger. Bü­cher­wurm.
Titel, die mir von an­de­ren ge­ge­ben wur­den. Titel mit Durch­hal­te­ver­mö­gen, die an mir haf­ten.
Sie waren schon immer da, in mei­nem Hin­ter­kopf, haben mich an­ge­schrien – und mich un­glück­lich ge­macht.

Titel be­schrei­ben uns der Au­ßen­welt.
Ich bin un­sicht­bar.
Sie glau­ben, mich zu ken­nen.

Neun Jahre ist es her, dass Beau­mont seine Freun­din Hut­ton sei­ner Mu­sik­kar­rie­re op­fer­te. Wäh­rend Beau­mont in jeder Hin­sicht das wilde Leben eines Rock­stars führ­te, konn­te Hut­ton nie ihren Herz­schmerz über­win­den.
Doch nun ist Beau­mont nach der Zeit in der Reha zu­rück in der Hei­mat und hat sein Leben in den Griff be­kom­men. In all den Jah­ren hat er Hut­ton trotz sei­ner Ex­zes­se und Af­fä­ren nie ganz ver­ges­sen. Als die bei­den wie­der auf­ein­an­der­tref­fen keh­ren alle alten Emp­fin­dun­gen und Lei­den­schaf­ten macht­voll zu­rück.
Sind Beau­monts Ge­füh­le für Hut­ton tat­säch­lich von Dauer, oder wird er wie­der in sei­nen wil­den Rock­star-Le­bens­stil ab­rut­schen?

Ein Rock­star-Se­cond Chan­ce-Lie­bes­ro­man.

Über die Au­to­rin

Als Ein­zel­kind muss­te Hay­ley Fai­man sich mit sich selbst be­schäf­ti­gen. Im Alter von sechs Jah­ren be­gann sie, Ge­schich­ten zu schrei­ben, und hörte nie wirk­lich damit auf. Die ge­bür­ti­ge Ka­li­for­nie­rin lern­te ihren heu­ti­gen Ehe­mann im Alter von sech­zehn Jah­ren ken­nen und hei­ra­te­te...

Wei­te­re Teile der Au­ßer­ge­wöhn­li­che Hel­den Serie

Le­se­pro­be

Beau­mont

„Wo sind die Mä­dels?“, frage ich und bli­cke zwi­schen Louis, Rylan, Ford und Wyatt hin und her.
Rylan schaut grin­send auf seine dre­cki­gen Ar­beits­stie­fel, Wyatt spricht. „Sie haben ihre Ex­tra­ti­ckets gegen ein kos­ten­lo­ses Haar­sty­ling ein­ge­tauscht. Sie brin­gen ein paar Freun­din­nen mit“, er­klärt er.
„Doch nicht etwa diese ver­rück­te Scheiß­cou­si­ne von Exe­ter?“
Wyatt schnaubt und schüt­telt den Kopf. „Du hast ver­dammt viel ver­passt, Alter. Sie und Robby daten ein­an­der“, er­klärt er mir.
Meine Augen wei­ten sich bei der Er­wäh­nung von She­riff Robby. Er ist der Bru­der jener Frau, die mich ver­dammt noch mal rui­niert...

...​und mein In­ne­res ver­saut hat. Sie hat mir jede Chan­ce ge­nom­men, eine gute Frau zu fin­den und zu be­hal­ten.
Nein, das ist nicht wahr.
Ich hatte einst eine gute Frau ge­fun­den, doch ich konn­te sie nicht be­hal­ten. Ich habe ihr oder mir selbst ein­fach nicht genug ver­traut, um es ernst­haft mit ihr zu ver­su­chen. Ich zeige keine Re­ak­ti­on auf die Nach­richt, dass Robby und Emily mit­ein­an­der aus­ge­hen. Ich weiß nicht genug über die bei­den, um einen Kom­men­tar dazu ab­zu­ge­ben, aber ver­dammt, für mich klingt es wie eine ver­fluch­te Ka­ta­stro­phe.
„Er­staun­li­cher­wei­se pas­sen sie wirk­lich gut zu­sam­men“, meint Wyatt.
Ich nicke und schaue auf meine ei­ge­nen Stie­fel hin­un­ter. Ich habe mich ge­wei­gert, mich für diese Show auf­zu­mot­zen, mich für die ganze Tour­nee zu sty­len. Doch im Mo­ment frage ich mich, ob das eine gute Idee ge­we­sen ist oder eher we­ni­ger. Nor­ma­ler­wei­se steht mir eine ganze Gar­de­ro­be zur Ver­fü­gung, aus der ich meine Out­fits aus­wäh­len kann und die ich wäh­rend der gan­zen Tour­nee trage, so­dass jede Show zu mei­nem Stil passt.
Mein Stil.
Was für ein Witz.
Nicht mein Stil, son­dern der Stil des La­bels.
Heute Abend trage ich meine schmut­zi­gen Stie­fel und eine nor­ma­le All­tags­jeans, die ein paar Lö­cher hat. Dazu habe ich mir ein sau­be­res ma­ri­neblau­es Shirt mit V-Aus­schnitt aus­ge­sucht. Nach dem Du­schen bin ich mir mit den Fin­gern durch die nas­sen Haare ge­fah­ren. Ich brau­che immer noch einen ver­damm­ten Haar­schnitt, aber das hat mo­men­tan nicht wirk­lich Prio­ri­tät für mich.
„Ist das dein Look für die neue Show?“, fragt Louis und deu­tet mit dem Kinn auf meine Kla­mot­ten.
Er hat von die­sem Scheiß mehr Ah­nung als der Rest der Jungs, da er den glei­chen Mist durch­ma­chen muss, wenn er Ra­dio­sen­der be­sucht, In­ter­views gibt und vor und nach sei­nen Kämp­fen im Schein­wer­fer­licht steht.
„Ich habe für mich ent­schie­den, dass das hier der beste Apell im Kampf gegen die Al­ko­hol­sucht ist“, grun­ze ich.
„Du hät­test we­nigs­tens dei­nen ver­damm­ten Bart käm­men kön­nen“, bringt er es auf den Punkt.
Ich zucke mit den Schul­tern, denn ich sche­re mich einen Dreck um mei­nen Bart oder ir­gend­et­was an­de­res. Ich bin schon ver­dammt glück­lich, wenn ich das Set über­haupt be­en­den kann. Ich habe auch einen neuen Song parat, den ich letz­te Woche ge­schrie­ben habe, und aus ir­gend­ei­nem dum­men Grund werde ich ihn heute Abend spie­len. Live und per Strea­m­ing, vor Tau­sen­den von Leu­ten, die von zu Hause aus zu­se­hen.
Rylan lacht und ich drehe mich zu ihm um. „Die Mä­dels kom­men ge­ra­de an. Ihre Freun­din­nen wis­sen nicht, wer das Kon­zert spielt. Sie war­ten in der Bar auf uns“, sagt er und wen­det sich Wyatt zu.
„Sehen wir uns da­nach?“, fragt Ford.
Er ist die ganze Zeit über ziem­lich still ge­we­sen. Selbst als ich mich neu­lich mit den an­de­ren zum Abend­es­sen ge­trof­fen habe, hat Ford kaum ein Wort ge­sagt. Zu­ge­ge­ben, er ist kein Typ, der viel spricht, aber es fühl­te sich den­noch für mich so an, als wäre er be­wusst still ge­blie­ben.
„Ford“, halte ich ihn zu­rück, als er sich zum Gehen ab­wen­det. Er bleibt ste­hen und schaut über seine Schul­ter. „Kann ich kurz mit dir reden?“
Ford hebt sein Kinn, dann dreht er sich zu mir um. Ich warte, bis die an­de­ren Jungs ge­gan­gen und wir al­lein sind. Er ver­schränkt die Arme vor der Brust. Ich atme tief ein.
„Alles klar zwi­schen uns?“, will ich wis­sen.
Ich re­gis­trie­re, wie er sei­nen Kopf zur Seite neigt und sei­nen Blick über mein Ge­sicht wan­dern lässt, wäh­rend er über meine Frage nach­zu­den­ken scheint. Ich kann prak­tisch hören, wie die Müh­len in sei­nem Kopf mah­len, bevor er ein­mal sei­nen Kopf schüt­telt.
„Ich bin sauer auf dich, Beau“, sagt er. Ni­ckend schlie­ße ich lang­sam meine Augen. „Aber nicht aus den Grün­den, an die du denkst.“
Ich öffne die Augen und kräu­se­le die Stirn. „Warum bist du dann sauer?“
„Du hast den gan­zen Scheiß vor uns ver­heim­licht. Wir sind deine Fa­mi­lie“, ge­steht er mir mür­risch.
Ich blin­ze­le. Er hat nicht Un­recht. Ich habe ihnen etwas vor­ge­macht. „Es stimmt, das habe ich getan“, be­stä­ti­ge ich ihm und bin ver­dammt ver­wirrt dar­über, dass er so an­ge­pisst ist.
„Eine Fa­mi­lie ist für­ein­an­der da, Beau­mont. Wir hät­ten dir hel­fen kön­nen“, sagt er.
Meine Lip­pen zu­cken. Ich grei­fe nach vorne, lege meine Fin­ger auf seine Schul­ter und drü­cke ein­mal zu, bevor ich ihn schüt­te­le.
„Nie­mand hätte mir hel­fen kön­nen, Ford. Nicht, bevor ich be­reit war, mir selbst zu hel­fen.“
„Das zählt nicht. Wir hät­ten davon wis­sen müs­sen“, bellt er.
„Es tut mir leid. Ich war nicht gut drauf. Das war ich schon lange nicht mehr.“
„Wegen Chel­le?“, hakt er nach.
Kopf­schüt­telnd fahre ich mir mit den Fin­gern durch die Haare. Ich möch­te ihm sagen, dass es nicht wegen ihr ist, doch sie ist un­ter­schwel­lig der Grund für das, was die Hälf­te mei­nes Le­bens lang falsch und rich­tig ge­lau­fen ist.
Wenn sie mich nicht sit­zen­ge­las­sen hätte, hätte ich mich nicht so auf meine Kar­rie­re kon­zen­triert, wie ich es getan habe, und wäre wahr­schein­lich nie ent­deckt wor­den. An­de­rer­seits hätte ich jetzt viel­leicht eine an­stän­di­ge Frau ge­fun­den, mit der ich glück­lich in einem klei­nen Haus in der Stadt zu­sam­men­le­ben würde. Genau wie Wyatt und Rylan es mit ihren Ehe­frau­en tun. Wer zum Teu­fel weiß das schon?
„Sie ist nicht der Grund dafür, dass ich mit dem Trin­ken an­ge­fan­gen habe. Nein. Es ist ein Zu­sam­men­spiel von vie­len Fak­to­ren ge­we­sen. So blöd es auch klingt, aber es be­ginnt mit mei­ner Mut­ter. Das mit Chel­le ist mitt­ler­wei­le ein Jahr­zehnt her und ich soll­te längst über die Schei­ße hin­weg sein.“
„Es ist doch viel län­ger her, dass deine Mom ver­schwun­den ist. Bist du wirk­lich über Chel­le hin­weg? Denn über deine Mut­ter bist du es ganz si­cher nicht“, hakt er nach.
Ich lege meine Hand in mei­nen Na­cken und mas­sie­re mir selbst sanft die Ver­span­nun­gen weg, die sich ge­bil­det haben. „Ich bin über Chel­le hin­weg. Wenn sie in die­sen Raum hin­ein­spa­ziert käme, würde ich sie nicht zu­rück­ha­ben wol­len. Doch ich bin nicht über das hin­weg, was sie mir an­ge­tan hat. Was mir beide Frau­en an­ge­tan haben. Ich ar­bei­te mich durch die Sache durch und ich werde es schaf­fen.“
„Gut.“ Er nickt.
„Was ist mit dir, Ford? Wie geht es dir?“
„Womit?“, will er wis­sen.
Meine Lip­pen ver­zie­hen sich zu einem klei­nen Lä­cheln. „Es ist ein Jahr­zehnt her, dass du die be­rüch­tig­te Ster­ling LaRue das letz­te Mal ge­se­hen hast“, er­wi­de­re ich.
Er run­zelt die Stirn. „Wir spre­chen hier nicht über mich.“
Ich schnau­be. „Dann soll­ten wir das drin­gend tun.“
„Wir sehen uns drau­ßen, Arsch­loch.“
La­chend sehe ich ihm hin­ter­her, als er geht. Er zeigt mir den Mit­tel­fin­ger, bevor er um die Ecke biegt. Ich schei­ne sei­nen wun­den Punkt ge­trof­fen zu haben. Genau wie Chel­le mei­ner, Sammi Wyatts und schein­bar Tulip Louis´ ist.
Viel­leicht sind wir alle ver­dammt noch mal ver­lo­ren in die­ser Welt und ver­su­chen, über die schmer­zen­den Wun­den un­se­rer Ver­gan­gen­heit hin­weg­zu­kom­men.
Wenn Wyatt ver­ge­ben ist und wei­ter­ma­chen kann, dann gibt es viel­leicht auch für den Rest von uns noch Hoff­nung? Oder viel­leicht ist nur er einer der Glück­li­chen.
Ich habe keine Ah­nung.

Hut­ton

„Du brauchst etwas Mut in flüs­si­ger Form“, ruft Lau­rie über die laute Musik hin­weg.
Die Ge­heim­band hat noch nicht zu spie­len an­ge­fan­gen, den­noch wird der Raum be­reits mit lau­ter Rock­mu­sik ge­flu­tet. Leute tan­zen, trin­ken und schrei­en herum. Über­all sind Brüs­te, Är­sche und viele Kör­per. Die­ser Ort hier macht mich ex­trem ner­vös.
„Nein, danke“, sage ich und rümp­fe die Nase.
Chan­ning blickt zu mir, dann zu Lau­rie und letzt­lich wie­der zu mir. „Trinkst du kei­nen Al­ko­hol?“, will sie wis­sen, führt ihr Was­ser an die Lip­pen und nimmt einen gro­ßen Schluck.
Ich schüt­te­le den Kopf. „Nein. Meine El­tern haben viel ge­trun­ken.“
Sie nickt und sieht mich mit­füh­lend an. „Ich habe Freun­de, die das Glei­che durch­ge­macht haben“, lässt sie mich wis­sen, wobei ihr Blick von mir zu Exe­ter und dann wie­der zu mir huscht. Für einen Mo­ment senke ich den Blick, dann sehe ich wie­der auf.
„Meine Groß­el­tern haben mich größ­ten­teils groß­ge­zo­gen. So gut sie es eben konn­ten“, teile ich ihr mit.
Sie lä­chelt. „Des­halb be­suchst du dei­nen Opa auch so oft?“
Schon bei der Er­wäh­nung mei­nes Groß­va­ters ver­zie­hen sich meine Lip­pen zu einem klei­nen Lä­cheln. Ich nicke. „Er ist einer mei­ner bes­ten Freun­de. Ich be­su­che ihn gerne und küm­me­re mich um alles, was eben er­le­digt wer­den muss. Im Gro­ßen und Gan­zen kann er recht gut al­lein leben, doch er braucht ein wenig Un­ter­stüt­zung beim Put­zen und ist ein­sam.“
„Das ist süß“, sagt sie und ich spüre, dass sie es ernst meint.
Ich er­zäh­le ihr nicht, dass auch hin und wie­der meine Cou­sins und Cou­si­nen bei ihm vor­bei­schau­en, aber kei­ner von ihnen je einen Besen oder eine Kehrschau­fel in die Hand neh­men würde. Le­dig­lich einer der Jungs mäht ein­mal im Monat sei­nen Rasen.
„Exe­ters Groß­mut­ter ist vor kur­zem in eine be­treu­te Wohn­ein­heit ge­zo­gen. Sie hat dort eine Menge Spaß“, ent­geg­net sie.
Das Ge­spräch kommt zum Er­lie­gen, als Rylan auf­taucht. Seine Hand legt sich auf Chan­nings Tail­le und seine Lip­pen be­rüh­ren ihren Na­cken. Da die Geste intim ist, wende ich den Blick ab. Ich fühle mich ir­gend­wie un­wohl, sie dabei zu be­ob­ach­ten.
„Kannst du dich von neu­lich noch an Hut­ton er­in­nern?“, fragt sie ihn.
Ich schaue die bei­den wie­der an und lä­che­le, als sich Rylans Lip­pen zu einem Grin­sen ver­zie­hen. „Ja, ich er­in­ne­re mich. Bist du be­reit für die Show?“, will er von mir wis­sen. Seine brau­nen Augen fun­keln bei­na­he.
Ich schüt­te­le den Kopf. „Ich wäre fast nicht her­ge­kom­men“, ge­ste­he ich ihm.
Er run­zelt die Stirn, dann blickt er zu Chan­ning herab. Ich sehe, wie sie ihm etwas zu­flüs­tert. Ver­mut­lich er­zählt sie ihm brüh­warm von mei­nem Klei­dungs­de­ba­kel. Als ich mei­nen Blick von dem Paar ab­wen­de, ent­de­cke ich Exe­ter und Lau­rie, die sich mit Wyatt und zwei an­de­ren Män­nern un­ter­hal­ten. Einen davon er­ken­ne ich als Ford Mat­t­hews. Mein Ge­sicht wird heiß.
Fords Blick fin­det den mei­nen. Er scheint mich eben­falls wie­der­zu­er­ken­nen, denn seine Lip­pen ver­zie­hen sich zu einem Lä­cheln.
O Gott, wie pein­lich.
Als ich ihm den Rü­cken zu­keh­re, be­mer­ke ich, wie Chan­ning und Rylan Ford und mich an­se­hen und ihre Bli­cke zwi­schen uns hin- und her­huschen. Bis ich Fords An­we­sen­heit neben mir spüre. Er legt seine Hand an mei­nen un­te­ren Rü­cken. Ich drehe mich leicht und neige mei­nen Kopf, um zu ihm auf­se­hen zu kön­nen.
„Hey, Ford“, be­grü­ße ich ihn mit einem fal­schen Lä­cheln.
Er grinst, und sein Grin­sen scheint echt zu sein. „Hey, Hut­ton, wie geht es dir, Süße?“, fragt er.
Chan­ning räus­pert sich, dann ver­neh­me ich Rylans tiefe Stim­me, die etwas im Hin­ter­grund mur­melt, wäh­rend ich wei­ter zu Ford auf­schaue.
„Mir geht es gut, und dir?“ Ich gebe alles, damit mein Ge­sicht nicht feu­er­rot wird, aber ich weiß be­reits, dass es das längst ist.
„Auch gut. Bist du mit Chan­ning und Exe­ter hier?“, will er wis­sen, wobei sein Lä­cheln er­blasst und er leicht das Ge­sicht ver­zieht.
Ich nicke und möch­te ihn nach dem Warum fra­gen, doch die Laut­spre­cher­an­sa­ge un­ter­bricht mich in dem Vor­ha­ben. Ich bin der Per­son, die auf die Bühne tritt und über das be­vor­ste­hen­de Kon­zert zu spre­chen be­ginnt, dank­bar. Ich kann seine Worte nicht wirk­lich ver­ste­hen, denn sie klin­gen wie ein Hau­fen Rau­schen.
Ehr­lich ge­sagt bin ich ge­ra­de voll­ends damit be­schäf­tigt, nicht vor Ver­le­gen­heit zu ster­ben. Vor sechs Jah­ren bin ich Ford in einem Tanz­lo­kal mit Lau­rie be­geg­net. Sie zwang mich dazu, an ihrem Ge­burts­tag mit ihr aus­zu­ge­hen. Zum Glück war es ihr letz­ter Ver­such, eine nor­ma­le Freun­din aus mir zu ma­chen.
Wir hat­ten viel Spaß, bis zum Auf­tritt der Li­ne-Dan­cer und der Mäd­chen­tanz­grup­pe. Spä­ter am Abend füll­te sich das Lokal mit Män­nern und viele von Lau­ries Freun­din­nen ver­schwan­den mit ihnen für die Nacht. Auch Lau­rie fand je­man­den. Und plötz­lich tauch­te Ford neben mir an der Bar auf, wäh­rend ich mir ein Mi­ne­ral­was­ser be­stell­te.
Ich konn­te nicht ein­mal die Aus­re­de be­nut­zen, voll ge­we­sen zu sein, denn das war ich nicht. Wir haben uns stun­den­lang un­ter­hal­ten. Ich kann­te ihn be­reits, wuss­te von der Mat­t­hews-Ranch drau­ßen auf dem Land, wuss­te, dass er ein paar Jahre älter war als ich.
Wir ver­lie­ßen das Lokal zu­sam­men und fuh­ren zu ihm nach Hause, wo ich aus­flipp­te. Ich wein­te, weil er nicht Beau­mont war. Ich er­zähl­te ihm, dass ich außer mit Beau nur mit einem an­de­ren Kerl zu­sam­men ge­we­sen war und dass es in einer ab­so­lu­ten Ka­ta­stro­phe ge­en­det ist.
Ich habe ihn zu Tode er­schreckt.
Er bekam einen wirk­lich ko­mi­schen Ge­sichts­aus­druck, als ich ihm er­zähl­te, dass ich nach drei Jah­ren noch immer so hoff­nungs­los in Beau ver­schos­sen war, dass ich es aus der Ver­zweif­lung her­aus mit Ge­le­gen­heits­sex pro­biert und es nicht funk­tio­niert hatte. Dann sagte ich ihm, dass ich mir eine rich­ti­ge Be­zie­hung wün­sche, und, falls ihn das noch nicht gänz­lich ab­schreck­te, dass ich hei­ra­ten und Kin­der haben wolle.
Er fuhr mich nach Hause. Zu­ge­ge­ben, er war die ganze Zeit über ziem­lich süß, auch wenn er er­schro­cken wirk­te. Er be­glei­te­te mich sogar bis zu mei­ner Haus­tür und als wir vor die­ser stan­den, hat er meine Wange ge­strei­chelt, mir in die Augen ge­schaut und mir ge­sagt, dass Beau­mont mich nicht ver­die­nen würde.
Das ist meine Ford-Mat­t­hews-Ge­schich­te, und jetzt, sechs Jahre spä­ter, steht er wie­der neben mir und drückt seine Hand auf mei­nen Rü­cken.
Er ist um­wer­fend, groß, gut ge­baut, stark und ro­bust. Er trägt eine Base­ball­cap, eine ab­ge­nutz­te Jeans und ein per­len­be­setz­tes Hemd, das in einem Le­der­gür­tel steckt. Der Gür­tel hat eine runde Schnal­le, in des­sen Mitte der Buch­sta­be M ein­gra­viert ist.
Er ist der Traum eines jeden Mäd­chens vom Land. Seine schwie­li­ge Hand ist warm, aber ich spüre kei­ner­lei An­zie­hung. Rein gar nichts. Dann sagt der An­sa­ger etwas, das alle auf­schrei­en lässt. Ich schaue zur Bühne her­über, mein gan­zer Kör­per er­starrt und die Luft ent­weicht mei­nen Lun­gen, als ein Mann auf das Mi­kro­fon zu­geht.
„Hey, Gal­lup, ver­dammt, es fühlt sich so gut an, wie­der zu Hause zu sein.“

Beau­mont

Die Menge kreischt, der Lärm und die Vi­bra­tio­nen er­fül­len mich von innen her­aus und be­ru­hi­gen meine ver­narb­te Seele. Mein Team, das Label und mein Ma­na­ger woll­ten die Show wegen des Gel­des, aber ich brau­che sie, um mein In­ners­tes zu hei­len.
Fuck, das hier hatte ich nötig.
All meine Ängs­te ver­flie­gen mit dem ers­ten Schlag von Aus­tins Drum­sticks, dem ers­ten Ak­kord von Jesse, mei­nem Bas­sis­ten. Ich grin­se in die Menge; das Licht ist zu hell, als dass ich viel er­ken­nen könn­te, doch ich ent­de­cke so­fort meine Freun­de ganz hin­ten in der Nähe der Bar.
Ich winke ihnen zu, als die Band die Er­öff­nungs­num­mer zu spie­len be­ginnt.
Meine Fin­ger strei­chen über die Gi­tar­ren­sai­ten, wäh­rend ich mich in Rich­tung Mi­kro­fon be­we­ge. Ich schlie­ße meine Augen und be­gin­ne den Text zu sin­gen. Ich lasse die Musik spre­chen, wäh­rend meine Fin­ger Musik aus der Gi­tar­re zau­bern.
Als der erste Song endet, lege ich meine Hand um den Griff des Mi­kro­fons und scan­ne die Menge, bis ich end­lich meine Freun­de wie­der­fin­de.
„Ich bin ver­dammt froh, wie­der hier zu sein. Wie­der zu Hause zu sein. Die letz­ten Mo­na­te waren hart, doch jetzt fühle ich mich wie­der ver­flucht gut. Wie geht es euch allen?“, frage ich das Pu­bli­kum.
Die Menge bricht in Jubel aus und ich kann mir ein La­chen nicht ver­knei­fen. „Ich habe heute eine ganze Reihe von Freun­den hier, die mich un­ter­stüt­zen. Könnt ihr mal bitte meine Freun­de an­leuch­ten?“, frage ich und deute mit dem Kinn in ihre Rich­tung.
So­bald der Licht­ke­gel auf sie fällt, krampft sich mein Magen zu­sam­men. Da, di­rekt neben Ford, steht eine Frau, von der ich dach­te, dass ich sie nie wie­der­se­hen würde.
Hut­ton Bakers grüne Augen fin­den meine, und mir ent­geht lei­der nicht der Schmerz, der über ihr Ge­sicht huscht. Es ist neun Jahre her, doch als sich un­se­re Bli­cke be­geg­nen, fühlt es sich so an, als hätte ich sie erst ges­tern ver­las­sen.
Ich weiß nicht, wieso sie mit ihnen hier ist, aber ich kann keine Re­ak­ti­on dar­auf zei­gen. Zu­min­dest im Mo­ment noch nicht. Wäh­rend ich mit dem Set wei­ter­ma­che, be­ob­ach­te ich Ford. Er schenkt mir ein be­schis­se­nes Grin­sen, das mich glau­ben lässt, dass er genau weiß, wer Hut­ton für mich ist und was sie mir be­deu­tet, wäh­rend er neben ihr steht und sie be­rührt.
Nach mei­ner Zu­ga­be werfe ich mein Gi­tar­ren­plek­trum in die Menge, bevor ich ihnen eine gute Nacht wün­sche und die Bühne ver­las­se. Ich bin voll­kom­men durch­ge­schwitzt, von Kopf bis Fuß, und meine Gi­tar­re fühlt sich wie ein hun­dert­pfün­di­ges Ge­wicht an. Ich nehme sie ab und stel­le sie in die Hal­te­rung, damit ein Roa­die sie si­cher ver­stau­en und ich sie beim nächs­ten Gig wie­der be­nut­zen kann.
Knur­rend fahre ich mir mit den Fin­gern durch mein nas­ses Haar und male mir aus, wie ich mei­nen bes­ten Freund er­wür­gen werde. Er hat die ganze Zeit über an Hut­tons Seite ge­klebt. Und Hut­ton … Ver­damm­te Schei­ße, sie sieht gut aus. So gut, um sie zu ver­na­schen, dann zu fi­cken, dann noch ein paar Mal zu ver­na­schen und wie­der zu fi­cken.
Sie sieht nicht mehr wie die junge Frau aus, die ich einst kann­te. Sie ist fül­li­ger ge­wor­den, ihr Kör­per hat an Run­dun­gen ge­won­nen. Ihre Kur­ven sind gott­ver­dammt ver­lo­ckend. Aber die grü­nen Augen sind noch immer die­sel­ben: Welt­er­schüt­ternd und voll von Nai­vi­tät.
In der Um­klei­de­ka­bi­ne an­ge­kom­men, ziehe ich mir das nasse Hemd aus und tau­sche es gegen ein sau­be­res, tro­cke­nes ein.
„Lass hören, wie ist er im Ver­gleich zu frü­her, Hutt?“, fragt eine mir frem­de Stim­me.
Ich drehe mich um und run­ze­le die Stirn, als ich sehe, dass meine Um­klei­de voll von Men­schen ist, die ich liebe, und ein paar an­de­ren. Chan­ning, Exe­ter, Louis, Wyatt, Rylan, Hut­ton, die­ses merk­wür­di­ge Mäd­chen und dann der Mann, den ich töten werde: Ford.
Hut­ton spricht kein Wort. Ihre Augen sind auf mich ge­rich­tet, und zwar nur auf mich. Sie sieht aus, als wäre sie nur einen Wim­pern­schlag davon ent­fernt, in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Sie schüt­telt den Kopf und ver­sucht, einen Schritt zu­rück­zu­tre­ten, aber Ford lässt das nicht zu.
Wenn er nicht auf­passt, ist er bald ein Ran­cher, der eine gott­ver­damm­te Hand ver­liert – seine ei­ge­ne.
„Viel­leicht soll­ten wir für heute Schluss ma­chen und uns mor­gen zum Abend­es­sen tref­fen?“, schlägt Exe­ter vor, die of­fen­sicht­lich die ex­tre­me An­span­nung im Raum zu spü­ren scheint.
Das selt­sa­me Mäd­chen kommt auf mich zu und neigt den Kopf zur Seite, ehe sie eine Bier­fla­sche an ihre Lip­pen führt und einen Schluck nimmt. Es führt mich nicht in Ver­su­chung. Bier ist wie Was­ser. Es war der Whis­key, den ich im Über­fluss in mich hin­ein­ge­kippt habe. Es ist der Whis­key, den ich jetzt gerne hätte.
„Du bist also der be­rüch­tig­te Beau­mont Grif­fin“, mur­melt sie ge­ra­de so laut, dass ich es hören kann.
„Und du bist?“
„Wenn du nicht vor Jah­ren meine Freun­din nur be­nutzt hät­test, son­dern ihr Freund ge­we­sen wärst, wüss­test du, dass ich ihre beste Freun­din Lau­rie bin“, spuckt sie mir ent­ge­gen.
„Oooo­kay, Zeit für uns alle zu gehen“, ver­kün­det Louis.
Ich bli­cke die­ser Lau­rie nicht län­ger ins Ge­sicht, son­dern schaue über ihre Schul­ter, um Hut­ton in die Augen sehen zu kön­nen. Lei­der ist das nicht mög­lich. Sie blickt zu Boden und ich be­mer­ke, dass ihre Schul­tern zit­tern.
„Alle raus hier“, brül­le ich.
Lau­rie zuckt zu­sam­men und ohne ein wei­te­res Wort zu ver­lie­ren, macht sie auf dem Ab­satz kehrt und mar­schiert aus dem Raum. Auch die an­de­ren gehen, doch als Hut­ton sich be­wegt, springt mir das Herz, bei dem Ge­dan­ken daran, dass sie ver­schwin­det, fast aus der Brust.
„Außer Hut­ton, du bleibst“, belle ich schrof­fer als ei­gent­lich be­ab­sich­tigt.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.